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| Themen | Belletristik Erzählerische Themen, Stoffe, Motive Soziale Themen |
|---|---|
| ISBN | 9783835362185 |
| Sprache | Deutsch |
| Erscheinungsdatum | 19.08.2026 |
| Größe | 20 x 12 cm |
| Verlag | Wallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch |
| Sammlung | Österreichischer Buchpreis |
| Lieferzeit | Lieferung in 2-5 Werktagen |
| Herstellerangaben | Anzeigen Wallstein Verlag GmbH Geiststr. 11 | DE-37073 Göttingen info@wallstein-verlag.de |
Ein wortgewaltiger Roman über ein von bizarren Selbstinszenierungen geprägtes Frauenleben zwischen Psychodrama, mystischem Wahn und Groteske. Eine der geschlechtlichen Nötigung eines Patienten beschuldigte ehemalige Nervenärztin findet ein altes Foto: Es zeigt sie als junge Frau gemeinsam mit ihrer Schwester an einem Hotelpool in Luxor. Überwältigt von den Erinnerungsbildern beschließt die Frau, ihrem während jener Reise verschwundenen Geliebten die verheimlichte Wahrheit schriftlich nachzutragen. Ihre Briefe geraten zu einer Art Lebensbeichte. Hinter der Fassade des früh gealterten Mädchens aus angeblich gutem Haus tun sich Abgründe auf: Aus Loyalität zur Mutter und zur freudlosen Schwester sabotiert sie das Glück, scheitert systematisch in Freundschafts- und Liebesdingen – und macht sich am Ende sogar im Namen der Liebe schuldig. Im Vermächtnis der inzwischen Verschollenen finden sich neben den Briefen etliche Notizen, Beobachtungsprotokolle, Traumnotate und Gedächtnisstützen. Sie ergänzen das Bild einer von Heuchlern und Neidern um ihr Gesicht Gebrachten, die getrieben ist vom Wunsch, erkannt zu werden. Letztlich scheitert sie an ihrer vergeblichen Hoffnung auf Gnade und Vergebung, fälscht ihre Online-Profile, belügt ihre Astrologin – und füllt ihren Kühlschrank mit sündteuren Delikatessen, um der Nachwelt ein Leben vorzugaukeln, das sie nie geführt hat.
| Themen | Belletristik Erzählerische Themen, Stoffe, Motive Soziale Themen |
|---|---|
| ISBN | 9783835362185 |
| Sprache | Deutsch |
| Erscheinungsdatum | 19.08.2026 |
| Größe | 20 x 12 cm |
| Verlag | Wallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch |
| Sammlung | Österreichischer Buchpreis |
| Lieferzeit | Lieferung in 2-5 Werktagen |
| Herstellerangaben | Anzeigen Wallstein Verlag GmbH Geiststr. 11 | DE-37073 Göttingen info@wallstein-verlag.de |
Martin Pesl in FALTER 41/2026 vom 07.10.2026 (S. 7)
Elda Vera. Einen eigentümlichen Namen hat Anna Baar der Protagonistin ihres neuen Romans verliehen: der Nachname ein Vorname, der Vorname vermutlich eine Erfindung. Beim verzweifelten Versuch, das Werk zu durchschauen, drängt sich daher die Idee auf, die Buchstaben umzustellen, um auf einen möglichen Hinweis zu stoßen. Die Methode legt auch die Autorin selbst nahe, mittels eines gegen Ende gelüfteten Plot-Twists, den zu verraten unfair wäre.
Die Anwendung der Anagramm-Methode führt jedoch zu unbefriedigenden Ergebnissen: Larve adé? Ave Adler? Letztere lateinische Begrüßung eines deutschen Vogels schließt immerhin den Kreis zum Buchtitel. Elda Vera halte „Amseln“ gefangen, heißt es eingangs kryptisch, zudem hocke eine weitere Amsel oft auf ihrem Fenstersims. An anderer Stelle kommt ganz nebenbei der Verzehr von Kalbsvögerln zur Sprache, doch die sind, wie in Österreich hinlänglich bekannt, eben keine Vögel.
Nein, auf diese Weise löst sich kein Knoten, eher platzt der Schädel. Der Roman präsentiert sich wie ein raffiniertes Vexierspiel, vielleicht muss man sich aber auch damit abfinden, dass er keines sein will. Das Vorwort allerdings nährt das Missverständnis: Jede Verantwortung Baars für das zu Lesende wird in einer Fußnote augenzwinkernd zurückgewiesen.
Die Schriftstellerin habe nur eine Wette verloren und müsse deshalb ihren Namen für die vorliegende Publikation zur Verfügung stellen. Der eigentliche Herausgeber, „gezwungen, einstweilen anonym zu bleiben“, habe eines Tages diverse Schriftstücke der Frau in einem Koffer vor der Tür liegen gehabt. Nun stelle er sie der Öffentlichkeit in einer lesbaren Form zur Verfügung.
