Wo leben wir denn?

Glückliche Orte. Und warum wir sie erschaffen sollten.
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Wir haben es in der Hand – und das vergleichsweise leicht – unsere gesamte Lebensumgebung nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Weil es so einfach geworden ist, Gebäude welcher Art auch immer in kürzester Zeit zu errichten, brauchen wir keine überlegte Entscheidung zu treffen. Die Maybe-Gesellschaft geht vom Vielleicht aus: Wir lassen uns im Privaten und im Beruflichen so lange wie möglich alles offen. Das Credo von der Flexibilität überträgt sich auf unsere gebaute Umgebung. Dieser Zustand des Alles-zugleich-haben-wollens-und-das-sofort bildet sich in der Landschaft ab: ungeplant, achtlos, verschwendend - eine Wegwerfarchitektur, die unsere Umgebung schlicht verunstaltet.
Unser Bewusstsein wird nicht zuletzt durch unsere Lebensumgebung geformt. Zeige mir, wie du baust, und ich sage dir, wer du bist, schrieb nicht umsonst schon Christian Morgenstern. Die gebaute Umgebung wirkt auf unseren Charakter, es darf uns daher nicht gleichgültig sein, wie es um uns herum aussieht.
Ohne Sinn für Ästhetik stellen wir die Landschaft zu: Kommerz und Kitsch bestimmen unseren Alltag – auch auf bauliche Weise. Nur wenn wir die Machtfrage stellen, können wir die Schönheit in unserer Lebensumgebung zurückgewinnen: Eine das Leben für alle bereichernde Landschaft muss endlich zur politischen Kategorie werden.

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FALTER-Rezension

„Glückliche Orte lehren uns wieder zu verweilen“

Wieso ist Wien und seine Umgebung an so vielen Orten so hässlich? Tarek Leitner hat eine Antwort darauf gefunden

Wo sich treffen mit jemandem, der ein Buch mit dem Untertitel „Glückliche Orte und warum wir sie erschaffen sollen“ geschrieben hat? Natürlich an einem solchen. Tarek Leiter schlägt das Café Florianihof in der Wiener Josefstadt vor. Dem ORF-Journalisten geht es in seinem soeben erschienenen Buch „Wo leben wir denn? Glückliche Orte und warum wir sie erschaffen sollten“ nicht nur um Architekturkritik und Stadtplanung wie in seinem Erstlingswerk „Mut zur Schönheit – Streitschrift gegen die Verschandelung Österreichs“, sondern um die sehr grundsätzliche Frage.

Falter: Herr Leitner, was ist ein glücklicher Ort?
Tarek Leitner: Zufällig ist es heute dieses Café. Für mich ist es ein Ort, an dem ich verweilen will. Zum Durchatmen. Latte-Macchiato-Zonen nannte ich es in meinem ersten Buch. Es ist keinesfalls ein Durchgangsort. Wir schaffen uns aber leider immer mehr solcher Transiträume, und inzwischen bringen wir auch unsere Latte-Macchiato-to-go dorthin. Deswegen ist es nicht egal, wie eine Verbindung von A nach B am Land oder eine Wiener U-Bahn-Station ausschaut.

Muss ein glücklicher Ort ein alter, gewachsener Ort sein?
Leitner: Nein, aber es muss ein Ort sein, an dem eine Geschichte, eine Erzählung wachsen kann. Meistens kommen historisch gewachsene, kleinteilige Strukturen unserem Lebensgefühl näher als am Reißbrett entworfene Stadterweiterungsgebiete. Beim Neuen müssten wir uns daran orientieren, wo Menschen flanieren und sich freiwillig aufhalten. Aus Achtlosigkeit und Wirtschaftsdenken heraus tun wir das aber viel zu selten.

Wo lässt es sich noch in Wien flanieren?
Leitner: Zuerst müssen wir uns fragen: Was heißt „flanieren“ eigentlich? Das ist ein bewusstes Wahrnehmen der realen Umgebung. Es ist das Gegenteil von Wohinkommen. Trotzdem ist es ein Unterwegssein. Flanieren kann ich nur dort, wo ich etwas entdecken kann. Wo ich Risse, Brüche und Strukturen finde, anstatt glatte Oberflächen und totale Transparenz, die ich auf einen Blick erfasse. In Wien kann man das an vielen alten Orten. Schön wäre es, wenn es auch an den neu gebauten Orten stattfinden könnte. Ein Strauch und eine kleine Grünzone reichen dafür nicht aus.

