Haltung ohne Hass

Eine Aufforderung | Warum wir den Radikalen nicht das Land überlassen dürfen
208 Seiten, Hardcover
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Themen Gesellschaft und Sozialwissenschaften Gesellschaft und Kultur, allgemein Soziale und ethische Themen
ISBN 9783827015440
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 04.09.2026
Größe 21 x 12.8 cm
Verlag Berlin Verlag
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Piper Verlag GmbH
Georgenstraße 4 | DE-80799 München
info@piper.de
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Kurzbeschreibung des Verlags

Die Welt scheint aus den Fugen, Krisen folgen auf Krisen. Gewissheiten lösen sich auf, Menschen haben verlernt, miteinander zu reden. Sie werden feindseliger, radikaler – und das nicht nur an den politischen Rändern. Ahmad Mansour erzählt von einer Gesellschaft, der das Zuhören abhandengekommen ist; die sich für demokratisch hält und doch selbst immer misstrauischer und gereizter wird.

Gespräche mit Andersdenkenden

Der renommierte Psychologe und Extremismusexperte erlebt dies als tägliche Realität in Gesprächen mit Jugendlichen, mit Lehrkräften, mit Sicherheitsbehörden. Eindringlich wirbt er dafür, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen, auch mit Andersdenkenden – nur so können wir als demokratische Gesellschaft bestehen.

Radikalisierung als tägliche Realität

Ahmad Mansour erlebt Radikalisierung als tägliche Realität. Er sieht, wie sich Menschen in Verschwörungserzählungen verlieren, sich von Populismus verführen lassen, auf virtuelle Desinformation keine Antwort finden. Seine Analyse bleibt nicht abstrakt, sondern handlungsorientiert. Er denkt interdisziplinär, identifiziert Muster und macht gesellschaftliche Widersprüche sichtbar, die anderen oft entgehen.

Erfolgreiche Prävention

Anhand konkreter Beispiele zeigt der Präventionsexperte, was in Schulen, Feeds und Foren und in den Köpfen junger Menschen geschieht. Er erzählt aber auch davon, wo Prävention bereits erfolgreich funktioniert, gibt Einblicke in seine Arbeit und erklärt, was jetzt getan werden muss.

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FALTER-Rezension

"Wir leben in einem Jahrzehnt der Radikalisierung"

Martin Staudinger in FALTER 44/2026 vom 28.10.2026 (S. 9)

Was ist es, was in vielen europäischen Ländern junge Leute auf die Straße treibt? Und was führt dazu, dass ihre Proteste sehr rasch in Gewaltexzesse wie in Paris ausarten? Konservative und Rechte machen fast schadenfroh die Zuwanderung und "Islamisierung" Europas verantwortlich. Einer, der einschätzen kann, inwiefern das stimmt, ist Ahmad Mansour. Als israelischer Araber aufgewachsen und inzwischen deutscher Staatsbürger, war er selbst einmal ein wütender junger Mann - Islamist sogar. Inzwischen ist er Experte für Extremismus und Deradikalisierung. Und hat sich als solcher nicht nur Freunde gemacht.
Falter: Herr Mansour, wenn Sie als Psychologe auf die Proteste und die schweren Ausschreitungen in ganz Europa schauen, was sehen Sie da?

Ahmad Mansour: Ich sehe einerseits friedliche Demonstranten, die für eine legitime Angelegenheit auf die Straßen gehen. Ich sehe aber auch zwei Gruppen, die die Proteste für sich beanspruchen und mit einer ganz anderen Agenda auf die Straße gehen.

Welche Gruppen sind das?

Mansour: Die Linksradikalen, die eine Destabilisierung des Systems herbeiführen wollen und keinen Grund brauchen, um Polizisten und Geschäfte anzugreifen. Und eine Minderheit junger, migrantischer Menschen, die solche Gelegenheiten einfach nutzen, um Gewalt auszuüben. In Berlin haben wir das auch schon einmal erlebt: Vor ein paar Jahren sind zu Silvester hunderte von jungen Menschen auf die Straße gegangen und haben Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungskräfte angegriffen - ohne jeden Anlass, ohne jede Forderung.

Warum tun sie das dann?

Mansour: Das französische Justizministerium hat nach Ausschreitungen 2023 eine Studie durchgeführt und verurteilte Krawallmacher nach ihren Tatmotiven gefragt. Ergebnis: Der Großteil brauchte einfach diesen Adrenalinschub, also Gewalt als solche.

