Die Einsamkeit des modernen Menschen

Wie das radikale Ich unsere Demokratie bedroht
€ 18.5
Lieferung in 2-5 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:

Der moderne Individualismus ist zum Problem der westlichen Staaten geworden. Die Befreiung des Ichs führt in übersteigerte Ansprüche nach dem perfekten Leben. Bleibt es aus, folgen Enttäuschung, Aggression, Protest. Am Ende entlädt sich der Frust in der Ablehnung eines ganzen gesellschaftlichen Systems, im Extremfall in Hass. So gefährdet der Individualismus die Demokratie. Ist er als Idee noch zukunftsfähig?
Mit der Renaissance ist der Individualismus angetreten, den Menschen aus den Zwängen von Tradition und Glauben zu befreien. Doch diese Freiheit brachte auch Vereinzelung, gemeinschaftsferne Lebensentwürfe und Konkurrenz. Menschen sind plötzlich allein auf sich zurückgeworfen. Die Gesellschaft zerfällt in wenige Gewinner und viele Verlierer. Heute ist das Individuum erschöpft, überfordert – und protestiert: im Schrei nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Einzigartigkeit. Die politische Konsequenz heißt Populismus, Desintegration und Gewalt. Wo ist der Ausweg? Wie kann es uns gelingen, wieder mehr Gemeinsinn zu entfalten – und dennoch uns selbst treu zu bleiben?

weiterlesen
FALTER-Rezension

„Eins“ und „gemeinsam“ zugleich

Einsamkeit ist schon seit einigen Semestern der letzte heiße Scheiß. Sie sei eine „Epidemie im Verborgenen“ wird konstatiert, Sozialpsychologen schreiben populäre Bücher darüber, es wird beschrieben, dass sie unter Studierenden genauso grassiert wie unter alleinlebenden Rentnern und Rentnerinnen. Sogar in schlecht funktionierenden Paarbeziehungen macht sie sich breit, wenn sich Menschen nur mehr anschweigen. Existenzielle Einsamkeit kann das ganze Dasein unterminieren und Mediziner haben nachgewiesen, dass sie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und viele andere Pathologien auslösen kann. Kaum eine Zeitung, die sich nicht dem „Lebensgefühl unserer Zeit“ (Profil) gewidmet hat. In Großbritannien gab es sogar eine Regierungsbeauftragte, die dann als global erste „Einsamkeitsministerin“ für Schlagzeilen sorgte; durch die Corona-Maßnahmen wurde das Thema noch einmal virulenter.

Man kann also getrost das Urteil abgeben, dass zum Thema „Einsamkeit“ schon viel gesagt wurde. Und dennoch ist es dem deutschen Journalisten Martin Hecht gelungen, ein Buch über „Die Einsamkeit des modernen Menschen“ zu schreiben, das über das tägliche Geplapper hinausgeht. Denn mit soziologischen Kategorien alleine – etwa über die Zunahme von Single-Haushalten, die heutige Mobilität, die sehr viele Menschen in Städte verschlägt, in denen sie niemanden kennen, oder über den Zerfall der Familie und die daraus folgende Einsamkeit der Alten – ist es bei dem Thema nicht getan. Hecht hat so etwas wie eine „Philosophie der Einsamkeit“ geschrieben. Einsamkeit, so konstatiert er, ist „eine Art soziales Virus, das kollektiv über die gesamte Gesellschaft gekommen ist“.

Die Moderne ist eine Geschichte der Individualisierung und das heißt zunächst: Das entwickelte Individuum, das seine Freiheit lebt, seine Talente entwickelt, wird zu einem hohen gesellschaftlichen Wert. Zugleich werden alte traditionelle Bindungen zersetzt, im Dorf, in überschaubaren Kollektiven, in der Familie. „Alles Ständische und Stehende verdampft“, hat schon Karl Marx proklamiert. Zunächst entstehen damit noch neue Bindungen und Solidaritäten, in den Stadtvierteln, durch die Arbeiterbewegung, in Parteien, Vereinen, was auch immer.

Aber mit den zweiten Individualisierungsschüben gehen auch diese Bindewirkungen verloren. „Mach dein Ding“ wird zum Zeitgeist. All das ist hochgradig ambivalent. Der legendäre Soziologe Georg Simmel hat schon vor 100 Jahren beschrieben, wie uns etwa die moderne Geldwirtschaft befreit: Wir müssen uns mit dem Bäcker nicht mehr anfreunden, er gibt uns Brot, wenn wir ihm für ein „Bitte“ und „Danke“ ein paar Münzen auf dem Tresen legen. In den modernen Städten können wir nebeneinander her leben, sind befreit von sozialer Kontrolle.