Lassen sich glückliche Orte aus der Retorte überhaupt erschaffen?
Leitner: Ein Investor, der Investor überhaupt kann das nicht. Das Wort widerspricht schon dem, was passieren soll. Der Investor ist eine Nichtpersönlichkeit ohne gestalterischen Willen. Das könnte allenfalls der Hausherr. Den müssen wir übrigens nicht mehr gendern, weil es ihn inzwischen nicht mehr gibt. Erweiterungen müssen ein Dazuwachsen sein, wie bei den Jahresringen eines Baumes.

Die Stadt als organisches Wesen?
Leitner: Stefan Zweig schreibt in der „Welt von Gestern“ sehr schön, wie sich Ring um Ring um Wien fügen und dahinter das Land beginnt. Im Zentrum ein Ort öffentlicher Verhandlungen als innerster Kern, daran anschließend der prunkvolle Ring aus der Gründerzeit, der Ring mit sozialen Wohnbauten aus der Nachkriegszeit und den Einfamilienhaussiedlungen jener, die sich bissl mehr leisten konnten. Was es aber nicht mehr gibt, ist der letzte Ring: der der Jahrtausendwende. Stattdessen gibt es ein Konglomerat, das in die Landschaft hineindiffundiert in Breite und Größe, ohne dass die Grenzen auszumachen wären. Ohne Hier und Dort, Stadt und Land. Ein „Nicht-Ort“.

Wien kennt das im Süden, im Osten, Westen – nur nicht in Richtung Wienerwald.
Leitner: Heute wäre es – anders, als das die Politik vor hundert Jahren entschieden hat - undenkbar, zu sagen: Diesen Grüngürtel greifen wir nicht an. Es bräuchte nur jemand kommen und sagen: Das rechnet sich und wir werden schwach. Es gibt keine Grenze mehr. Mittels technologischen Fortschritts können wir jede Grenze überschreiten. Wir können die Donau überplatten, in Sumpfgebieten bauen. Binnen Wochen stehen Hochregallager an jeder Stelle. Erstmals in der Menschheitsgeschichte müssen wir die Entscheidung über unsere Grenzen auch in diesem Zusammenhang ganz bewusst und achtsam treffen.

Auf der Suche nach einem glücklichen Ort flüchten viele aus der Stadt aufs Land, in den Speckgürtel Wiens. Geht das auf?
Leitner: Da muss man Glück haben. Für den Einzelnen kann sich der Nachteil des Landes mit dem Nachteil der Stadt kombinieren, obwohl man die Vorteile von beiden zu finden hofft. Aber weil so viele es wollen, findet man es nicht mehr. In den USA gibt es Retortendörfer mit am Reißbrett entworfenen, organischen Strukturen. Jeder, der dort leben will, muss sich sehr vielen Regeln unterordnen. Zum Beispiel dürfen die Bewohner nicht nach hinten raus leben, mit vier Meter hohen Koniferen, damit man vom Nachbarn eine Ruhe hat. Nein, sie müssen die Veranda nach vorne bauen und auch nutzen. Stellen wir uns nur vor, wenn wir das in einer typisch österreichischen Reihen- oder Einfamilienhaussiedlung einführen würden.

Undenkbar.
Leitner: Natürlich. Aber die liebste Wohnform der Österreicher ist nach wie vor das Eigenheim im Grünen. In der Siedlungsgeschichte der Menschheit hat es ein solches Bedürfnis nach Individualisierung aber nie gegeben. Es ist eine Erfindung der 1960er- Jahre. Für uns als Gesellschaft hat es die großen Nachteile, dass wir durch die Zersiedelung keine Orte der Ruhe und der Anmutung mehr haben. Gleichzeitig subventionieren wir diese Sehnsucht durch die Wohnbauförderung oder die Pendlerpauschale. Mit dem gleichen Recht könnte man eine Innenstadtwohnungszulage auszahlen, weil wohnen in der City teurer ist, aber man dafür schneller am Arbeitsplatz ist.