In Ihrem neuen Buch "Haltung ohne Hass" konstatieren Sie, dass die Hemmschwelle zur Gewalt generell gesunken ist.

Mansour: Der Berliner Bildungssenat hat für eine Studie über 20.000 Lehrkräfte und Schüler und Schülerinnen interviewt, und die Ergebnisse sind erschreckend. Die Gewalt steigt, sogar in Grundschulen. Wir merken, dass die Empathiedefizite zunehmen, dass viele junge Menschen ein Problem mit ihrer Impulskontrolle haben -und das ist ein globales Phänomen.

Politiker von Donald Trump bis Sebastian Kurz führen die Ausschreitungen auf eine fehlgeleitete Migrationspolitik und eine "Islamisierung" Europas zurück.

Mansour: Die Welt ist viel komplexer. Aber die Rechte und genauso die Linke stellen die Welt unterkomplex dar. Die Linken blenden bestimmte Aspekte aus und wollen darüber nicht reden. Und die Rechtsradikalen greifen einzelne Aspekte der Realität heraus, die ihnen ideologisch passen, und stellen diese zur Schau. Die Bilder in Frankreich sind ein wunderbares Beispiel, wie man Angst und Emotionalität erzeugen und mit überspitzten Botschaften einfach Menschen für sich gewinnen kann. Das ist die neue Art, wie man Krieg um die Narrative führt, und in Frankreich haben wir erlebt, wie gefährlich das sein kann.

Haben Sie mehr Angst vor einer radikalisierten Jugend oder vor einer Radikalisierung der Mitte, die in vielen Ländern zunehmend zu extremen Parteien tendiert?

Mansour: Was wir derzeit unter Jugendlichen beobachten, sollte allen Sorgen machen. Es ist eine Radikalisierungswelle aus allen Richtungen, von rechtsradikaler, linksradikaler und islamistischer Seite. Und genau diese Radikalisierung führt zu einer radikalisierten Mitte. Die Wahlergebnisse in Berlin, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zeigen, dass auch junge Menschen dazu neigen, radikale Parteien zu wählen.

Warum das?

Mansour: Weil sie sich ihre politische Bildung überwiegend aus den sozialen Medien holen und dort gelernt haben, dass überspitzte, vereinfachte Botschaften viel besser ankommen. Wir bewegen uns in Echokammern, die sozialen Medien haben unsere Art, zu informieren und zu kommunizieren, komplett verändert. Deshalb wirken sie als Katalysator für Radikalisierung. In Deutschland ist die AfD genauso wie die Linke um ein Vielfaches erfolgreicher in den sozialen Medien als die anderen Parteien. Ich fürchte, wir leben in einem Jahrzehnt der Radikalisierung. Überspitzt gesagt liegt das auch am schädlichen Einfluss der sozialen Medien, in denen sich hasserfüllte Botschaften viel besser verbreiten lassen als liebevolle. Aber wenn ein Grundschüler vier bis fünf Stunden pro Tag in den sozialen Medien unterwegs ist, dann muss dort gar nichts Schädliches passieren -und dennoch sind das fünf Stunden, die anderswo fehlen. Bei der Bewegung, beim Schlaf, aber vor allem bei der Begegnung von Angesicht zu Angesicht. Mit anderen Kindern spielen, Konflikte haben, empathisch auf ein Gegenüber reagieren, in der Familie Zeit miteinander verbringen, gemeinsam essen, reden: All das findet immer weniger statt.

Gibt es andere Faktoren, die diese Radikalisierung antreiben?

Mansour: Wir leben in einer Multikrisenzeit. Zukunftsängste, KI, Digitalisierung, Corona, Krieg im Nahen Osten, Krieg in Europa -und die Erkenntnis vieler junger Menschen, dass es ihnen nicht besser geht als ihren Eltern. Das führt zu Überforderung, und bei Überforderung sind wir gereizter und weniger tolerant und neigen dazu, einfache Botschaften zu akzeptieren. All das zusammen schafft die Stimmung, in der wir gerade sind.

Sehen Sie Gesellschaften oder Länder, denen es gelingt, da gegenzusteuern?

