Die Philosophie und das Ereignis

Mit einer kurzen Einführung in die Philosophie Alain Badious
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Kurzbeschreibung des Verlags:

In diesem Gespräch über sein philosophisches Werk spannt Alain Badiou einen großen Bogen. Die vier Voraussetzungen der Philosophie – geschichtliche Umbrüche in der Auffassung der Politik, der Liebe, der Kunst und der Wissenschaft – stehen am Anfang und strukturieren das Gespräch. Dieses führt unter anderem zu seinem aktuellen Großprojekt »L’immanence des vérités«: »Die Immanenz der Wahrheiten« bildet den dritten Band des Werks, das mit »Das Sein und das Ereignis« und »Logiken der Welten« begonnen wurde.
Fabien Tarbys »Kurze Einführung in die Philosophie Alain Badious« am Ende des Buches versteht der Verfasser als Ergänzung und neuerliche Gelegenheit, ein reichhaltiges Denken systematisch zu durchlaufen.

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FALTER-Rezension

Das Mögliche dem Unmöglichen entreißen

Philosophie: Im Gespräch mit Fabien Tarby erläutert Alain Badiou seine Philosophie des Ereignisses

Ein Gesprächsbuch als Einführung in die Philosophie? Kaum verwunderlich bei einem Philosophen wie Alain Badiou, der schon in dem Überraschungserfolg "Lob der Liebe" (dt. 2011) einem Gegenüber Rede und Antwort stand. Badiou stellt sich bewusst in die Tradition Platons und betrachtet die Philosophie (altgr. "Liebe zur Weisheit") in ihrem Ursprung als dialogisch.
"Wer ist Alain Badiou?", fragt Fabien Tarby in seiner kurzen Einführung im Anhang an das Gespräch provokant. "Ein überholter Marxist? Ein Verstandesterrorist, der gefährlich nach links neigt?" Badiou wäre kein echter Philosoph, wenn man seinem Denken mit solch einfachen Zuschreibungen beikäme. Links, ja, wobei er demonstrativ am in allgemeine Ungnade gefallenen Wort Kommunismus festhält. Soll heißen: Gleichheit ist ihm wichtiger als Freiheit.
Für Badiou (geb. 1937 in Rabat) steht die Linke in einem "Prozess der Wahrheit", während sich die Rechte lediglich mit der "Verwaltung der Dinge" beschäftigt. "Das ist übrigens, wie man beinahe in der Gesamtheit der repräsentativen Demokratien sieht, der Grund, warum in der Regel die Rechte an der Macht ist: Sie ist homogen zu dem, was es gibt. Die Linke kommt von Zeit zu Zeit an die Macht, wenn relativ neue Probleme auftauchen, bei deren Lösung die Rechte Schwierigkeiten hat."

Auch die Revolution hat bei ihm immer noch Bedeutung. Hier heißt sie Ereignis. Von seinem auf drei Bände angelegten Hauptwerk sind bisher zwei erschienen: "Das Sein und das Ereignis" (dt. 2005) und "Logiken der Welten" (dt. 2009). "Ein Ereignis ist für mich etwas, das eine Möglichkeit erscheinen lässt, die unsichtbar oder sogar undenkbar war. (…) Das Mögliche wird dem Unmöglichen entrissen. Daher die Parole von 68: ,Fordert das Unmögliche!'" Engagiert zu sein bedeutet, sich auf ein Ereignis einzulassen, es zu ergreifen oder ergriffen zu werden – und daran festzuhalten.
Politik, Liebe, Kunst, Wissenschaften und Philosophie: Die fünf Gesprächsthemen des Bandes bedeuten in Badious Systematik Ausformungen der "IDEE". Wenn das Ereignis das Schaffen einer Möglichkeit bedeutet, so meint der Begriff IDEE den Namen bzw. die Bezeichnung dieser Möglichkeit, etwa Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im Falle der Französischen Revolution. "Der Mensch ist eine Spezies, die die IDEE braucht, um vernünftig seine eigene Welt zu bewohnen."
Während Politik auf Gleichheit abzielt, geht es in der Liebe um Differenz. Entgegen romantischen Liebesdefinitionen à la Tristan und Isolde glaubt Badiou, "dass die Liebe eines jeden narzisstische Einheit auf solche Art zerlegt, dass sie eine Erfahrung der Welt öffnet, die sich als Erfahrung der Zwei akzeptiert". Auch die Begegnung zweier Menschen stellt für ihn ein Ereignis dar, das auf seine Folgewirkungen unlesbar ist. "Die Liebe ist eine schöpferische Angelegenheit und nichts Schöpferisches ist leicht."
Die Kunst am Beginn des 21. Jahrhunderts sieht Badiou in einer unsicheren und konfusen Zwischen- oder Intervallperiode nach der Revolution Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts. Das heißt: Die Avantgarde zeigt bereits eine gewisse Erschöpfung, aber etwas Neues ist noch nicht in Sicht.
Obwohl er die Philosophie von der Mathematik her denkt, macht er für jede ihrer IDEEN einen vorherrschenden Affekt fest: Enthusiasmus für die Politik, Freude für die wissenschaftliche Erkenntnis, Lust (plaisir) für die Kunst und Glück für die Liebe. Im dritten Band seines Hauptwerks plant Badiou diese Affekte ausführlich zu behandeln.

Zu den Aufgaben der Philosophie zählt er die Diagnose der Epoche, die Konstruktion eines Wahrheitsbegriffs und die Herstellung eines Bezugs zum wahren Leben. "Kann man nicht sagen, wozu die Philosophie im Hinblick auf das wahre Leben dient, dann ist sie lediglich eine zusätzliche akademische Tradition."
Badiou versteht sich als Klassiker, dessen dialektisches Denken den Zufall einschließt, sich dem Kampf gegen den Skeptizismus und den kulturellen Relativismus verpflichtet hat und dabei von den Dingen und nicht von den Wörtern ausgeht. Damit setzt er sich bewusst von der französischen Tradition ab, für die etwa sein Zeitgenosse Jacques Derrida (1930–2004) steht.
Ein Mann der glasklaren Worte, der seine eigene Philosophie hervorragend vermitteln kann – beinahe besser als Fabien Tarby, dessen Einführung man am Ende gar nicht mehr braucht.

Am 21.3. um 19 Uhr spricht Alain Badiou mit Mihály Vajda und Peter Engelmann im Semperdepot über Krisenszenarien.
Am 22.3. ist er um 20 Uhr in "Zweifels Reflektorium" im Vestibül des Burgtheaters zu Gast

Kirstin Breitenfellner in Falter 11/2012 vom 16.03.2012 (S. 37)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783851326666
Erscheinungsdatum 01.03.2018
Umfang 176 Seiten
Genre Geisteswissenschaften allgemein
Format Taschenbuch
Verlag Turia + Kant
Übersetzung Thomas Wäckerle
Herausgegeben von Fabien Tarby
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