Lieferketten

Risiken globaler Arbeitsteilung für Mensch und Natur
€ 18.5
Lieferung in 2-5 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:

Lieferketten entwickelten sich bereits im Frühkapitalismus, wurden im Zeitalter des Imperialismus ausgeweitet und bekamen seit den achtziger Jahren einen enormen Schub. Caspar Dohmen beschreibt aber nicht nur, wie das globale Geflecht von Lieferketten historisch entstanden ist, sondern auch, auf welchen Mechanismen und Machtinteressen es beruht und welche Schäden es anrichtet. Denn so lukrativ dieses Konstrukt für einige wenige Akteure sein mag, gleichzeitig ist es höchst prekär: Die Rohstoffe werden knapper, globale politische Konflikte führen zu Engpässen, und die Ausbeutung nimmt stetig zu – weltweit sterben täglich 6. 000 Menschen bei oder infolge ihrer Arbeit.
Gesetzliche Regelungen sind in Deutschland und der EU überfällig, aber hoch umstritten. Institutionen wie die Welthandelsorganisation sind geschwächt, die internationalen Handelsverträge stehen in der Kritik, Firmenskandale häufen sich. Der Ruf nach Nachhaltigkeit und fairen Arbeitsbedingungen, nach einer Bilanzierung der wahren Kosten inklusive ökologischer Schäden wird lauter.

weiterlesen
FALTER-Rezension

Handelt fair – sonst sind wir geliefert!

Bangladesch, 2019. 3500 Näherinnen sitzen in bunten Saris an den Maschinen. An den Produktionslinien hängen Smileys: „Lächelt einer, hat die Linie ihr Pensum erfüllt, schaut er traurig, sind die Näherinnen in Verzug.“ Während die Frauen zu Niedrigstlöhnen für Konzerne wie H&M, C&A oder Lidl nähen, wird auch hier ausgelagert, was geht: Das Essen liefert eine Fremdfirma, eine weitere entsorgt die Stoffreste im Hof.

Mitte Februar hat die deutsche Bundesregierung ihr Lieferkettengesetz präsentiert. Auch die EU-Kommission hat für den Frühling eines angekündigt. Es ist also ein höchst aktuelles Thema, das sich Caspar Dohmen, Autor der Süddeutschen Zeitung und Radiomacher, etwa für den Deutschlandfunk, in seinem Buch mit dem schlichten Titel „Lieferketten“ vorgeknöpft hat.

Er gibt einen kompakten Überblick über die Auswirkungen davon, wie Arbeit zerstückelt und über den Erdball verteilt wird. Dabei kann er aus jahrelangen Recherchen schöpfen. Dohmen hat Bücher über Fairtrade und Schattenwirtschaft sowie das Buch zum Film „Let’s Make Money“ (2008) geschrieben. Er hat die Näherinnen in Bangladesch selbst besucht, genauso wie Kakaobauern in Côte d’Ivoire oder Arbeiter und Manager in mehr als 20 weiteren Ländern.

Globale Arbeitsteilung ist zwar an sich nicht neu, schon die mittelalterliche Seidenstraße beruhte darauf. Neu ist das Ausmaß, schreibt Dohmen und zitiert das Lehrbuch des Harvard-Professors Michael Porter aus dem Jahr 1985, der Unternehmen riet: Beschränkt euch nur noch auf jene Funktionen, mit denen ihr die höchsten Gewinne einfahrt. Alles andere lagert aus!

Binnen weniger Jahre setzten Manager dies in einem Ausmaß um, das früheren Unternehmensbossen absurd erschienen wäre: Sogar das Herzstück ihrer Unternehmungen lagerten sie aus, die Fertigung. Heute spannt sich bei Kleidungsstücken eine etwa zehnstufige Lieferkette vom Baumwollfeld bis zur Konfektion. Autos werden in bis zu 15 Stufen gefertigt, und bei vielen Produkten lässt sich am Ende gar nicht mehr nachvollziehen, woher die Rohstoffe stammen. So konnte der US-Schokomacher Mars 2019 weniger als ein Viertel seines Kakaos bis zu den Bauern zurückverfolgen.

