Öl und Blut im Orient
Autobiographischer Bericht

von Essad Bey

€ 43,20
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: AB - Die Andere Bibliothek
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Umfang: 360 Seiten
Erscheinungsdatum: 15.06.2018


Rezension aus FALTER 41/2018

Der Kaukasus bleibt eine harte Nuss

Der empathische Lew Tolstoi und der hallodrihafte Essad Bey nähern sich einer konfliktreichen Völkerwelt

Gänzlich unbekannt sind Lew Tolstois vier Erzählungen über den „Krieg im Kaukasus“ nicht. Auch Übersetzungen ins Deutsche wurden schon vor langer Zeit veröffentlicht. Und doch haben die von Rosemarie Tietze herausgegebenen, neu übersetzten und kommentierten Prosastücke durchaus das Zeug, eine heutige Leserschaft von neuem zu interessieren und zu faszinieren. Denn Tolstoi erweist sich auch abseits seiner großen Romane als packender Erzähler, scharfer Beobachter und kritischer Analytiker.

„Krieg im Kaukasus“ ergibt keine runde Geschichte über die bis 1864 stattfindende russische Landnahme und deren größere und kleinere Verbrechen. Tolstoi greift sich in diesen Erzählungen aus unterschiedlichen Schaffensjahren einzelne Episoden heraus, liefert kräftige Psychogramme und starke Schicksale und schildert – ergänzt durch Zeichnungen – wie ein Ethnograf das Dorfleben in den Bergen des Kaukasus.

Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts waren die bis heute kursierenden Kaukasuslegenden wirksam; und auch Tolstoi kann und will sich als Erzähler einer gewissen Mythisierung nicht entziehen. Tüchtige Reiter, kaltblütige Krieger, stolze, schöne Frauen (meist mit „schwarzen Johannisbeeraugen“), launige Greise erscheinen auf dieser grandiosen Naturbühne, die Tolstoi auch idyllisiert, indem er Sprichwörter, Lieder und Legenden einbringt.

Vor solch einer Kulisse fällt die Charakterisierung der russischen Zivilisatoren ziemlich übel aus. Der Zar in Petersburg bekommt erstaunlich böse Breitseiten ab, die russischen Offiziere schieben sich als selbstverliebte Kohorte ins Bild, die – feig, versoffen und korrupt – einzig auf Auszeichnungen und Karriere bedacht ist.

Der Krieg vollzieht sich mehr en passant als in gewaltigen Schlachten, die russische Armee schließt Bündnisse mit einzelnen Ethnien (etwa den Kosaken), arbeitet sich mit Festungen oder großflächigen Rodungen in die unwegsamen Regionen vor. Als fatal erweisen sich die achtlosen Brandschatzungen der Besatzer, die Behausung, Ernte und Infrastruktur der geflüchteten Bergbevölkerung vernichten und weiter an der Spirale von Elend, Verbitterung und Widerstand drehen.

Tolstois unvoreingenommener, fast postkolonialer Blick auf die Psychologie des Despotismus erweist als erstaunlich aktuell, wenn er sich den Nimbus der kulturellen Überlegenheit vorknüpft und die latente bis offene Überheblichkeit attackiert.

Auch für die russischen Aussteiger, für die bei den Tartaren, Tscherkessen, Tschetschenen oder Kosaken das „wahre, wirkliche Leben“ beginnt, hat Tolstoi wenig schmeichelnde Worte übrig. Deren Begeisterung über die unwiderstehliche Grandezza der hart arbeitenden Frauen oder für die elementare Plage der Mückenschwärme wirkt vollkommen überdreht.

Dabei reflektiert Tolstoi seine eigene Biografie: 1851 folgte er seinem Bruder und floh vom luxuriösen Petersburger Bonvivant-Dasein in den Militärdienst im Kaukasus. Sein Alter Ego, der unverbesserlich romantisierende Olenin, bekommt in der Langerzählung „Die Kosaken“ eine fast persiflierende Tönung.

Es zeugt von Tolstois Souveränität und Weitblick, wenn er bei aller russischen Selbstkritik die Sympathie mit den kaukasischen Völkern nicht überspannt. Mit Befremden verfolgt er, wie zu ihrem hochmoralischen Kosmos auch Rachsucht und Grausamkeit gehören. Und die fundamentalistische Welt, mit der ein islamistischer Autokrat die abgelegenen Bergdörfer gegen die russische Zivilisation in Stellung bringt, ist dem Berichterstatter aus dem Kaukasus sichtlich zutiefst zuwider.

