Die Kunst des Ehebruchs

Emma, Anna, Effi und ihre Männer
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Liebe und Betrug sind die ewigen Themen der Literatur, von Tristan und Isolde bis Don Giovanni - mitten im 19. Jahrhundert taucht aber plötzlich im Gesellschaftsroman eine neue Variante der alten Geschichte auf: der Ehebruch in der bürgerlichen Familie. Emma Bovary, Anna Karenina und Effi Briest - das sind die drei berühmten Frauen, die das Verbotene tun und um eines anderen Mannes willen ihre ganze Existenz riskieren: Emma, die radikale Spielerin, Anna, die leidenschaftlich Liebende, und die viel zu junge, naive Effi, die der flüchtigen Gelegenheit nicht widersteht.Wolfgang Matz folgt in seinem temperamentvoll geschriebenen Buch den Geschichten dieser ganz verschiedenen Frauen, ihrer Ehemänner und ihrer Liebhaber und erkundet, warum ihr privates Scheitern zwischen persönlichem Freiheitsdrang und gesellschaftlicher Ordnung ihre Schöpfer Gustave Flaubert, Lew Tolstoi und Theodor Fontane so fasziniert hat und wie dieses wiederum deren Schreiben bestimmt.Mit den gesellschaftlichen Befreiungen des 20. Jahrhunderts verschwindet die Gattung des Ehebruchromans zwar, aber all die katastrophal scheiternden Liebesgeschichten stehen nach wie vor im Mittelpunkt der Literatur, und deshalb nimmt Wolfgang Matz auch die heutigen Ausweitungen der Kampfzone in den Blick.

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FALTER-Rezension

Ehebruch im Wandel der Zeit

Wolfgang Matz widmet sich Emma, Anna, Effi und ihren heutigen Pendants

Im Jahre 1948 erreicht den Schriftsteller und Philosophen Günther Anders in seinem New Yorker Exil eine Flaschenpost aus der Vergangenheit, sieben "Totenfässer" mit Liebesbriefen, Tagebüchern, Schulheften und anderen Stücken aus dem Nachlass seiner Eltern und Großeltern. Eine der Günther Anders mit so großer Verspätung zugestellten Kisten enthielt die Briefe von Freundinnen an Anders' damals junge Großmutter. Diese Briefe sind Variationen des Madame-Bovary-Schicksals.
Die Schreiberinnen, so Anders, fühlten sich allesamt betrogen. Sie waren Ehen eingegangen unter Zwang, ohne Leidenschaft und ohne die Wahl zu haben. Dies brachte sie in Widerspruch zu den Freiheitsidealen des liberalen Bürgertums, dem sie entstammten, und in Widerspruch zu den Klassikern, die das Fundament ihrer schöngeistigen Bildung lieferten.
Die jungen Frauen, denen der Nachgeborene in den Briefen begegnet, begannen aufzubegehren und betrogen nun ihrerseits ihre Männer. In seinem brillanten Buch "Lieben gestern. Notizen zur Geschichte des Fühlens" nimmt Anders diese Briefe zum Anlass, um darüber nachzudenken, was zwischen 1870 und 1950 aus Liebe, Treue, Ehe und Sexualität geworden ist.

