
"Tradwives machen ein Sehnsuchtsfenster auf"
Gerlinde Pölsler in FALTER 10/2026 vom 04.03.2026 (S. 24)
Fast wäre Barbara Haas selbst in den "Tradwife"-Content gekippt: Wo "traditionelle Ehefrauen" Sauerteig ansetzen und an den Herd eilen, sobald Mann oder Kind Gusto auf ein bestimmtes Gericht äußern. "Ganz ehrlich", schreibt Haas, "ein Teil von mir fand das verführerisch. Ein kleines, erschöpftes Ich sehnte sich nach einem Leben voller Kinderlachen und selbst gebackenem Brot - und ohne die E-Mail, die um 22.03 Uhr noch eine ,kurze Rückfrage' stellt."
Doch dann wurde die "Kleine Zeitung"-Redakteurin, Podcasterin und Mutter vierzehnjähriger Zwillinge grantig und begann zu recherchieren: Wer sind die Frauen hinter den Accounts, die ihren Geschlechtsgenossinnen das Rosarote vom Hausfrauenhimmel erzählen? Hannah Neeleman von der "Ballerina Farm" (USA) zum Beispiel, 35, Topfigur nach acht Kindern. Die Deutsche Nara Smith, 24, vier Kinder, immer todschick. Oder die in Wien lebende rechte Influencerin Brittany Sellner, Ehefrau von Identitären-Chef Martin Sellner. Mitte Februar ist Barbara Haas' Buch "Bullshit mit Blümchenkleid" erschienen. Der Falter hat mit ihr über "das Perfide an Tradwives" gesprochen und warum der Weg von der Apfeltarte zu extrem rechten Inhalten sehr kurz sein kann.
Falter: Frau Haas, Sie beginnen mit einer der erfolgreichsten Tradwives, Hannah Neeleman. Ihr kann man zusehen, wie sie neben acht Kindern selbst die Butter schlägt oder zwölf Tage nach der Geburt ihres achten Kindes zur Mrs.-World-Wahl antritt, der Miss-Wahl der verheirateten Frauen. Das klingt so abgespaced -warum soll uns das interessieren? Barbara Haas: Weil sich Millionen von Menschen, großteils Frauen, für diese scheinbare Idylle interessieren. Allein auf Tiktok sind unter dem Hashtag #tradwife über 120 Millionen Videos zu finden. Das wirft schon die Frage auf: Warum fasziniert das so viele Frauen? Ich verstehe es sehr gut. Mich hat's auch fasziniert.
Was genau?
Haas: Die Ästhetik in diesen Videos ist wirklich catchy. Da wird sinnlich gekocht, da werden Lebensmittel "from scratch" hergestellt, also alles von Grund auf. Da denkt man sich: Na ja, so ein Sauerteigbrot, das hat schon was. Ich glaube, viele beginnen sich zu fragen: "Ist es nicht deppert, dass immer alles schnell schnell gehen muss? Dass wir immer alles fertig in Plastik verpackt kaufen?"
Wo ist dann das Problem?
Haas: Die Form von Weiblichkeit, die uns da präsentiert wird, ist schon sehr problematisch. Es zeigt: Als Frau bin ich dann wertvoll, wenn ich gut ausschaue, nach Möglichkeit weiß bin, ganz sicher dünn bin, viele Kinder kriege, für die Familie sorge und meinem Mann den Rücken frei halte.
Gibt 's gar keine dicken Tradwives?
Haas: Mir ist keine untergekommen. Vor allem ist keine erfolgreiche Tradwife älter als 40. Da hört es sich nämlich auf: In dem Moment, wo du Falten kriegst und aus dem normschönen Raster rausfällst, hast du keinen Erfolg mehr.
Ihnen sind bei Ballerina Farm ein paar Widersprüche aufgefallen.
Haas: Ja, zum Beispiel bekommen ihre Kinder null Social-Media-Zeit, sind selber aber ab ihrer Geburt auf Social Media zu verfolgen. Der Sunday Times hat Neeleman erzählt, wie es ihr nach der achten Geburt und vor der Misswahl ging. Sie sagte zu ihrem Mann: "Ich weiß nicht, ob ich gehen kann. Das ist zu viel. Ich blute, bin geschwollen, die Milch kommt." Doch am siebten Tag machte sie wieder Ballettübungen, am zehnten kam die Sprühbräune, am zwölften stand sie auf der Bühne. Da sieht man, was die sich zumutet. Auf ihren Plattformen geht es ihr aber immer nur gut. Für andere Frauen, die das schon mit einem oder zwei Kindern nicht so hinkriegen, erzeugt das einen massiven Druck.
