Haus von Anita

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Zum ersten Mal auf Deutsch: Der Roman von Boris Lurie verbindet die Gewalt der KZs mit der zerstörerischen Energie der Kulturindustrie. Radikal und provokant wie kein Autor zuvor.
Bobby ist in New York regelmäßig zu Gast - oder sollte man besser sagen: gefangen? - im »Haus von Anita« und lässt sich dort zusammen mit drei weiteren Männern von den Gebieterinnen des Hauses zur sexuellen Befriedigung quälen und misshandeln. Was auf der Oberfläche wie ein pornographischer S/M-Roman wirkt, ist auf einer anderen Ebene die provokante Darstellung der Nazigräuel.
Ruth Klüger hat in der detailgenauen Darstellung der Lager die Gefahr einer »Pornographie des Todes« gesehen. Wie ein auf die Spitze getriebener Beweis ihrer provokanten These liest sich dieser Text, an dem Boris Lurie mehr als 40 Jahre arbeitete. Auch er war ein Überlebender der Shoah und er war Mitbegründer der NO!art-Bewegung, die sich vor allem gegen die Pop Art und eine selbstgefällige Konsumgesellschaft wendet.
Die industrielle Zerstörung der Körper in den Lagern wird hier bis zur Unerträglichkeit mit ihrer kulturindustriellen Vernutzung durch Konsum, Kommerz und Pornographie verschränkt. Lurie verarbeitet in diesem Buch nicht nur seine Erfahrung der KZs, sondern fragt auch mit schockierender Eindringlichkeit nach der Bedeutung der Kunst nach der Shoah. Eine Lektüre, die erlitten und nicht genossen werden will.

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FALTER-Rezension

„Auf alles scheißen“

Die Grundlagen seiner künstlerischen Erziehung habe er in Konzentrationslagern wie Buchenwald erworben, pflegte ­Boris Lurie zu sagen. Seine Kunst war schwer verdaulich. Er ­überklebte Bilder von Leichenbergen ermordeter Juden mit einem Pin-up-Foto („­Railroad ­Collage“, 1963). Gerne verwendete er in seinen Werken auch simulierte Exkremente. Andy Warhol und der Konsumcharakter der Pop-Art waren ihm ein Gräuel, seine eigenen Arbeiten bezeichnete er wahlweise als NO!art oder Jew Art.

Am Kunstmarkt ließ sich so keine große Karriere machen. Lurie wurde von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Er lebte davon, was ihm sein Vater hinterlassen hatte, und besserte es mit Börsenspekulationen auf. Nach seinem Tod 2008 wurde er etwas breiter wahrgenommen. In den letzten Jahren waren ihm in Berlin, Köln und Nürnberg Werkschauen gewidmet.

Als Autor trat Boris Lurie überhaupt erst postum hervor. Aus seinem Nachlass wurde 2016 der Fragment gebliebene Roman „House of Anita“ publiziert. In der Übersetzung von Joachim Kalka liegt er nun auf Deutsch vor. Die erwähnte Collage ziert das Cover. Der Inhalt des Buches ist nicht minder verstörend. In der Regel stehen auf Buchrückseiten hohle Werbesprüche. Hier darf man dem Verlag glauben, wenn er „eine Lektüre, die erlitten und nicht genossen werden will“, verspricht.

„Haus von Anita“ verschränkt obsessive Sexualität, die einen Hang zum Masochismus hat, mit ­Flashbacks zur Lagererfahrung im Zweiten Weltkrieg. Massenkonsum und der kommerziellen Ausbeutung von Sex durch Pornos stellt Lurie die Massenvernichtung der Juden gegenüber, der er selbst nur knapp entkommen war.

Geboren wurde er 1924 in Leningrad in eine säkulare jüdische Familie. Ein Jahr später ließ sich diese in Lettland nieder, Lurie wuchs im Riga der Zwischenkriegszeit auf. 1941 marschierten die Deutschen ein. Mutter, Großmutter, Schwester und seine Jugendliebe zählten zu den 26.000 Juden, die beim Massaker im Rumbula-Wald bei Riga erschossen wurden. Lurie selbst überlebte mit seinem Vater vier Jahre in Arbeits- und in Konzentrationslagern. 1946 wanderten die beiden in die USA aus.

„Haus von Anita“ ist in einem feinen Viertel New Yorks angesiedelt. Weite Teile des Romans spielen in dem Gebäude, das allenfalls entfernt an ein Bordell erinnert. Es wird eingeführt als „modernes erzieherisches Sklaveninstitut der Avantgarde“. Hier gehen die Freier nicht ein und aus, sie sind Dauerinsassen und werden darauf dressiert, ihren Herrinnen rund um die Uhr Wünsche zu erfüllen.

Das erste Echo von Buchenwald ist, dass es für den Ich-Erzähler aus diesem Gebäude kein Entkommen zu geben scheint. Er unterzieht sich dem strengen Erziehungsprogramm und den ekelhaft-bizarren Ritualen – Kot, Blut, Operationen, Gewaltsex, Lurie lässt wirklich nichts aus – allerdings aus freien Stücken. Einiges davon scheint er durchaus zu genießen.

Mit Fortdauer der Handlung tritt das Dauerthema Schwanz in den Hintergrund. Oberherrin Anita verliert das Interesse an ihrem Lieblingssklaven und ergeht sich stattdessen in soziologischen Studien. Eine jüdische Kunstsammlerin möchte eine andere Herrin kaufen und als lebendes Kunstobjekt ausstellen. Schließlich klopft die Vergangenheit an. Im Entrée machen sich Wiedergänger von Holocaust-Opfern breit. Darunter ein Mädchen, in dem der Erzähler seine einstige Jugendliebe erkennt.

Sie wendet sich direkt an ihn: „Du siehst, ich bin sechzehn und schön und werde es immer sein! Schön wie eine Heldin, unsterblich geworden im Drama von Rumbula. Aber du? / DU wirst nie wieder sechzehn sein! Du wirst ein hässlicher alter Sklave bleiben und den Amerikanern für den Rest deines Lebens die Stiefel lecken! Stiefelleckerei, nicht weniger gründlich als vorher bei den Deutschen, vier Jahre lang.“

Dieser Roman lässt sich kaum anders lesen denn als Aufarbeitung von Luries Geschichte als Schoah-Überlebender. Hier konnte er seine Albträume und das schlechte Gewissen darüber, seine Geliebte überlebt zu haben, in brutal-schaurigen Worten und Bildern verarbeiten.

In einem Interview formulierte Lurie als Motto „Auf alles scheißen“. Für den Roman, den er nur für sich schrieb, ohne eine Veröffentlichung zu planen, gilt das besonders. „Haus von Anita“ ist ein singuläres Werk. Man legt dieses Buch immer wieder erschrocken, bisweilen auch angewidert zur Seite und kann sich seinem Bann doch nicht entziehen.

Sebastian Fasthuber in Falter 19/2021 vom 14.05.2021 (S. 33)

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Produktdetails
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ISBN 9783835338876
Erscheinungsdatum 08.03.2021
Umfang 298 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Wallstein
Übersetzung Joachim Kalka
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