Mansour: Ja, punktuell. Die Gesellschaften, die die Gefahren der Social Media erkannt haben und nach Wegen suchen, damit umzugehen, sind einen Schritt weiter. Und auf innenpolitischer Ebene finde ich, dass der dänische Weg Vorbildcharakter hat. Die dortigen Sozialdemokraten betrachten Integration und gesellschaftliche Phänomene ganz anders, gehen gegen Parallelgesellschaften vor und haben die Rechtsradikale dadurch eigentlich in die Bedeutungslosigkeit geschickt.

Sie sind selbst auch sehr aktiv auf Social Media. Das Medium hat es an sich, dass man verkürzt, zuspitzt, wenig differenziert argumentiert. Müssen Sie sich nicht auch selbst ein bisschen an der Nase nehmen?

Mansour: Meine Entscheidung war eine bewusste. Mir geht es darum, diese Räume für mich zu beanspruchen und zu sagen, wir müssen hier Widerstand leisten, wir müssen widersprechen. Und dafür nutze ich die Algorithmen, die ich absolut kritisiere, im positiven Sinne. Natürlich muss man überspitzen. Natürlich muss man emotionalisieren, aber man darf nicht die gleichen Methoden nutzen wie die Radikalen. Nichts zu tun und dann auf der richtigen Seite zu sein, wird uns nicht wirklich dabei helfen, eine bessere Gesellschaft zu werden und unsere Demokratie zu schützen. Demokratieschutz muss in den sozialen Medien stattfinden.

Andererseits treten Sie für ein Social-Media-Verbot ein, und zwar gleich bis zum Alter von 16 Jahren. Nimmt man Jugendlichen damit nicht eine ganz wichtige Nachrichtenquelle und öffentliche Debattenplätze?

Mansour: Wenn wir die Realität anschauen, dann sind die sozialen Medien keine Orte der Information geworden, sondern Orte der Manipulation. Ich glaube, wir sollten uns als Gesellschaft die Frage stellen: Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der Mullah-Regimes oder russische Troll-Accounts die Debatten bestimmen? Oder in einer, in der journalistische Standards eingehalten werden, in der Debattenkultur stattfindet? Wir können am Beispiel der USA sehen, wohin die Reise geht, wenn wir nicht darauf reagieren. Deshalb glaube ich, dass ein Social-Media-Verbot absolut notwendig ist.

Wie würden Sie dieses Verbot ausgestalten?

Mansour: Ich würde es an zwei Bedingungen knüpfen.

Erstens: Bis zu einem Verbot müssen die Schulen in der Lage sein, uns auf den Konsum und auf die Nutzung sozialer Medien vorzubereiten, also Medienkompetenz zu vermitteln -Fake News erkennen, recherchieren lernen, skeptisch mit KI umgehen und vieles mehr.

Und zweitens?

Mansour: Die sozialen Medien sind auch erfolgreich, weil Teile des Journalismus -ich rede hier von Deutschland -nicht bereit waren, über bestimmte Themen zu sprechen. Eine Brandmauer mag moralisch richtig sein, sie bringt uns aber nicht weiter, wenn wir Themen einfach dahinter verstecken, nicht darüber reden und es den Rechtsradikalen so ermöglichen, sie exklusiv für sich zu beanspruchen. Und es führt dazu, dass die sozialen Medien die Alternative werden, an die man sich wendet, weil man mehr Informationen bekommt als woanders.

Ist das so?

Mansour: Ich bin geschockt von der Art und Weise, wie die öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland mit den französischen Unruhen umgegangen sind. Wie naiv muss man sein, um nur von Schülerprotesten zu sprechen, um nicht die migrantischen Kleingruppen zu benennen, die überall in den Bildern zu sehen waren? Deshalb glaube ich, dass wir auch einen besseren Journalismus brauchen, der den Leuten vermittelt: Okay, wenn ich jetzt diese Zeitung aufmache, wenn ich diesen Sender einschalte, dann werden ganz unterschiedliche Meinungen abgebildet, aber ich weiß, dass das, was ich da sehe, der Wahrheit entspricht. Tun wir das nicht, dann bringt auch ein Social-Media-Verbot bis 16 nichts, weil die jungen Leute -ich betone: zu Unrecht das Gefühl haben, dass sie dort besser informiert werden.

Das gilt für Erwachsene und Ältere ja genauso. Denen müsste man dann eigentlich auch die sozialen Medien wegnehmen.

Mansour: Der Unterschied ist: Nicht informierte erwachsene Menschen, die sich radikalisieren, sind kaum noch zu erreichen. Die Generation, die mit den sozialen Medien aufwächst, können wir zu formen versuchen, etwa in den Schulen.