Nun ist ja Sauerteigbrotbacken das eine, aber warum will man deswegen gleich seinen Beruf hinschmeißen?
Haas: Viele Frauen sind mit Kindern, Haushalt und Erwerbsarbeit überfordert. Und die Tradwives machen so ein Sehnsuchtsfenster auf: Was wäre, wenn alles ein bisschen einfacher wäre? Wenn ich nicht ständig um sieben Uhr früh schon genervt wäre und meine Kinder mehr genießen könnte?
Sie meinen, viele Versprechungen an Frauen hätten nicht gehalten. Etwa die "Girl Boss"-Mentalität von Anfang der 2000er-Jahre, als Britney Spears gesungen hat: "You want a Lamborghini? You better work, bitch!"
Haas: Ja, damals hieß es: Wenn Frauen sich nur mehr reinhängen und besser verhandeln, dann wird es keine gläserne Decke mehr geben. Das hat sich nicht erfüllt und das konnte sich auch nicht erfüllen, weil wir strukturell genau gleich dastehen wie vor der "Girl Boss"-Ära.
Wie meinen Sie das?
Haas: Wenn eine Frau ein Kind kriegt, dann kann sie einfach ihre Karriere über viele Jahre vergessen, egal wie schnell sie wieder arbeiten geht. Diese "Motherhood Penalty", diesen Einkommensverlust von Frauen nach der Geburt, hat die Wirtschafts-Nobelpreisträgerin Claudia Goldin nachgewiesen. Und die heute jungen Frauen haben zum Teil schon bei ihren Müttern mitbekommen, dass das nicht aufgegangen ist.
Was müsste passieren, damit sich das ändert?
Haas: Eine verpflichtende Väterkarenz wäre ein Weg. Aber kein lustiger "Papa-Monat", sondern eine Regelung, die Väter tatsächlich in die Pflicht nimmt, ähnlich wie in Schweden oder Island. Sobald ein Kind nicht mehr nur das "Problem" der Frau ist, ändert sich das System.
Aber was sagen Sie zum Argument "Wahlfreiheit"? Wenn eine Tradwife sein will, darf sie das doch.
Haas: Freie Wahl wäre ja super, aber: Sich ausschließlich für Care-Arbeit zu entscheiden, bedeutet finanzielle als auch emotionale Abhängigkeit. Du musst mehr schlucken, vielleicht sogar häusliche Gewalt. Darüber aufzuklären dürfen wir nicht müde werden.
Verraten die Tradwives auch, wie sie sich die finanzielle Absicherung vorstellen?
Haas: Estee C. Williams hat auf die Frage, wie das denn wäre, wenn sie sich scheiden lassen würde oder ihr Mann, Gott behüte, sterben würde, gesagt, dann würde sie wieder zu ihren Eltern ziehen. Wobei: Die erfolgreichen Tradwives verdienen mit ihren Followern ja jede Menge Geld.
Können Sie Zahlen nennen?
Haas: Die Social-Media-Einkünfte von Ballerina Farm mit ihren etwa 22 Millionen Followern werden auf zirka 350.000 US-Dollar im Jahr geschätzt. Dazu kommt der riesige Shop, in dem ihre Fans das Brot, Fleisch und das, was die sonst noch auf ihrer Farm herstellen, kaufen können. Davon kann sie schon viele Mitarbeiter zahlen. Neeleman und ihr Mann Daniel konnten die Farm aber nur kaufen, weil Daniels Vater einst viele Airlines gegründet hat. Daniels Vermögen wird auf etwa 400 Millionen Dollar geschätzt.
Neeleman ist also gar keine Hausfrau, sondern eine erfolgreiche Geschäftsfrau.
Haas: Und das ist das Perfide daran: Das, was sie propagiert -"kümmere dich einfach um deine Familie!" -, führt bei allen anderen Müttern auf der Welt in Richtung Altersarmut. Die Tradwives machen also ein Geschäft damit, anderen Frauen zu sagen, dass sie zu Hause bleiben sollen.