Als Referenz drängt sich die gute alte Kriminalliteratur auf, etwa „Die Akte Harrison“ von Dorothy L. Sayers und Robert Eustace. Baar spielt aber auch auf Briefromane des 18. und 19. Jahrhunderts an. So oder so: Dass der Schreiberin nicht zu trauen ist, macht der mysteriöse Unbekannte von Anfang an deutlich.
Er gibt ihr das Pseudonym Elda Vera – warum, legt er nie dar. Es erscheint unnötig, habe die Betroffene doch sowieso „traurige Berühmtheit“ erlangt. Im Jahr 2020 sei sie unter großer medialer Aufmerksamkeit unehrenhaft aus der Nervenklinik entlassen worden, in der sie als Psychiaterin gearbeitet hatte. Der Grund: sexueller Missbrauch eines hilflosen Patienten.
Der Hauptteil des Romans besteht aus den nie abgeschickten Briefen Eldas an einen ehemaligen Geliebten in chronologischer Reihenfolge von November 2022 bis Dezember 2023, unterbrochen von Tagebucheinträgen aus verschiedenen Lebensphasen der zum Schluss 58-Jährigen.
Daraus geht hervor, dass sie infolge des Skandals kaum noch ihre Wohnung verlässt, sich schwer am Fuß verletzt, als sie zum Ausspionieren der Nachbarhäuser auf eine morsche Sperrholzkiste steigt, und Liebesrat in einem Online-Forum, aber auch von einer schwindligen Astrologin namens Frau Helga einholt, die ihr dafür jeweils Hunderte von Euro abknöpft.
Die Glaubwürdigkeit des Vergewaltigungsvorwurfs nimmt angesichts von Elda Veras Schilderungen eher zu als ab. Einen in Zeiten der Corona-Lockdowns entstandenen Besuchsdienst für Einsame vergrault Elda durch eindeutige Avancen, und einmal kokettiert sie, angelehnt an den Lars-von-Trier-Film, mit der Selbstbezeichnung „Nymphomaniac“.
Für „das Scheitern an der Liebe“, wie der Herausgeber das Thema des Konvoluts schon im Vorwort zusammenfasst, finden sich Erklärungen in Kindheit und Jugend. Eldas Vater misshandelte die Schwester, die Mutter ließ es zu.
Der nicht nur unzuverlässigen, sondern auch ziemlich unsympathischen Erzählerin kommt man dadurch allerdings kaum näher. Als wäre Elda Vera selbst Patientin einer Nervenklinik, beäugt man sie im besten Fall mit analytischem Interesse, wenn sie etwa ihre Vorliebe für Schwangerschaften ihrer Abneigung gegen die daraus hervorgehenden Kinder gegenüberstellt.
Dass sie einen Vogel habe, merkt sie selbst einmal an. Aber auch das Glück ist bekanntlich ein Vogerl, und dass es kein besonderes Interesse hat, sich bei Frau Vera einzunisten, kann man ihm kaum übelnehmen.
Anna Baar wurde 2022 der Große Österreichische Staatspreis zugesprochen – eine Entscheidung, die Klaus Nüchtern wegen Baars damals noch arg dünnem Œuvre kritisierte. Jury und Kulturstaatssekretärin betonten die Sprachkunst und Musikalität der Autorin. Diese Aspekte sind es gewiss auch, die ihren mittlerweile immerhin vierten Roman auszeichnen. Ihre Prosa ist gewählt und erhaben, erfreut sich an Wortkreationen wie „ungestorben“ und beschreibt ein Silvesterfeuerwerk so: „Glühende Sterne prasseln aus den Nebelschwaden.“
Um daraus Bedeutung abzulesen, bedarf es großer Aufmerksamkeit und einer gewissen Anstrengung, auch weil der fiktive Herausgeber die 181 Textvignetten, die ihm zusätzlich zu den Briefen an den Verflossenen zugespielt wurden, so anordnet, dass dabei lange sehr viele Fragezeichen bleiben.
Obendrein bewirft einen der Roman mit etlichen Figuren, die man zunächst für wichtig hält, aber einigermaßen egal bleiben. Das gilt besonders für die Männer: den Briefempfänger Lev, den Ehemann Milan, den Liebhaber Kleiber, den Schwager Momo. Kaum hat man für eine Person eine gewisse Neugier aufgebracht, schiebt sich der nächste neue Name ins Bild.
Dennoch hat Anna Baar es auf die Longlist zum Österreichischen Buchpreis 2026 geschafft. Die Jury scheint davon überzeugt zu sein, dass hinter den hochtrabenden Andeutungen der eigenwillig sprachbegabten Erzählfigur Erkenntnisse lauern, für die es sich lohnt, genauer hinzusehen.
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