Warum träumen vor allem Jungeltern vom Grünen?
Leitner: Da gibt es dieses Ideal von den zwanzig Quadratmetern Wiese, die alle, die Kinder kriegen, plötzlich pflegen. Natürlich brauchen Kinder Wiese, aber die Frage ist: brauchen sie sie jeden Tag vor dem eigenen Haus? Ich habe mich auch ohne Wiese gut entwickelt. Ich bin in Linz, mitten in der Stadt, in dicht verbauter Umgebung aufgewachsen.

Die Gemeinderatswahlen in Wien zeigten, dass gerade in den Stadtrandgebieten, wo der Traum vom kleinen Glück im Grünen gelebt werden könnte, die FPÖ sehr stark ist. Aspern etwa.
Leitner: Von Aspern heißt es immer: Das wird ja noch ganz anders. Ob Aspern das Zeug hat, eine Erzählung zu bieten? Auf den ersten Blick dachte ich mir, das hat es. Weil es an die Stadt „heranwachsen“ kann. Zur letzten Jahrhundertwende wurden zwischen Ring und Zweierlinie auch viele, große Flächen bebaut. Sie wurden klein zerstückelt und an Investoren, an Industrielle, Großbürgerliche, Persönlichkeiten mit Gestaltungswillen eben, vergeben. Das füllte die Kassa der Stadt, führte aber auch zu einem organischen Wachstum. Auch damals gab es Regeln und Normen, aber sie waren simpel. Drei Stockwerke, aus denen dann auf kreative Weise eben fünf wurden. Heute bekommt ein Generalplaner und ein Großinvestor ein Riesenareal auf einmal und muss unter Kostendruck und Unmengen an Paragraphen der Bauordnung sein Budget einhalten. Vielleicht ist das eine Wurzel des Problems.

Ein Investor mit Gestaltungswille in Wien ist Michael Tojner, der das Areal rund um den Eislaufverein umgestalten will und dort auch ein umstrittenes Hochhaus umbauen will. Gefällt das Ihnen?
Leitner: Grundsätzlich bin ich schon froh, wenn es anlässlich solcher Vorhaben einen breiteren Diskurs über Stadtplanung gibt. Alleine, dass man sich bewusst macht, dass es Sichtachsen gibt. Das Gefühl, eine Straße mit Ausblick entlangzulaufen, kennt man. Aber wer kennt schon den Begriff? Ob etwas gefällt oder nicht, ist am Ende nebensächlich. Dafür ist das Loos-Haus ein schönes Beispiel. Das wurde zwar in Grund und Boden kritisiert, aber es gab einen, der es unbedingt wollte, nämlich Adolf Loos. Heute stehen Touristen in Scharen davor. Das Neue ist nicht das Problem, sondern die Achtsamkeit, mit der man an das Hinzufügen herangeht.

Der Heldenplatz ist Wiens zentraler Ort. Gehört er verändert? Die ÖVP will ein Haus der Zukunft neu darauf bauen, als Signatur unserer Generation am Ring.
Leitner: Ich würde mir wünschen, dass die Signatur unserer Zeit am Stadtrand entsteht, im organischen Weiterwachsen eines dichten Raumes der Stadt. Das wäre mir viel lieber als das vermeintliche Signieren von etwas, das eh schon gemalt ist. Wo sich jemand ein Ensemble überlegt hat. Der Heldenplatz ist am schönsten zu genießen alleine im Herbstnebel wie es Doktor Professor Robert in Thomas Bernhards Stück Heldenplatz macht. Ich frage mich oft, ob die vielen Menschen, die dorthin strömen, es wegen der Schönheit des Platzes tun, oder weil ständig irgendein Event für große Massen den Platz „bespielt“.

