Flucht – Eine Menschheitsgeschichte

Ausgezeichnet mit dem Preis für „Das politische Buch“ 2021 der Friedrich-Ebert-Stiftung
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Nominiert für den Deutschen Sachbuchpreis 2021, ausgezeichnet mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis 2020 und mit dem Preis für „Das politische Buch“ 2021 der Friedrich-Ebert-Stiftung

Andreas Kossert, renommierter Experte zum Thema Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert und Autor des Bestsellers „Kalte Heimat“, stellt in seinem neuen Buch die Flüchtlingsbewegung des frühen 21. Jahrhunderts in einen großen geschichtlichen Zusammenhang. Immer nah an den Einzelschicksalen und auf bewegende Weise zeigt Kossert, welche existenziellen Erfahrungen von Entwurzelung und Anfeindung mit dem Verlust der Heimat einhergehen - und warum es für Flüchtlinge und Vertriebene zu allen Zeiten so schwer ist, in der Fremde neue Wurzeln zu schlagen. Ob sie aus Ostpreußen, Syrien oder Indien flohen: Flüchtlinge sind Akteure der Weltgeschichte - Andreas Kossert gibt ihnen mit diesem Buch eine Stimme.

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FALTER-Rezension

Warum „Flüchtling“ kein Unwort ist

Der kleine Bub wirkt verloren. Er hockt auf festgeschnürten Jutesäcken. Vor ihm reihen sich feinsäuberlich und doch irgendwie chaotisch Koffer und Taschen, auf denen Kleidungsstücke liegen. Die Schwarz-Weiß-Aufnahme aus dem Jahr 1949 auf dem Cover des Buchs „Flucht – Eine Menschheitsgeschichte“ zeigt einen osteuropäischen Flüchtling. Es ist ein historisches Foto und gleichzeitig ein Blick in eine Biografie. Nur welche Geschichte wird hier erzählt?

Die individuelle Erfahrung dient in der Geschichtsschreibung oft nur zur Ausschmückung, nicht aber dazu, die Argumentation selbst zu stärken. Gerade das geschieht aber in dem gewaltigen neuen Werk des deutschen Historikers Andreas Kossert, in dem dieser aus einer Vielzahl einzelner Schicksale von einem stetig wiederkehrenden Menschheitsdrama um Flucht und Vertreibung erzählt.

„Jede Quelle“, schreibt Kossert, „gibt immer nur einen Blick wieder, der niemals allgemeingültig sein kann. Aber viele Perspektiven gemeinsam vermitteln eine Ahnung von dem, was das Gesamtgeschehen ausmacht.“ Für ihn sind es die Betroffenen selbst, die Individuen, denen er eine Stimme geben will, um so von „der globalen Katastrophe der Flucht“ und ihren Narrativen erzählen zu können. Damit nimmt der Autor, der sich bereits mit Büchern wie „Kalte Heimat“ (Siedler, 2008) und „Ostpreußen: Geschichte einer historischen Landschaft“ (Beck, 2014) als fundierter Kenner europäischer Geschichte erwiesen hat, zum ersten Mal eine globalhistorische Perspektive ein, indem er ein universales Phänomen in unterschiedlichen Facetten beschreibt, das weit über die Grenzen Mitteleuropas von Bedeutung ist.

Die Erfahrungen von Millionen von Menschen, die nach der Offensive der Roten Armee aus dem damaligen Osten Deutschlands flüchten mussten, sind Ausgangspunkt von Kosserts Überlegungen.

Ganz zu Beginn steht der berührende Bericht des masurischen Bauern Friedrich Biella, der im Jänner 1945 dem Befehl zum Verlassen seines Hofes Folge leistet. Biella ist einer von vielen, der den Heimatverlust nicht verkraftet und in der Fremde stirbt.