Das tut auch der Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Lektor des Hanser Verlages Wolfgang Matz. Er stellt sich die Frage, wie die drei großen Ehebruchromane des 19. Jahrhunderts – Flauberts "Madame Bovary", Tolstois "Anna Karenina" und Fontanes "Effi Briest" – sich zueinander verhalten und ob sie, aus der Perspektive gegenwärtiger Ehebruchromane gelesen – Matz widmet sich mit Hingabe Arno Geigers Roman "Alles über Sally" und Michel Houellebecqs Roman-Gewaltakt "Elementarteilchen" –, neue Seiten zeigen.
Das ist ungemein erfrischend und sollte überhaupt eine Maxime der Literaturkritik sein: alte Werke im Horizont der Gegenwart zu lesen, ohne dabei den jeweiligen historischen Ort zu verleugnen. Wer dies tut, ­handelt meist sträflich naiv; als ob, ungeachtet aller gesellschaftlichen Entwicklungen, die großen Themen wie Liebe und Verrat sich nie änderten; als ob es keine Evolution und keine Geschichte der Gefühle und der sie einzäunenden Institutionen gäbe.
Diese vergleichende Lektüre zeitlich so weit auseinanderliegender Romane erweist sich vor allem im der Gegenwart gewidmeten Kapitel des Buches als schlüssig. Emma Bovary wird im Jahre 1857 als Romanfigur öffentlich unglücklich, Sally und ihr Mann Alfred erscheinen als langgedientes Ehepaar im Jahr 2007 auf der Bildfläche eines Romans, als alle Kämpfe längst geschlagen scheinen.
Emma und Anna begingen Selbstmord oder starben wie Effi; Sally und ihr Mann leben wahrscheinlich in einer mühsam austarierten Ehe gar nicht so unglücklich weiter, während der große Provokateur Houellebecq die immer ihrer Zeit nachhinkenden Gefühle mit den Glücksversprechen auf genetisch programmierte, endlich zum Glück befreite Menschen zusammenkrachen lässt.
"Die Kunst des Ehebruchs" holt Emma, Effi und Anna, wie Matz sie vertraulich nennt, vor allem durch bewusst gesetzte sprachliche Kontrapunkte auf die Bühne unserer Gegenwart: Da erscheint dann zum Beispiel die Ehe, auf Tolstois eigenes Ehedrama gemünzt, als "die kleinstmögliche kriminelle Vereinigung". Dem Autor gehen allerdings nicht selten die (Formulier-)Pferde durch, Flauberts Emma hat es ihm offensichtlich angetan: Einmal "ist es kein Wunder, dass Charles stehenden Fußes der scharfen Emma verfällt", ein andermal versteht man "mit Blick auf Emmas Hinterteil (…) dass es kommt, wie's kommen muss".
"Wenn es schwierig wird mit den Gefühlen (…), dann schlägt die Stunde der Romane" – so lautet das Fazit. Allerdings nicht nur die Stunde der großen Romane, sondern auch der Trivialliteratur, die Emma Bovarys Gefühlsleben und dessen sprachlichen Ausdruck kontaminiert.
Dem Reden oder Nichtreden über Gefühle und Sex widmet sich das Buch ausführlich, wodurch auch sichtbar wird, dass die gesellschaftlichen Veränderungen wie die Veränderungen im Verhalten der Einzelnen sich sprachlich abbilden – in den Leerstellen bei Fontane etwa, dessen Figuren am stärksten im engen Korsett ihrer Lebensweise und ihrer Sprache stecken; was symptomatischen Ausdruck im berühmten letzten Satz dieses Romans findet: ",Ach, Luise', seufzt der alte Briest, ,lass … das ist ein zu weites Feld.'"

Worauf noch ein größerer Akzent zu legen gewesen wäre, ist die Tatsache, dass Frauen in der Reihe der "klassischen" Ehebruchsgeschichtenschreiber von Flaubert bis Geiger als schreibende Subjekte kaum in Erscheinung treten. Sie sind Gegenstand der Analyse, Auslöserinnen von Skandalen, Opfer der Verhältnisse wie vor allem Effi Briest, der am wenigsten Empathie zuteil wird, Vorkämpferinnen auch eines selbstbestimmten Lebens. Die Romane von Tolstois Frau Tolstaja, die sehr viel später aus dem Nachlass veröffentlicht wurden, staffieren die Konflikte mit sprachlichen Versatzstücken aus, wo Tolstoi aufs Ganze geht, so Matz' Urteil.
Zu Recht verweist er auf Tolstois existenzielle und sprachliche Radikalität, wie sie nach "Anna Karenina" vor allem in der Erzählung "Kreutzersonate" zum Ausdruck kommt. Der späte Tolstoi zeigt keinen anderen Ausweg aus dem Widerspruch zwischen Moral und Trieb als die im praktischen Leben undurchführbare Entsagung. Fontane kommt schlechter weg, Flaubert ist der große Vorläufer, der Analytiker der gesellschaftlichen Umbrüche ab der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Das Buch bringt seinen Lesern die Romane, die Figuren und die Autoren, vor allem Tolstoi und seine Frau, näher. Die zentralen Thesen werden jedoch zu oft wiederholt, zu forciert setzt der Text auf die sprachlichen Pointen, zu nahe kommt er alltäglichen Binsenweisheiten: "Wer heiratet, der baut darauf, dass er nun etwas hat, auf das er bauen kann."
Trotzdem: ein lesenswertes Buch eines ungemein belesenen Autors.

Bernhard Fetz in Falter 11/2014 vom 14.03.2014 (S. 17)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783835314597
Erscheinungsdatum 01.03.2014
Umfang 304 Seiten
Genre Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft/Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Format Hardcover
Verlag Wallstein
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