Die Familie Manzoni

von Natalia Ginzburg

€ 13,30
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Übersetzung: Maja Pflug
Übersetzung: Andrea Spingler
Verlag: Wagenbach, K
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Romanhafte Biografien
Umfang: 456 Seiten
Erscheinungsdatum: 15.08.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Der Wagenbach Verlag gedenkt Natalia Ginzburgs mit Sammlungen von Selbstzeugnissen und Essays, mit wieder aufgelegten Romanen und einem Hörbuch.

Es gibt tote Schriftsteller, über die im Feuilleton Einigkeit herrscht: Hier gehören Leben und Werk immer wieder gefeiert, damit nichts aus dem kulturellen Gedächtnis verschwindet. Und es gibt solche, denen es schon zu Lebzeiten schwer fiel, für sich und ihre künstlerischen Belange zu werben. "Es fällt schwer, von sich selbst zu sprechen", gestand die italienische Schriftstellerin Natalia Ginzburg in einem großen Radiointerview, das im Frühjahr 1990 in mehreren Folgen über den Äther ging, "aber es ist schön." Die Gespräche mit Kritikern und Kollegen sollten das erste und einzige Mal sein, dass die Autorin ausführlich über ihre Person und ihre Bücher plauderte. Über ein Jahr später starb sie, am 8. Oktober 1991, in Rom. Zum zehnten Todestag hat der Wagenbach Verlag aus den langen Gesprächen über das Handwerk des Schreibens, das Theater und die Politik einen Band mit "Selbstzeugnissen" geschneidert. Wie um keine andere seiner Autorinnen bemüht sich Wagenbach schon seit langem um die große Dame der unabhängigen Linken Italiens, für die er mit Alice Vollenweider und vor allem mit Maja Pflug zwei kongeniale Übersetzerinnen gefunden hat. Band für Band tastete er sich an eine Gesamtausgabe heran. Fürs Jubiläums- Kondolenztischchen blieb nicht mehr viel: eine Auswahl mit kleiner Prosa, Aufsätzen und Essays, in denen Ginzburg dafür wirbt, die "kleinen Tugenden" wie "Gleichgültigkeit gegenüber Geld" über die großen wie Vorsicht und Sparsamkeit zu stellen. Hinzu kommt eine Neuausgabe von "Die Familie Manzoni", Ginzburgs einzigem historischen Roman, der dokumentarisch über die weitläufige Sippe des romantischen Dichters Alessandro Manzoni erzählt – nicht ihr bester. Was die Machtpolitik, die immer wieder in unsere Biografien hineinpfuscht, mit uns Menschen anzustellen vermag, ist das eigentliche Thema, um das alle großen Romane Ginzburgs kreisen.Wie es zugeht unter den einfachen Menschen, die von den Anforderungen ihrer Zeit überfordert sind und durch Faschismus und Nachkriegszeit stolpern – und durch die 68er-Ära, die Ginzburg zufolge die italienische Gesellschaft ihrer sozialen Strukturen beraubt. Jeder bedarf der Familie als eines Hafens der Geborgenheit, in den er immer wieder zurückkehren kann. Diese traditionellen Formen des Zusammenlebens hätten die Protagonisten der sexuellen Revolution um der Befreiung des Individuums willen zerstört – so Ginzburgs Vorwurf. Ginzburgs Schriftstellerkarriere beginnt mit der Heirat mit dem russischstämmigen jüdischen Intellektuellen und Antifaschisten Leone Ginzburg im Jahr 1938. Schnell entwickelt sie die ihr ureigene nüchterne und ausgemergelte Sprache, deren "Nacktheit und Wesentlichkeit eine Rebellion darstellte, die Armut zu einem Stil erhebt und diese dem Triumphalismus des Faschismus entgegenstellt, wie Cesare Garboli in dem Radiointerview 1990 bemerkt hat. 1940 folgt Ginzburg ihrem Mann in die Verbannung. Im kargen Dörfchen Pizzolio in den Abruzzen lernt sie die Einsamkeit und die Schwermut kennen, die Grundgefühle all ihrer Bücher, aus denen heraus ihr nichts anderes möglich ist, als die Lebensträume ihrer Protagonisten platzen zu lassen. Pizzolio bildet die Kulisse für ihr Debüt "Die Straße in die Stadt" (1942), einer mit verstörender Gleichgültigkeit erzählten Geschichte zweier Schwestern, die sich ein wohlsituiertes Leben in der Stadt ersehnen und von denen die eine stets auf der Seite der Glücklichen steht, während die andere alles verliert. Nach dem Sturz Mussolinis geht Leone 1943 nach Rom und taucht in den Untergrund ab. Im November wird er verhaftet und stirbt am 5. Februar 1944 an den Folgen der Folter. Nie mehr würde die Depression aus Natalia Ginzburgs Kurzromanen verschwinden. In "So ist es gewesen" beendet ein Schuss die Apathie eines durchschnittlichen Ehelebens. In "Alle unsere Gestern" von 1952 stirbt ein Jude und mit ihm das Wissen, dass Selbstbestimmung zur hohlen Phrase verkommt, sobald ein Diktator regiert, und dass es in Krisenzeiten weniger als einen Pfifferling wert ist. "Alle unsere Gestern" war ein Faustschlag in die Magengrube jener, die die eigene Zivilisiertheit für einen Schutz vor dem Barbarentum hielten. Mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versucht eine Familie, sich und ihre jüdischen Mitglieder durch die nicht enden wollenden Jahre des Faschismus zu bringen. Sie strampeln sich ab und sind doch nur Marionetten, deren Bewegungen von der Zentrale der Macht gesteuert werden. Die Zähigkeit ist ihre einzigen,Waffe, und als dann in den Tagen der Befreiung die Rettung endlich zum Greifen nahe ist, können sie nicht mehr. Nach der Begfreiung hält sich Ginzburg als Lektorin und Übersetzerin für den Einaudi- Verlag über Wasser. Anerkennung als Schriftstellerin erfährt sie erst 1963, als sie für das "Familienlexikon" den Premio Strega, den bedeutendsten Literaturpreis Italiens, erhält. Die literarischen Erinnerungen an die schwierigen Zeiten des Erwachsenwerdens während des Faschismus sind Wagenbachs Jubiläumsausgabe Nummer vier – als traditionelles oder als Hörbuch, gelesen von Cornelia Froboess. Natalia Ginzburg stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Familie, in deren Turiner Haus sich in Kindertagen die Angehörigen des antifaschistischen Widerstands die Klinke in die Hand drückten. Das historische Personal ihrer Jugend setzte Ginzburg so authentisch und komplett in Szene, dass der Roman heute an Italiens Schulen auf dem Geschichtelehrplan steht.

Martin Droschke in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 15)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

"Es fällt schwer, von sich selbst zu sprechen, aber es ist schön."
Die kleinen Tugenden (Natalia Ginzburg, Maja Pflug, Martin Droschke)
Familienlexikon (Natalia Ginzburg, Alice Vollenweider)
Familienlexikon (Natalia Ginzburg)

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