Manager-Guru Porter hatte aber noch mehr geraten: Gebt eure Aufträge den Billigstbietern und verteilt sie unter jenen, die am härtesten konkurrieren! Eine solche Denke, zusammen mit immer längeren und zunehmend anonymen Lieferketten, bringt unweigerlich die Ausbeutung von Mensch und Natur mit sich. So wie in Rana Plaza, wo das schwerste Unglück in der Geschichte der Textilindustrie passierte. Am 24. April 2013 stürzte eine Textilfabrik binnen 90 Sekunden in sich zusammen. 1134 Menschen starben, mehr als 2400 wurden verletzt oder verstümmelt. Vorwarnungen hatten die Chefs einfach ignoriert.

Dohmen ruft in Erinnerung, dass es bei der Gewinnung von Rohstoffen für Laptops und Handys oft Kinder sind, die mit der Spitzhacke Seltene Erden aus dem Boden schlagen. Er weiß der Öffentlichkeit aber auch kaum Bekanntes zu berichten: dass ihre neuen Jeans von nordkoreanischen Zwangsarbeitern genäht worden sein könnten – China lagert gerne dorthin aus. Und wie erpresserisch Modefirmen in der Corona-Pandemie gegenüber asiatischen Fabriken vorgehen: Reihenweise stornierten sie einfach Aufträge, sogar für schon gefertigte Waren.

Manche werden nun einwenden: Aber vieles hat sich doch schon gebessert! Was ist mit der freiwilligen Selbstverpflichtung von Konzernen? Was mit Fairtrade und der Macht der Konsumenten? Darauf antwortet Dohmen ungewohnt ruppig. Dieses Narrativ werde aus zwei Gründen hochgehalten: „Dummheit oder Gerissenheit“. Fairer Handel erfülle zwar eine wichtige Funktion, indem er zeige, wie es auch gehen kann. Solange es allerdings massenhaft umweltschädlich und unsozial hergestellte Waren gebe, würden soziale und saubere Lieferketten eine Nischenangelegenheit bleiben.

Das klingt pessimistisch, ist aber wohl bloß realistisch. Gut, dass der Autor auch recht klare Konzepte dafür liefert, wie den Problemen beizukommen wäre: mit strengen Gesetzen. Er dekliniert Beispiele bestehender Regelungen durch, etwa die der EU und der USA zu Gold oder Seltenen Erden oder den UK Modern Slavery Act.

Alle haben ihre Stärken und Grenzen: Die einen nehmen nur einen kleinen Teil der Unternehmen in die Pflicht, die anderen nur einen kurzen Abschnitt der Lieferkette. Oft fehlen wirksame Sanktionsmöglichkeiten. Österreich findet im Buch übrigens nur ein einziges Mal Erwähnung; tatsächlich steht die Debatte hierzulande erst am Beginn. Das deutsche Lieferkettengesetz war bei Andruck des Buchs noch nicht bekannt; inzwischen ist nachzulesen, dass Dohmen es für einen passablen Kompromiss hält.

Freilich könnten nationale Regelungen nur der Anfang sein, argumentiert er, doch je mehr es davon gebe, desto weniger Unternehmen können sich alleine aufgrund ihres Standortes aus der Verantwortung stehlen. Und um so wahrscheinlicher würden auch supranationale Regelungen, „weil Länder mit wirksamen Lieferkettengesetzen einen Wettbewerbsnachteil ihrer Unternehmen natürlich verhindern wollen“.

Das klingt plausibel. Und falls jemand meint, das Thema brauche den globalen Norden wenig zu kratzen: großer Irrtum! Nicht nur in Bangladesch könnten die Näherinnen samt Smileys bald aus den Fabriken verschwinden, weil Roboter gerade nähen lernen. Schon wetteifern auch höher Qualifizierte aus Nord und Süd über digitale Plattformen um Aufträge zur Software- oder Designentwicklung. Und dabei, so Dohmen, „geht es zu wie im wilden Westen – regellos“.

Gerlinde Pölsler in Falter 11/2021 vom 19.03.2021 (S. 42)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783803137067
Erscheinungsdatum 11.03.2021
Umfang 176 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Format Hardcover
Verlag Wagenbach, K
Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:
Jan Fleischhauer
€ 13,40
Ashley Dawson
€ 20,50
Monika Rößiger
€ 20,60
Jürgen P. Rinderspacher
€ 17,40
Ibram X. Kendi, Alina Schmidt
€ 12,40
Eren Yıldırım Yetkin
€ 29,80
Armin Pfahl-Traughber
€ 18,50
Wioletta Knapik, Magdalena Kowalska, Tomasz Maslyk, Danka Moravcíková
€ 47,00