Flucht stelle eine „Zäsur“ dar, schreibt Kossert, einen radikalen Bruch in den Lebensgeschichten, die jedoch nicht nur Verzweiflung hervorruft, sondern auch erstaunliche Kräfte entstehen lässt. So unterschiedlich Ursachen, Kontexte und Zeiträume auch sind, die Fluchterfahrungen ähneln sich, historisch und aktuell. Dahinter verbirgt sich ein „ungeheuerlicher Vorgang, der das gewöhnliche Vorstellungsvermögen sprengt“, so Kossert.

Auf der Flucht in eine ungewisse Zukunft werden oft „erstaunliche Fähigkeiten“ freigesetzt, um diese außergewöhnlichen Umstände zu bewältigen: „Flüchtlinge auf die Rolle des Opfers zu reduzieren hieße, ihnen Handlungs- und Entscheidungsspielräume abzusprechen.“

Das besondere Verdienst des Autors ist es, Flucht ungeachtet der politischen, ethnischen und religiösen Zugehörigkeiten als Phänomen zu beschreiben und dabei einzelnen Menschen, Minderheiten und Gruppen eine Stimme zu verleihen: So thematisiert Kossert das Schicksal der Jesiden, die 2014 unter dem Terrorregime des Islamischen Staates in eine globale Diaspora gezwungen wurden, beschreibt das immer wieder aufflammende Drama der Rohin­gya in Myanmar genauso wie das Schicksal der arabischen Juden. Auch mit Fluchtgeschichten, die Wien prägen, hat sich Kossert beschäftigt, wenn er etwa von Stefan Zweig und Franz Werfel erzählt.

Der Aufbau des über 400 Seiten starken Buches ist einfach gehalten und erinnert nur wenig an die Opulenz deutscher Geschichtswissenschaft. Wenige Überschriften machen Lust auf das Gesamtwerk. Die vier wesentlichen Kapitel, in denen es neben der Flucht vor allem auch um die Heimat bzw. deren Verlust geht, heißen kurz: „Weggehen“, „Ankommen“, „Weiterleben“ und „Erinnern“.

Erzählerisch schlägt Kossert in vielerlei Hinsicht neue Wege ein. Er verweist auf unscheinbare Notizzettel, nimmt oft auf literarische Quellen Bezug und erkennt in Tagebucheinträgen und Gedichten genauso wie in religiösen Mythen Fluchterfahrungen als zentrale Themen der Menschheitsgeschichte. Letztlich ist dieses historische Sachbuch gattungsüberschreitend, denn jedes Kapitel ließe sich ebenso als ein Puzzlestein zu einer Literaturgeschichte der Flucht verstehen.

Kossert arbeitet mit genauen Definitionen und begründet plausibel, weshalb das Wort „Flüchtling“ zwar oft als Unwort gestraft wird, jedoch bislang noch von keinem anderen Begriff ersetzt werden konnte. „Geflüchtete“ sei ebenso eine Verlegenheitslösung, da dadurch suggeriert werde, Fliehen sei mit der Ankunft abgeschlossen: „Flüchtlinge dagegen müssen erfahren, dass sich das Thema für sie nie erledigt.“ Sie verlassen ihre Heimat, da ihr Leben bedroht ist, sie fliehen vor Gewalt und Krieg. Das unterscheide Flucht von anderen Migrationsformen.

Als Jugendlicher musste der in Burundi geborene Schriftsteller Gaël Faye seine Heimat verlassen, aus der Übersetzung des 2016 erschienenen autobiografisch inspirierten Romans „Petit Pays“ zitiert Kossert: „Ich habe das Land nicht verlassen, ich bin geflohen. Ich habe die Tür hinter mir offen gelassen und bin gegangen, ohne mich umzudrehen.“

Die Worte, mit denen der Schriftsteller den Aufbruch beschreibt, erschüttern und wirken seltsam anonym. „Flucht – Eine Menschheitsgeschichte“ zeigt ein zeitloses Bild von dieser sich stetig wiederholenden Tragödie.

Georg Huemer in Falter 45/2020 vom 06.11.2020 (S. 35)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783827500915
Erscheinungsdatum 12.10.2020
Umfang 432 Seiten
Genre Sachbücher/Geschichte
Format Hardcover
Verlag Siedler
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