Sie beschreiben im Buch die Paradoxie, dass wir verlernt haben, in der Stadt zu flanieren und nun Begegnungszonen schaffen, um es wieder zu lernen. Mögen Sie die Mariahilfer Straße?
Leitner: Da oute ich mich jetzt. Mit der „Mahü“ ist es ein bißchen so wie mit der Frauenquote. Man muss manchmal Quoten einführen, um einen Zustand zu erreichen, bis es endlich so ist, wie wir es alle haben wollen. Da ich zufällig nur wenig entfernt von der Mahü wohne, bin ich glücklicher denn je, dass es jetzt so ist, wie es ist. Ich hoffe, dass viele, die skeptisch waren, es mittlerweile auch so sehen.
Und Ihr Appell an die, die es nicht so sehen?
Leitner: Führen Sie sich vor Augen: Das Leben im virtuellen Raum lässt uns vergessen, dass wir in einem realen Raum leben. Wir bewegen uns in der virtuellen Welt, mit Wischen und Tippen. Wir sitzen im Zug und schauen nicht raus. Wir sitzen im Café und starren auf unsere Handys. Am Steuer des Autos wurde uns das Onlinesein gerade per Gesetz verboten – vielleicht trägt das dazu bei, dass wir wieder mehr in die Landschaft schauen. Alles überall und sofort und jederzeit und gleichzeitig ist unser Generalanspruch an die Welt. Auch beim Bauen. Im Netz kann man jedes Feld wieder zuklicken, in der realen Welt bleiben hässliche Ruinen. Das Netz sorgt auch dafür, dass wir die großen Bögen verlieren. Im Diskurs, aber auch in der Gestaltung größeren Raumes. Wir verzetteln uns einfach.

Kann man Sinn für Ästhetik lernen?
Leitner: Ästhetik und Schönheit sind Begriffe, die negativ besetzt sind. Sie klingen bourgeoise. Bühne, Kulisse – da sei doch nichts dahinter. Doch, denn ich bewege mich davor! Architekten führen das Wort Schönheit überhaupt nie in Mund, sie reden lieber von Funktionalität. Zivilisatorische Fortentwicklung brachte eine immer schönere Ausgestaltung von Umgebung, irgendwann nannte man es Kultur, und genau dazu haben wir jetzt ein verkrampftes Verhältnis.

Außer wenn wir auf Urlaub sind.
Leitner: Da besuchen wir dann Reservate, geschützte Landschaften wie Nationalparks, oder historische Innenstädte, die das Denkmalamt konserviert. Aber wegen dieser Reservate gehen wir noch hemmungsloser mit dem Rest um. Es ist eine zweischneidige Entwicklung.

Was können wir konkret verändern?
Leitner: Es geht als Erstes um ein bewussteres Hinschauen. Wenn ein Buch etwas erreichen kann, dann das. Dann gibt es zweitens absurde Normen, die unsere Umgebung nicht lebenswerter machen. Wie in der Stadt mit Erdgeschoßzonen umgegangen wurde, etwa. Diese Rolltore, an denen wir jetzt vorbeigehen müssen, weil für jede Dachgeschosswohnung ein Stellplatz errichtet werden musste. Das lässt sich ändern. Wir können drittens auch darüber nachdenken, diese absurde Trennung von Wohnort und Produktion, die zu Industriezeiten noch sinnvoll war, wieder aufzuheben. Die Firma Manner entwickelt gerade eine vertikale Produktionslinie, um die Fabrik in der Stadt weiter behalten zu können. Viele Handwerke lassen sich heutzutage ohne Beeinträchtigung von Gesundheit und Umwelt urban ausüben.

Ist das nicht am Ende ein Luxusproblem?
Leitner: Beim ersten Buch war ich mir ganz sicher, dass das eine Weltanschauung ist, die nur ich und vielleicht ein paar andere haben. Bei den vielen Vorträgen, Tagungen und Diskussionen, zu denen ich dann eingeladen wurde, weil Experten jemanden mit einem populäreren Zugang haben wollten, habe ich dann festgestellt, dass es viel mehr Menschen bewegt. Als unartikuliertes Gefühl, das ich ausgesprochen habe. Im ersten Buch ging es um Schönheit und Hässlichkeit, als Grund sah ich die Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Inzwischen sehe ich die gebaute Landschaft als Seele unserer Gesellschaft, als Ausdruck unserer allgemeinen Verfasstheit.

Barbaba Tóth in Falter 44/2015 vom 30.10.2015 (S. 44)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783850339230
Erscheinungsdatum 26.10.2015
Umfang 176 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Format Hardcover
Verlag Brandstätter Verlag
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