Verlorener Morgen

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Die rumänische Suche nach der verlorenen Zeit. Die große Kunst des europäischen Erzählens im 20. Jahrhundert. Ein Klassiker, erstmals aus dem Rumänischen ins Deutsche übertragen
»Der verlorene Morgen« umfasst bewegte Zeiten. Seine Handlung deckt das gesamte »kurze« 20. Jahrhundert ab. Seine Stimmen tragen durch die Jahrzehnte: Es entsteht eine panoramatische Geschichte eines ganzen Landes, gespiegelt in den Erlebnissen von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten.
Von der Gossensprache über die Rhetorik der Staatspropaganda bis zu den Resten einer vergangenen Bildungsbürgerlichkeit, von Bewusstseinsströmen bis zu brillanten Dialogen zieht »Der verlorene Morgen« alle Sprachregister.
»Der verlorene Morgen« ist ein Roman der Frauen und ein Roman des Alterns, in dem das Glück der Vergangenheit von Anfang an unter dem Unstern des persönlichen Scheiterns und der kollektiven Katastrophe des Krieges steht und an keinem Punkt ins Sentimentale oder Nostalgische abgleitet; vor allem aber ein Roman, der vom Leben und seinem Vergehen handelt. Das Kaleidoskop seiner unvergesslichen Figuren, Stimmen und Geschichten erzeugt eine den Leser mitreißende Melancholie.

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FALTER-Rezension

Mit der Bim durch Bukarest

Gabriela Adameşteanu erzählt von der gewalttätigen Geschichte Rumäniens in und vor der Ceaușescu-Ära

Verlorener Morgen“ gilt als Klassiker der modernen rumänischen Literatur, vergleichbar den großen Romanen Marcel Prousts oder dem „Ulysses“ von James Joyce. Allerdings ist eine solche Adelung immer auch eine etwas zwiespältige Auszeichnung, verbinden sich damit doch Attribute wie „bedeutungsschwer“ oder „schwierig“.

Tatsächlich verlangt der meisterlich erzählte Roman seinen Lesern Aufmerksamkeit, Zeit und manchmal auch einen langen Atem ab. Er handelt vom langen, gewalterfüllten rumänischen 20. Jahrhundert bis Anfang der 1980er-Jahre (der Entstehungszeit des Buches) und verarbeitet eine Fülle an historischen Details, soziologischen Analysen, politischen Systemwechseln und Alltagsbeschreibungen als großen Bewusstseinsstrom, der von beschreibenden Passagen über die großbürgerliche Lebenswelt vor dem Ersten Weltkrieg und von einem Tagebuch zum Kriegsterror in Bukarest des Jahres 1916 unterbrochen wird.

Der „Verlorene Morgen“ erstreckt sich bis zum Abend. In diese kurze Zeitspanne der Erzählung passen ungefähr 70 Jahre an erzählter Zeit. Eine alte Frau namens Vica Delça bricht nach deftigen Wortwechseln mit ihrem Mann zu einem beschwerlichen Gang durch Bukarest auf: „Vorsichtig meidet sie die schiefen Steine im Hof, auf die am Morgen der Raureif gefallen ist. Die geschwollenen Beine bereiten ihr stechende Schmerzen, obwohl sie sich gestern Abend mit Benzin eingesprüht hat, und heute trägt sie dicke Wollstrümpfe. Anscheinend steht ein Wetterwechsel bevor.“

Als sich Vica Delça auf ihren langen Weg durch Bukarest aufmacht, sind die letzten Jahre des großen Führers Nicolae Ceaușescu bereits angebrochen. Nach Jahren der Öffnung und einer Annäherung an den Westen verfiel das „Genie der Karpaten“ immer stärker seinem Größenwahn, während rundum die Mauern bröckelten und die wirtschaftliche Situation unerträglich wurde. Die schnaufende, schimpfende, sich erinnernde und alles kommentierende Vica absolviert zuerst einen wenig zielführenden Besuch bei ihrer Schwägerin und fährt dann mit der Straßenbahn quer durch die Stadt, um die ebenfalls nicht mehr junge Ivona zu besuchen, mit deren Familie sie – als Schneiderin in einem mondänen Modeatelier der Vorkriegszeit, als Haushaltsgehilfin, als stundenlange Gesprächspartnerin – eng verbunden ist.

