
Ein schwankendes Schiff hält Kurs
Thomas Leitner in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 18)
er Deutsche Thomas Lang, Jahrgang 1967 und Bachmann-Preisträger von 2005, ist mittlerweile bei seinem achten Roman angelangt. Mit „Immer nach Hause“ (2016), einer biografischen Skizze über Hermann Hesse, hat er der literarischen Krise eines Schriftstellers schon einmal nachgespürt. Mit seinem jüngsten Werk legt er es ehrgeiziger und komplexer an. Das wechselvolle und konfliktreiche Leben des „dunklen Romantikers“ Herman Melville (1819–1891) verknüpft er darin so eng mit Motiven aus dessen Werken, dass der Autor darin walgleich auf- und abtaucht.
Lang bedient sich dabei eines Erzählers, der unzuverlässiger nicht sein könnte. „Don’t call me names“, spielt er auf den ersten Satz von „Moby Dick“ an, nennt sich allerdings nicht Ishmael, sondern Meander und scheint sich nicht nur vor Beschimpfungen zu fürchten: Wenn’s schlimm wird, wirft er ein Mittel gegen Angststörungen ein. Und durch das Schwanken des Textes droht auch der Leser seekrank zu werden wie auf einem Trawler mit Schlagseite.
Eigentlich ist der nicht mehr ganz junge Mann angetreten, nach dem Tod seiner Mutter das Elternhaus zu räumen. Immer tiefer verstrickt er sich dabei in die Erinnerung an eigene Lebenskrisen, an den Tod seiner Tochter und das damit verbundene Scheitern der Ehe.
Beim Sichten und Sortieren des häuslichen Inventars stößt er auf ein Konvolut, das ihn mehr als alles andere an den Tiefpunkt der eigenen schriftstellerischen Karriere erinnert: seinen unvollendeten Versuch einer Melville-Biografie.
Herman Melville selbst verschwindet immer wieder. Zunächst ist er kommerziell erfolgreich. In zwei eher der Trivialliteratur zuzurechnenden Büchern wird die eigene seemännische Erfahrung stark überhöht, die Misserfolge der eigentlichen Hauptwerke lassen den aus einer Patrizierfamilie Stammenden abstürzen. Das führt zu Perioden trotziger Verweigerung, die folgenden Romane werden seltsamer, die Umgangsformen des Autors schroffer.
Von ähnlichem Schicksal bedroht sieht sich der mäandernde Erzähler, der vorgibt, sein Manuskript zerstören zu wollen. Wobei Lang in seinem Roman gleich drei Ebenen miteinander verschränkt: Die Lebenskrisen Melvilles, der die letzten Jahren, wie sein „Bartleby“, bei angegriffener Gesundheit im subalternen Beruf eines Schreibers verbrachte, spiegeln sich in den psychotischen Problemen des Erzählers. Zusätzlich dazu werden Passagen eingeschoben, die auf weniger bekannte Werke des Schriftstellers hinweisen und dessen Interesse für Kolonialgeschichte und abolutionistisches Engagement zeigen.
Auch wenn das narrative Schiff unter dem Ballast weiterer Elemente – etwa der Erfolgsgeschichte eines deutschen Zauberers in Amerika oder Anspielungen auf die historische Figur des „Elefantenmenschen“ – stark zu schlingern beginnt, ist „Melville verschwindet“ eine überzeugende Demonstration erzählerischer Virtuosität.