Die alte Enge in der kuhwarmen Küche, sie war bedrückend, und die Menschen hatten ihre Gründe, aus ihr auszubrechen. Millionen Menschen haben bewusst die Freiheit der Individualisierung gewählt, und über Millionen andere kam sie, gewissermaßen via sozialen Wandel, von selbst. Der Preis ist aber existenzielle Einsamkeit.

Eine Einsamkeit, die man durchaus in Gesellschaft empfinden kann. Auch Fabrikarbeiter können sie erleben, wenn allen klar ist, es gibt zwar Kollegengeist, aber zugleich auch Entsolidarisierung – und letztendlich kämpfen alle nur um das eigene Überleben.

Hinzu kommen die Ich-Ideologie und seine Ausformungen, das Posertum, die Statuskonkurrenz. Aber bei all dem machen wir – die Menschen in einer solchen Gesellschaft – auch mit, halb freiwillig, halb unfreiwillig, mal bedachter, mal undurchdachter. Es gibt zugleich ein Begehren, eine Lust – und eben auch ein Leiden daran. Wir wollen als Individuen etwas „Besonderes“ sein, also uns von anderen absetzen, zugleich aber natürlich in unserer „Besonderheit“ anerkannt, wenn nicht gar bewundert werden – wofür wir die anderen wiederum unbedingt benötigen. Das einsame Ich macht Selfies, stellt sie auf Instagram, ersehnt die Anerkennung anderer Ichs und ist zugleich noch viel einsamer, wenn es sich deren scheinbar glückliche Leben in seiner Timeline ansieht.

Die Einsamkeit ist etwas gänzlich anderes als das Alleinsein. Schon der Begriff selbst ist eigentümlich. Etymologisch ist er ein ulkiger Zwitter aus „eins“ und „gemeinsam“.

Fraglich ist, ob die peinigende, chronische Einsamkeit tatsächlich heute zunimmt. Belastbare Daten sind rar. In den verschiedensten Ländern, die darüber längere Datenreihen erhoben, erleben rund fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung Einsamkeit als chronische Belastung. Schlimm genug. Aber drastische Zunahme zeigen die Daten keine. Vertrauen darf man solchen Daten sowieso nur begrenzt, wie der deutsche Forscher Janosch Schobin herausfand. In solchen Surveys, so Schobin, erkenne man, „dass sehr kleine Veränderungen im Fragelaut, aber auch in der Fragetechnik zu unglaublich großen Unterschieden führen“. Fragt man 1000 Menschen in Interviews, sind nicht sehr viele einsam. Nähert man sich ihnen in Onlineumfragen, sind es sehr viel mehr. Das kann daran liegen, dass man im direkten Gespräch nicht gerne zugibt, einsam zu sein. Oder daran, dass man gleich weniger einsam ist, wenn einen ein Wissenschaftler oder eine Wissenschaftlerinnen befragt.

Auch wer eingewoben ist in Fäden und Netze des Sozialen, hat oft eher Bekannte als enge Freunde. Man driftet durch oberflächliche Begegnungen. Sogar Partnerschaften sind flüchtig. Martin Hecht beschreibt all das geistreich und klug. Der Einsame ist „ein bedürftiger Mensch“, schreibt er und es wird klar: Die Einsamen sind nicht irgendwelche anderen, sondern wir selbst.

Heute bedrohe dieser Hyperindividualismus schon die Demokratie, da sich unverbundene Vereinzelte nur mehr schwer langfristig für gemeinsame Anliegen einsetzen können und unsere Ansprüche an das glückliche Ich zu programmierter Frustration und Wut führen.

Robert Misik in Falter 32/2021 vom 13.08.2021 (S. 18)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783801205881
Erscheinungsdatum 26.05.2021
Umfang 208 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Format Taschenbuch
Verlag Dietz, J H
Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:
Thomas Sealy
€ 142,99
Francois Mauriac, Elie Wiesel, Reinhold Boschki
€ 14,40
Will Buckingham, Felix Mayer
€ 16,50
Tobias Bunde, Benedikt Franke
€ 80,20
Gunda Frey
€ 20,50
Christopher Schrader, www.klimafakten.de
€ 35,00
Peter Schadt
€ 10,20