Sie beklagen auch die verlorengegangene Debattenkultur in Deutschland, sind immer wieder in die Kritik geraten, wurden bei Veranstaltungen gecancelt oder ausgeladen. Haben Sie den Eindruck, dass ein Klima der Einschüchterung herrscht?

Mansour: Einschüchterung kann nur funktionieren, wenn sie wirkt. Aber sie versagt in dem Moment, in dem wir Leute haben, die sagen: "Ich lasse mich nicht einschüchtern. Ich sage jetzt meine Meinung. Meine Meinung ist nicht heilig, aber sie ist ein Aspekt und hat eine Berechtigung in einer demokratischen Debatte." Demokratie ist nicht Harmonie und Konsens. Demokratie bedeutet, auszuhalten, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Meinungen haben. Und diejenigen, die eine langweilige, einseitige, moralisierende Debatte haben wollen, schützen die Demokratie nicht mit, sondern befördern autoritäre Denkweisen. Daher erwarte ich von denjenigen, die in der Öffentlichkeit stehen, dass sie Zivilcourage zeigen, für ihre Haltung einstehen und nicht in dem Moment einknicken, in dem die erste Kritik kommt.

Wenn muslimische Jugendliche gegen den Gazakrieg demonstrieren, nehmen sie eigentlich auch ihre demokratischen Rechte wahr.

Mansour: Als Israeli und Palästinenser sage ich: Die Siedlungspolitik, den Krieg, Netanjahu, die Regierung und ihre faschistischen Parteien zu kritisieren, ist absolut legitim. Was wir aber in den letzten drei Jahren in Europa und vor allem in Deutschland erlebt haben, war keine legitime Israelkritik.

Inwiefern?

Mansour: Es empört mich, wenn irgendwelche Leute, die nicht einmal zwei Jahre in Deutschland sind und vom Asylrecht profitieren, sagen: "Fuck you, Germany." Wenn sie Polizisten angreifen und ihnen ohne jeden Grund Polizeigewalt vorwerfen. Das hat mit legitimer Kritik nichts zu tun und schwächt unseren Rechtsstaat. Die größte Tragödie der Palästinenser in Deutschland war aber, dass sie es seit dem 7. Oktober 2023 nicht geschafft haben, auf die Straße zu gehen und zu sagen: "Wir sind gegen den Terror. Wir sind aber für die Palästinenser, für eine bessere Zukunft für die Palästinenser. Wir distanzieren uns von Antisemitismus. Wir wollen eine Koexistenz mit den Juden in Israel." Im Gegenteil: In vielen, vielen Einzelfällen haben Linksradikale und Islamisten gemeinsam Terrorsymbole genutzt, "From the river to the sea" gerufen und damit das Existenzrecht Israels infrage gestellt. Und das ist schädlich für die palästinensische Sache. Und für die Palästinenser in Gaza, die massiv leiden. Haben Sie in den vergangenen drei Jahren irgendetwas über Versöhnung gehört? Ja, auch von der israelischen Seite kommt da nicht viel. Aber diejenigen, die auf deutschem, auf europäischem Boden demonstrieren, haben auch die Pflicht, darüber nachzudenken, wie das Leben in Palästina, in Israel für die nächsten Generationen besser werden soll.

Von palästinensischen Jugendlichen kommt oft der Vorwurf der Doppelmoral. Die sagen: Ihr seid für Menschenrechte, aber wenn es um die Menschenrechte in Gaza geht, schaut ihr weg.

Mansour: Wenn ich in Schulen bin und Schüler so etwas sagen, dann zeige ich erst einmal Empathie. Sie haben das Recht, so zu fühlen, und haben das Recht, das zu äußern. Und es geht darum, ihnen zu begegnen und mit ihnen einen Diskurs zu führen. Da stelle ich aber oft fest, dass die Empörung und die Empathie sehr selektiv sind und nur betrieben werden, wenn es politisch passt. Und darüber muss ich und will ich mit den Schülern und Schülerinnen auch sprechen und widersprechen. Auch wenn wir vielleicht am Ende nicht der gleichen Meinung sind: Genau diese Debatte vermisse ich in Deutschland, in Europa und weltweit, weil wir alles sehr einseitig betrachten. Entweder ist man pro Israelis oder pro Palästinenser, und zwischen diesen beiden Echokammern findet kein Austausch statt.

