Sturmabteilung
Die Geschichte der SA - Mit zahlreichen Abbildungen

von Daniel Siemens

€ 37,10
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Karl Heinz Siber
Verlag: Siedler
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/20. Jahrhundert (bis 1945)
Umfang: 592 Seiten
Erscheinungsdatum: 15.04.2019


Rezension aus FALTER 21/2019

Militante Männlichkeit und Herrschaft des Pöbels

Der deutsche Historiker Daniel Siemens legt ein Standardwerk über die nationalsozialistische Sturmabteilung vor

Im Unterschied zu anderen nationalsozialistischen Organisationen und ihrem führenden Personal ist die „Sturmabteilung“ (SA) von der historischen Forschung bis heute relativ unbeachtet geblieben. Die umfang- und kenntnisreiche Studie des in Newcastle forschenden und lehrenden deutschen Historikers rückt viele Fehlurteile über die SA zurecht. Deren Charakterisierung etwa als „Herrschaft des Pöbels“ ist nicht falsch, greift aber zu kurz und diente apologetischen Zwecken, etwa der Ehrenrettung des deutschen Bürgertums, als ob diesem 1933 die politische Herrschaft von einer proletarischen Bande mit subproletarischem Begleitschutz „von der Straße“ in Form der SA entrissen worden wäre. Die minutiöse Analyse belegt, dass schon sehr früh erhebliche Teile der SA-Mitglieder nicht Arbeiter und Arbeitslose waren, sondern Studenten und Mittelschichtangehörige, ganz zu schweigen von der massiven Unterstützung, die die SA bei protestantischen Pastoren fand. Die oberen Ränge der SA waren exklusiv mit Offizieren besetzt, die im Ersten Weltkrieg in der kaiserlichen Armee gedient hatten. Im Gegensatz zur SA-Führungsriege waren die Mitglieder zum größten Teil junge Menschen der Geburtsjahrgänge 1900–1910. Siemens spricht deshalb im Anschluss an eine Studie von Ernst Günter Gründel aus dem Jahr 1932 von der „Kriegsjugendgeneration“, die gezeichnet war von den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und die neben dem Nationalismus einem ausgesprochenen Kult „militanter Männlichkeit“ huldigte, der auch die SA-Führung prägte, die außerdem auf Charisma und Hierarchie pochte. Die SA bot diesen jungen Menschen eine emotionale Heimat als „Gemeinschaft der Tat“.

Die Geschichte der SA lässt sich in drei historische Phasen einteilen – die Frühphase (1920/21–1923), den Aufstieg zur Massenorganisation (1925/26–1934) und den Ausbau im NS-Staat (1934–1945). Markante historische Ereignisse beendeten die drei Phasen: der gescheiterte Hitler-Putsch vom 9. November 1923 die erste, die Ermordung des SA-Führers Ernst Röhm und rund 100 weiterer Personen zwischen dem 30. Juli und dem 2. August 1934 die zweite und der Untergang des „Dritten Reiches“ 1945 die dritte Phase.

In der Frühphase war die SA eine fast nur auf Bayern beschränkte paramilitärische Schutztruppe für den selbsternannten Führer Hitler und ein ideologisches Indoktrinationsinstrument. Als Gründungsdatum gilt der 4. November 1921, als sich im Münchner Hofbräuhaus 46 SA-Männer mit „Soldaten des Judenmarxismus“ (Hitler) nach einer Rede des Führers eine wüste Saalschlacht lieferten – mit Knüppeln, Peitschen und Stuhlbeinen, aber ohne Schusswaffen. SA-Chef war damals der Pfarrerssohn Hans Ulrich Klintzsch, der im März 1923 von Hermann Göring abgelöst wurde.

Nach dem gescheiterten Putsch Hitlers vom 9. November 1923 wurde die NSDAP verboten und die SA aufgelöst. Ernst Röhm begann im Frühjahr 1924 mit dem Wiederaufbau der Organisation, zunächst unter dem Namen „Völkischer Frontkampfbund Frontbann“, während Hitler im Februar 1925 nach seiner Haftentlassung die NSDAP wieder gründete. Unter dem neuen Chef Franz Pfeffer von Salomon verstand sich die unbewaffnete SA ab dem 1. November 1929 als Propagandainstrument, widmete sich aber auch intensiv dem Straßenkampf gegen Sozialdemokraten, Kommunisten und Juden. 1931 verfügte die SA bereits über 88.000 Mitglieder im ganzen Land. Seit 1926 uniformierten sich die SA-Männer mit braunen Uniformen, die sie selbst bezahlten und über einen SA-eigenen Fanartikelshop beziehen mussten. Den belieferten der Textilindustrielle Hugo Boss (Metzingen), die Lederwarenfabrik Breuninger (Schorndorf) sowie der Zigarettenfabrikant Schnur, ein Strohmann des Tabakkönigs Philipp F. Reemtsma. Alle drei Industriellen leisteten im Gegenzug Spenden an die SA.

Die Weltwirtschaftskrise, das Notverordnungsregime unter den Kanzlern Brüning und von Papen sowie die Wahlerfolge der NSDAP verschafften den Straßenkämpfern der SA ebenso Auftrieb wie der Reichstagsbrand Ende Februar 1933. Danach überzog die SA das ganze Land mit Straßenterror, „Säuberungen“ von Behörden, Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte bis hin zur willkürlichen Internierung von rund 80.000 Personen in provisorischen Konzentrationslagern und Folterkellern. „Die SA verstand sich 1933 als eine Organisation, die sich einen rechtsfreien Raum geschaffen hatte und dem deutschen Strafgesetzbuch nicht unterlag“ (Daniel Siemens). Es war der Höhepunkt der Macht- und Gewaltentfaltung der SA. Danach erklärte Hitler die „nationale Revolution“ für beendet.

Am 30. Juli 1934 wurden Röhm, die SA-Führung und die konservative Opposition um General Kurt von Schleicher ermordet. Carl Schmitt segnete den beispiellosen Mord an rund 100 Personen mit dem Diktum ab, „der Führer schützt das Recht“. Die SA blieb danach eine starke Massenorganisation, erholte sich aber nie von diesem Schlag und verlor an politischem Einfluss. Nach 1945 profitierten die höheren SA-Führer von einem Urteil im Nürnberger Prozess, das die SA als „unbedeutende Nazi-Anhängergruppe“ und nicht als „verbrecherische Organisation“ (30.9.1946) einstufte und so Karrieristen mit SA-Vergangenheit wie dem späteren Tübinger Oberbürgermeister Hans Gmelin (1911–1991) den Weg bahnte.

Das Buch von Daniel Siemens hat das Zeug, zum Standardwerk über die SA zu werden, trotz der manchmal etwas langatmigen Argumentation und den von psychologisierenden Spekulationen nicht freien Passagen.

Rudolf Walther in FALTER 21/2019 vom 24.05.2019 (S. 34)


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