Was die Figuren denken, was sie fühlen, wie die historischen Ereignisse Gewalt erlangen über die Körper, Gefühle und das Denken der Menschen – das alles wird Teil des Bewusstseinsstroms der Figuren. Der Terror der späten Ceaușescu-Jahre färbt in der Erzählung auch noch auf die Schilderungen von früher ab, etwa wenn immer wieder von den Emigranten die Rede ist, vor allem von Ivonas Sohn Tudor, der, wegen seiner Familie gebrandmarkt, in den 1970er-Jahren in den Westen ging.

Die vor sich hin räsonierende Vica führt das Schicksal Tudors zu Überlegungen, die im scharfen Gegensatz stehen zur brutal durchgesetzten Vielkind-Politik Ceaușescus: „Wenn man Kinder hat, hat man nur Ärger … Und jetzt haben sogar die Kinder schon Ärger mit den Eltern, den Kindern geht’s jetzt sogar schlecht wegen der ganzen Familie. Von Generation zu Generation, bis ins neunte Glied, so ist das jetzt bei den Kommunisten Gesetz. Und dann muss man wer weiß wen haben, der da noch ein gutes Wort für den Zögling einlegt, damit es nicht so schlimm wird.“

Es ist überraschend, dass dieser so wenig linientreue Roman die Zensur passieren konnte; zumal die Schilderungen einer untergegangenen beziehungsweise nur mehr in überkommenen Ritualen und heruntergekommenen Häusern präsenten großbürgerlichen Schicht großen Raum einnehmen. Vielleicht wurde die Systemkritik von der äußerst expliziten Ausdrucksweise vor allem Vicas und ihrer Umgebung überdeckt. Ihren Mann, der, dick und bewegungsunfähig, seine Tage fernsehend verdämmert, bezeichnet sie durchgängig als „altes Rindviech“ oder auch „Scheißkerl“. Sie bleibt ihm nach so vielen gemeinsam verbrachten Jahren aber doch verbunden und räumt nach dessen Tod die Wohnung fast komplett aus, so, als wollte sie ihr eigenes Verschwinden vorbereiten.

In den Nischen einer völlig abgewirtschafteten totalitären Gesellschaft blühen die eigenartigsten privaten Subsysteme. Je kollektiver das Ganze sein soll, desto individualistischer reagieren Menschen aller Gesellschaftsschichten. Wie soziale Distinktionen über die Systemwechsel hinweg sich verändern und doch erhalten bleiben, das beschreibt die Autorin sehr eindrücklich.

Die 1942 geborene Gabriela Adameşteanu war eng mit der Dissidentenszene verbunden. Nach dem Sturz Ceaușescus arbeitete sie als Journalistin und setzte sich vor allem für Frauenrechte ein. Ihr Debüt „Der immergleiche Weg eines jeden Tages“ von 1975 erzählt das Leben eines jungen Mädchens in den 1960er-Jahren zwischen „éducation sentimentale“ und gesellschaftlicher Selbstbehauptung. Der Roman „Die Begegnung“ von 2003 hat das schwierige Verhältnis zwischen einem Auswanderer und seinem von langen Jahren der Diktatur geprägten ehemaligen Heimatland zum Thema.

Der Klassiker-Werdung hat die Autorin übrigens selbst versucht vorzubeugen. Über den emigrierten Tudor sagt Vica: „Das ist doch verdreht, wenn man immer nur die Nase in die Bücher steckt! Da kann man ja kein verständiger Mensch werden.“ Wenn man die richtigen Bücher erwischt, stehen die Chancen hingegen nicht schlecht. „Verlorener Morgen“ ist ein Buch, das verständiger und empathischer macht.

Bernhard Fetz in Falter 41/2018 vom 12.10.2018 (S. 9)

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Produktdetails
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ReiheDie Andere Bibliothek
ISBN 9783847704041
Ausgabe 1. Auflage, Nummerierte Ausgabe
Erscheinungsdatum 17.08.2018
Umfang 564 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag AB - Die Andere Bibliothek
Übersetzung Eva Ruth Wemme
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