Worauf führen Sie es eigentlich zurück, dass man tatsächlich sehr genau hinsieht, wenn es um Gaza geht, aber überhaupt nicht, wenn es um andere Kriege geht?

Mansour: Zunächst einmal darauf, dass der politische Islam und die Hamas es geschafft haben, nach dem 7. Oktober eine der großen Kampagnen der Menschheitsgeschichte zu führen. Dieser Krieg wurde online gestreamt, die Bilder waren überall und wurden in ihrer Emotionalität genutzt, um Menschen zu erreichen. Zweitens darauf, dass wir traurigerweise mit dem Gazakrieg ein Feindbild haben: Israel und die Juden. Damit kann man weltweit viel mehr Menschen bewegen als anders. Und was Deutschland betrifft: Ich glaube, dass unsere Erinnerungskultur letztendlich am 7. Oktober gescheitert ist.

Wie meinen Sie das?

Mansour: Wir haben unsere historische Verantwortung aus einer Schuldperspektive betrachtet. Wir haben immer und immer wieder die ermordeten Juden in Auschwitz abgebildet, aber wir haben uns nicht damit beschäftigt, was "Nie wieder!" für die Juden selbst bedeutet. Und wir haben nicht die Bilder der Israelis gezeigt, die ihr Land verteidigen wollen, die einen neuen Holocaust verhindern wollen. Die kognitive Dissonanz zwischen den Bildern der Erinnerungskultur und dem modernen Israel hat dazu geführt, dass die Feindbilder viel, viel stärker funktioniert haben als wahrscheinlich im Fall des Krieges im Jemen, im Sudan oder anderswo.

Sie befürworten das Kopftuchverbot, nicht nur für Schülerinnen, auch für Lehrerinnen. In vielen Städten ist es selbstverständlich, dass Kinder religiös gekleidet im öffentlichen Raum präsent sind -etwa die jüdischen Kinder in Wien. Warum sollen muslimische das nicht dürfen?

Mansour: Ich finde es nicht gut, wenn man denjenigen, die für ein Kopftuchverbot bei Kindern eintreten, Islamfeindlichkeit und Rassismus vorwirft. Aber ich finde es gut, dass wir über das Kopftuchverbot diskutieren. In einer multireligiösen, multikulturellen Gesellschaft verhandeln wir tagtäglich über die Art und Weise, wie wir miteinander leben wollen, und vor allem, wo die Grenzen der Toleranz und der Religionsfreiheit in unseren Gesellschaften sind.

Wie lautet Ihre Argumentation für das Kopftuchverbot?

Mansour: Als Psychologe und auch als Muslim muss ich sagen: Es gibt kein theologisches Argument, warum Mädchen unter 13 oder zwölf Jahren Kopftuch tragen sollen. Das ist in der arabischen Welt und der muslimischen Welt auch nicht die gängige Praxis. In Europa verbreitet es sich aber, weil man damit sozusagen die Mädchen vor dem Westen schützen soll. Abgesehen davon: Jedes Kind hat das Bedürfnis und das Recht, entspannt mit seinem Körper umzugehen, das andere Geschlecht kennenzulernen, gesund, einfach neugierig zu sein. Und in dem Moment, in dem man einem Mädchen mitteilt, dass sein Körper tabu ist, dass seine Haare tabu sind, dass es seine Sexualität unterdrücken und tabuisieren soll, kann sich kein normaler Umgang mit der Sexualität, mit dem Körper und mit dem anderen Geschlecht entwickeln. Und wenn wir da nicht deutlich reagieren, nehmen wir im Namen der Toleranz und auch der Religionsfreiheit in Kauf, dass diese Mädchen massiv unterdrückt werden.

Würden Sie das französische Modell befürworten, dass wirklich alle religiösen Symbole an der Schulpforte abzulegen sind?

Mansour: Mehr noch: In einer multireligiösen Gesellschaft braucht es ein laizistisches Konzept. Ich will jetzt nicht Kopftuch mit Kippa gleichsetzen, aber vor allem, wenn es um Lehrpersonal geht, möchte ich keine Kreuze, keine Kippot und keine Kopftücher. Lehrer haben neutral zu sein. Nicht nur, weil sie den Staat repräsentieren, sondern auch, weil sie das Vertrauen aller Schüler und Schülerinnen für sich gewinnen wollen. Bei Kindern müssen jetzt die Gerichte entscheiden, ob das diskriminierend ist.

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