
Egon Erwin Kisch, der Ermittler
Thomas Leitner in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 29)
Der rasende Reporter“ lautete der Titel einer Sammlung journalistischer Berichte, die heute noch vielen als bedeutendste ihrer Art gilt. Der Autor präsentierte sie 1924, die Bezeichnung wurde von Um- und Nachwelt auf ihn übertragen: Egon Erwin Kisch (1885–1948). In literarisch bearbeiteter Form gab er darin Einblick in seine Arbeit für Prager, Wiener und Berliner Zeitungen und legte eine Auswahl jener Artikel vor, die das größte Aufsehen erregt hatten, viele davon Kriminalreportagen.
Herausragende Beispiele für Letztere erscheinen nun in der bibliophilen Anderen Bibliothek mit humorvollen, an Gerichtssaalzeichnungen angelehnten Illustrationen von Jörg Hülsmann. Die Gerichts- und Kriminalreporterin Sabine Rückert, die auch Host des Podcasts „Zeit Verbrechen“ ist, hat die Texte ausgewählt und steuert Zeitgeschichtliches bei.
Die Themen sind breit gefächert: Berichte zur Polizeiarbeit finden sich da neben Gerichtssaalprotokollen, Recherchen im familiär-gesellschaftlichen Umfeld von Täter und Opfer zeigen den Autor als sozial engagierten Beobachter. Schilderungen des Gefängnislebens führen ihn bis zum verbotenen Besuch eines Sträflingsfriedhofs. Schaurige Höhepunkte stellen das Interview mit dem letzten tschechischen Scharfrichter dar, der seine Großtaten in behäbigem Ton ausbreitet, sowie der Bericht der Hinrichtung von Hans Frank, „Generalgouverneur“ im von Deutschland besetzten Polen, in Nürnberg. Kisch war persönlich anwesend.
Die Entwicklung des Autors wird in der Chronologie deutlich. Hatte er als junger Mitarbeiter der Prager Bohemia in objektivem Ton begonnen, „wie eine Kamera“ die Wirklichkeit abzubilden, tritt er später als Gestalter, ja Selbstdarsteller in Erscheinung. Zentral dafür scheint ein Ereignis zu sein, das auch hier den größten Raum einnimmt: der Fall Redl. Die Obrigkeit wollte die Affäre des zum Selbstmord gezwungenen Obersten zunächst als privates Malheur unter Homosexuellen verharmlosen. Durch einen unglaublichen Zufall erkannte der junge Kisch dahinter einen Spionagefall. Die eigentliche journalistische Großtat war dann der Trick, den er zusammen mit dem Chefredakteur anwandte: Eine direkte Aufdeckung hätte zur Beschlagnahmung der Zeitung geführt. So trat der Text als Dementi auf – das Publikum verstand und das morsche Gebälk der Monarchie krachte noch vernehmlicher.
Mit dem Erfolg stieg der Mut Kischs den Autoritäten gegenüber (so nebenbei wurde auch sein Umgang mit Fakten großzügiger). Ein Bericht über die tollpatschige Mordermittlung der Wiener Polizei steckt voller Spottlust. Und die Begründung des Besuchsverbots eines Häftlingsfriedhofs klingt ganz und gar aktuell: Es liege „im Interesse des ungestörten Dienstgangs in den Strafanstalten“.
Der politischen Aktivität von Kisch – 1918 war er Kommandant der Roten Garde, im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Republik – widmet der Atelier Verlag im April einen Band. Dann fehlt nur noch, ihn auch als Reiseschriftsteller in Erinnerung zu bringen.