So wie Erika Kirk, die Witwe des ermordeten rechten Influencers Charlie Kirk
Haas: Genau. Erika Kirk ruft Frauen dazu auf, zu tun, was ihre Männer ihnen sagen. Sie selbst hat nach dem Tod ihres Mannes sofort dessen "Turning Point America"-Bewegung übernommen. Schon vorher war sie Influencerin, führt ein Immobilienbusiness und einen Bibelbuchclub. Für rechtspopulistische Parteien sind solche Frauen ein Gottesgeschenk.
Sie widmen auch Brittany Sellner einigen Platz, die in Wien lebt und mit dem Identitären-Chef Martin Sellner einen Sohn hat. Was sind deren Botschaften?
Haas: "Lass dir von der woken Gesellschaft nicht vorschreiben, wer du als Frau bist. Dich zeichnet deine Femininität aus. Mann und Frau sollen sich ergänzen, der Mann politisch und finanziell der Bestimmer sein. Die Frau bestimmt dafür bei Kindern und Haushaltsführung." Sie selbst ist gleichzeitig eine politische Aktivistin und schreibt Bücher wie "Patriots Not Welcome", in dem es um die angebliche Zurückweisung von patriotischen Menschen zugunsten von Migrantinnen und Migranten geht.
Sie schreiben: "Der Weg von der Apfeltarte zum Anspruch auf weiße Vorherrschaft kann algorithmisch kürzer sein, als uns lieb ist." Das müssen Sie erklären.
Haas: Mir ist das selber passiert: Ich habe bei Hannah Neeleman angefangen und war drei Stunden später auf einem verschwörungstheoretischen Frauenforum. Dort ging es darum, warum migrantische Familien so viele Kinder bekommen, es aber so wenige weiße Kinder gibt. Und irgendwann landet man bei Seiten, wo es um "White Baby Challenges" geht, also darum, so viele weiße Babys wie möglich in die Welt zu setzen.
Aber bis man dorthin kommt, muss man schon eindeutige Inhalte anklicken, oder?
Haas: Aber es kommt eben so schleichend daher. Man bekommt keine MAGA-oder FPÖ-Videos reingespült.
Neuerdings propagieren auch beruflich höchst erfolgreiche Frauen wie die deutsche Rapperin Shirin David das Hausfrauentum. David sagt, sie wäre gern "einfach eine Wifey. Ich will nicht arbeiten, ich will diese Entscheidungen nicht treffen". Wie erklären Sie sich so was?
Haas: Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte, dass Frauen die Arschkarte verteidigen und anderen Frauen erklären, ihr Platz sei zu Hause, wobei das für sie selber überhaupt nicht zutraf: In den USA etwa trug Anfang der 1970er die republikanische Politologin Phyllis Schlafly mit ihrer Anti-Feminismus-Kampagne zum Scheitern des "Equal Rights Amendment" bei - eines Verfassungszusatzes, der die Gleichberechtigung der Geschlechter festgeschrieben hätte.
In Ihrem Buch spielt Ihre Mutter eine große Rolle, die Landwirtin auf einem Milchkuhbetrieb war und sieben Kinder großgezogen hat. Sie bezeichnen sie als Tradwife 1.0. War sie nicht beleidigt? Sie hat ja hart gearbeitet und konnte keine Angestellten in den Stall schicken.
Haas: Lustig, das haben mich schon viele gefragt: Nein! Sie hat zwar immer im Betrieb mitgearbeitet, für die Care-Arbeit war sie aber fast alleine zuständig. Und stand nach dem Tod meines Vaters vor einem finanziellen Scherbenhaufen, ohne je wirklich über die finanzielle Lage am Hof informiert worden zu sein. Sie sagt heute aber sehr klar, sie würde Frauen vom Tradwifewerden abraten: weil es die Potenziale von Frauen einfach pulverisiert.
Welche Rolle spielen Tradwives in Österreich bereits?
Haas: Der Trend wird sehr wohlwollend aufgenommen. Laut Expertinnen wird er nach Deutschland auch in Österreich massiver werden. Ich glaube es ja eher nicht.
Warum?
Haas: Weil in Österreich die meisten Familien, bei dem hohen Teilzeitanteil der Frauen, ohnehin nach einem Tradwife-Konzept leben. Ich komme vom Land und sehe auch, wie sich Familien dort entwickeln. Zwischen dem, was als Tradwife gelabelt ist, und normalem Familienleben besteht gar kein so großer Unterschied.