Die schönste Geschichte ist die letzte. In „Hadschi Murat“, einem postum erschienen Spätwerk ist, zieht Tolstoi alle Register seiner Erzählkunst und präsentiert uns die bewegende, tragische Lebensgeschichte eines in vielerlei Hinsicht imposanten Tschetschenen, der zwischen die Fronten gerät. Der Held, der zu den russischen Eroberern überläuft, entspricht klischeehaft so ziemlich allen romantischen Vorstellungen vom vitalen, ebenso edelmütigen wie kriegerischen Naturmenschen, und doch ist dieses Charakterbild so stark, dass wir als Leser mit Bangen dem sich abzeichnenden tödlichen Finale entgegenblicken.

Rosemarie Tietze verrät uns im Nachwort, dass die reale, historisch verbürgte Geschichte des kaukasischen Helden auch 2018 kein Ende hat: Sein abgeschlagener Kopf wird bis heute im Petersburger Institut für Anthropologie und Ethnografie als Trophäe des Sieges aufbewahrt. Die Nachfahren des Hadschi Murat verlangen die Herausgabe und Bestattung.

Im Vergleich zum großen, klassisch-realistischen Tolstoi ist Essad Bey (1905–1942) eine geschwätzige Plaudertasche. Sein erstmals 1929 bei der Deutschen Verlagsanstalt erschienenes, autobiografisch inspiriertes Buch öffnet die seltsame Wunderkammer des Kaukasus, erzählt von Teufelsanbetern und Lepradörfern, von Dolchtänzen, Dichterwettbewerben und Zarathustras Feueranbetern.

„Blut und Öl im Orient“ gefällt sich in maßlosen Übersteigerungen, kulturhistorischen Ausflügen und politischen Botschaften, kuriosen Beobachtungen und komischen Charakterbildern. Das Buch mit der reißerischen Story, in deren Mittelpunkt Baku und Aserbaidschan stehen, liest sich gut, schnell und amüsant, aber vertrauen kann und soll man dem vielfach flunkernden Autor keineswegs.

Der Plot folgt den turbulenten Jahren vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg, als auch die Ölvorkommen am Kaspischen Meer zu einem globalen Politikum wurden und kurzlebige merkwürdige Staatengebilde entstanden. Bürgerkriege, Besetzungen, Aufstände, Revolutionen setzten Baku, dem Wüstenkaff, das innerhalb weniger Jahrzehnte einen sagenhaften Aufstieg zur begehrten Ölmetropole hinlegte, aufs Heftigste zu.

In beinahe flapsigem Ton konfrontiert uns der Autor mit der wechselhaften Geschichte, die schließlich in die mörderische Inbesitznahme durch das Terrorregime der Bolschewiki mündete. Essad Bey flieht mit seinem Vater, dem Besitzer einer sprudelnden Ölförderanlage, aus Baku. „Blut und Öl im Orient“ breitet mit Vergnügen das abenteuerliche Versteckspiel und die vielen abenteuerlichen Zwischenfälle der Flucht aus, die schließlich in Georgien ein Happy End findet.

Darüber, inwieweit die Geschichte tatsächlich den eigenen Erlebnissen und Erfahrungen des Autors entspricht, dürfen die Literarhistoriker heute rätseln. Die Biografie des 1905 als Lew Abramowitsch Nussimbaum geborenen Autors ist voller Widersprüche und Lücken. So ist etwa unklar, ob er nun in Kiew, in Baku oder im Zug zwischen den beiden Städten geboren wurde. 1922 kam er jedenfalls zusammen mit seiner Familie als Flüchtling in Berlin an, dockte an russischen Emigrantenkreisen um Nabokov an, konvertierte vom Judentum zum Islam, legte sich als Orientspezialist einen neuen Namen zu und tat sich als begehrter Beiträger der renommierten Literarischen Welt hervor. Der Versuch, sich mit seinem Antibolschewismus dem Nationalsozialismus anzudienen, misslang, weshalb der Schriftsteller 1936 nach Wien übersiedelte und in Wiener Verlagen unter anderem seinen in Aserbaidschan ungemein populären Roman „Ali und Nino“ publizierte.

Vergleicht man die beiden Bücher, könnten die Zugänge unterschiedlicher nicht sein, und doch haben sie so manche Gemeinsamkeit. Tolstoi und Essad Bey, der einfühlsame Realist und das satirische Großmaul, sind Beispiele dafür, dass sich die wunderbare, widersprüchliche, höchst konfliktreiche Völkerwelt des Kaukasus als harte Nuss erweist. Der fremde, europäische literarische Blick von außen legt zwar so manches frei, durchdringt aber bei weitem nicht alles.

Alfred Pfoser in FALTER 41/2018 vom 12.10.2018 (S. 6)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Krieg im Kaukasus (Lew Tolstoj, Rosemarie Tietze, Rosemarie Tietze)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen