Ruhig Blut
Gedichte

von Birgit Müller-Wieland

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Verlag: Haymon Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Lyrik
Umfang: 96 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Alles ist möglich, im Gedicht. Und in den Gedichten, die Birgit Müller-Wieland in ihrem ersten Lyrikband versammelt, findet es sich wieder: Anarchisches und Gezähmtes, Leises und Polterndes, alte Formen, Experimentelles. Drei Zyklen umkreisen unterschiedliche Themen, suchen ihre Sprache. Einmal geht es um die Auseinandersetzung mit "Stein" in seiner Materialität, aber auch, von einem assoziativen Netz zusammengehalten, um Kindheit, Natur und Tod; dann um Orte und Landschaften, vom Salzkammergut über Berlin, Prag, Lemberg bis nach Vietnam und Singapur. Der Liebe und dem Alltag ist der dritte Zyklus gewidmet. Und immer wieder die Elemente Wasser, Feuer, Luft und Erde, die den Texten bei aller Unterschiedlichkeit in Inhalt und Form eine poetische Klammer verleihen. Jedes Gedicht nimmt sich seinen eigenen Ton, seine eigene Bildlichkeit, seine Form. So können sich manche Gedichte nur im Reim entfalten, andere brauchen Ausdehnung in der freien Rede.

Rezension aus FALTER 41/2002

Trotz massiven Selbstbewusstseins und schlagfertiger Präsentation ihrer Welt sind die türkischen Jugendlichen der zweiten und dritten Generation noch immer ausgegrenzt. Ein Buch will jetzt helfen, die Kluft zu überwinden.

An den Wirtshaustischen des Landes, dort, wo die anständigen und ehrlichen Österreicher beisammensitzen und einander ihr anständiges und ehrliches Österreichertum bestätigen, sich dabei auch gern in dumpfem und alkoholgesättigtem Rassismus ergehen, sitzt Karina Schwann nur mit Grauen. "Dieses ganze fremdenfeindliche Gerede, das ganze Blablabla", sagt sie angewidert. "Diese Leute, die nicht über ihren eigenen Tellerrand hinausblicken können, sind gefährlich."

Brenzlig kann es mitunter auch außerhalb von Wirtshäusern werden. Als Schwann, 32, die nach einigen Jahren als Redakteurin beim Jugendsender FM4 nunmehr als freie Radiojournalistin für Ö1 ("Ambiente", "Diagonal") arbeitet, vor kurzem von einer Haider-kritischen Demo in Kärnten berichten wollte, hörte sie vielfach ein Raunen vom Straßenrand. "Schau's an, des Gsindl!", wurde da gar nicht mehr verhalten gezischt. Schwann schaltete ihren Dat-Recorder ab, anstatt O-Töne einzufangen, verwickelte sie sich in einen lautstarken Streit. Die geplante Radiosendung kam nicht zustande, das Brüllen und Zetern der ehrlichen und anständigen Österreicher hätte sowieso jeden Aufnahmepegel überschritten.

Ein anderer, schließlich gesendeter, Radiobeitrag - das im April vergangenen Jahres im Rahmen der Ö1-"Hörbilder" ausgestrahlte Feature "Meine Heimat bin ich selbst" - gab den Ausschlag für Schwanns gerade erschienenes Buch "Breakdance, Beats & Bodrum", das von der Aufmachung her dem erinnerungsduseligen "Wickie, Slime und Paiper" ähnelt, vom Inhalt her aber weitaus interessanter und notwendiger ist.

"Die türkischen Jugendlichen sind es leid, dass über sie gesprochen, gerichtet und befunden wird", sagt Schwann, "weder die leidige Opferrolle noch eine ungerechte Täterrolle sind ihre Realität." So wägt "Breakdance, Beats & Bodrum" nicht ab, gibt auch keine klugen Kommentare zur Situation, sondern versteht sich als Sprachrohr, das von einer vitalen und dennoch an den Rand gedrängten Kultur berichtet.

Der radiophone Bericht über die Welt der türkischen Jugendlichen in Wien wurde dabei mit O-Tönen aus Berlin angereichert; auf den 140 Seiten des mit "Türkische Jugendkultur" untertitelten Bandes sind Auszüge aus rund siebzig Gesprächen transkribiert, die Schwann im Zuge ihrer Recherchen in Wien und Berlin führte: Szenegrößen wie der Wiener Elektromusiker und DJ Erdem Tunakan, der Modedesigner Atil Kutoglu oder die PRO7-Fernsehkomiker Erkan und Stefan kommen ebenso zu Wort wie Hikmet Kayahan, der seit Jahren in der Integrationsarbeit tätige Leiter der Volkshochschule Ottakring, oder Kenan Babyigit, Veranstalter der Wiener "Bodrum-Nights". Daneben berichten türkische Jugendliche der zweiten und dritten Generation aus ihrer noch immer fremden Heimat Wien und Berlin.

Dabei kann auch flapsig Dahergesagtes ("unser populärster Trachtenträger ist DJ Ötzi. Viele Leute sagen, ja, das ist eine Ötzi-Jacke"), machomäßig Aufgeplustertes ("ich hatte früher vier oder fünf Freundinnen auf einmal") oder selbstbewusst Vorgetragenes ("wir stehen nicht zwischen zwei Stühlen oder Kulturen, wir haben längst unsere eigene") nicht über die immer noch herrschende Ghettoisierung der in den Siebzigerjahren nach Österreich eingewanderten Kinder und Enkel der damaligen Gastarbeiter hinwegtäuschen. Ein Großteil der knapp 300.000 Kinder und Jugendlichen fühlt sich in Wien noch immer nicht beheimatet, "in der österreichischen Verfassung sind nur Österreicher gleich - nicht alle Menschen", bringt es einer auf den Punkt. Jedes Stück Normalität, so ist aus einem Großteil der von Karina Schwann geführten Gespräche zu erfahren, ist ein hart erkämpfter Kompromiss zwischen Anpassung und eigener kultureller Identität: "Wie komm ich dazu, mich in der Straßenbahn beschimpfen zu lassen, wenn ich da meine eigene Muttersprache spreche?", fragt sich Ercan. Und Hikmet Kayahan, der Leiter der Volkshochschule Ottakring, wo genauso wie im 15. Bezirk annähernd jeder dritte Jugendliche einen nichtösterreichischen Pass besitzt, fordert wieder einmal das Selbstverständliche: "Diese Buntheit und ethnische Vielfalt sollte man endlich als das sehen, was sie sind - eine Bereicherung."

Damit das auch an den Wirtshaustischen, an denen immer noch dumpfe Fremdenfeindlichkeit die Oberhoheit hat, endlich klar wird, greift er zu einem Slogan, der auch im hintersten Winkel Österreichs, der auch im abgelegensten Teil des Landes "hinter den Bergen bei den sieben Zwergen" (Schwann) verstanden werden dürfte: "Schluss mit Kuscheln, wir wollen Sex", fordert Kayahan sehr plastisch.Liesl Ujvary ist deklarierte "Neophile": Sie liebt das Neue, eignet sich die jüngsten Computerprogramme und wissenschaftlichen Diskurse an und treibt mit ihnen ein hintergründiges Spiel, in dem das Ich außer Kontrolle gerät.

Sie finde ihre Texte keineswegs schwierig, beteuert Liesl Ujvary, sondern "deppeneinfach". Jeder ihrer Sätze könnte auch in der Kronen Zeitung stehen: "Ich tue es die ganze Zeit." Zum Beispiel. Aber was tut sie? Liesl Ujvary konstruiert Sätze, die einfach sind. Ihre Prosa besteht allerdings nicht aus einzelnen Sätzen, sondern aus Tableaus, die absatzweise Bewusstseinsräume eröffnen. Diese werden unvermittelt wieder geschlossen - cut -, um ein neuerliches Eintauchen zu ermöglichen; ein Eintauchen in die Wahrnehmungslandschaft eines nicht greifbaren Ich, das sich assoziativ treiben lässt.

An dieser Stelle bitte nicht an Befindlichkeitsprosa denken! Denn Liesl Ujvary konfrontiert in ihrem neuesten Buch "Kontrollierte Spiele" ein Ich mit Versatzstücken aus der Science-Fiction, beschreibt es in der "Metaphorik der neuen Medientechnologie" und erreicht durch diese Verfremdungsstrategie eine hohes Maß an differenzierter Wahrnehmung. "Meine Tastatur. Sie ist meine Fassade." Wobei es der Autorin um die Beschreibung einer allgemeinen Situation geht: "Das bezieht sich schon auch auf Österreich, aber ich schreibe eben nicht diese Gamsbartliteratur, diesen negativen Heimatroman, den fast alle Leute hier schreiben. Das ist ein schmaler Tellerrand. Wir leben jedoch in einer ganz anderen Welt, wo ganz moderne Dinge und ganz archaische ineinander greifen, wo die Steinzeit, aber auch die virtuellen Räume immer präsent sind."

Was ad hoc nicht zusammenzugehen scheint, wirkt in Ujvarys Texten auf erstaunliche Weise stimmig. Das sich selbst beobachtende Ich kann mit drogenrauschähnlichen Bewusstseinszuständen beschäftigt sein, die jedes Oszilloskop mit maximalen Amplituden darstellen würde: "Ich konzentriere mich auf das Brodeln in meinem Kopf. Mein Kontrollgerät schrillt, grellt. Geräusche explodieren in meinem Kopf." Der äußere Anlass wird von der Heftigkeit der inneren Reaktion überdeckt. Die Distanziertheit der technokratischen Rede kann jedoch im nächsten Augenblick schon von der Unmittelbarkeit sinnlicher Eindrücke durchbrochen werden, vom Anblick "seufzender Wälder, erhabener Gipfel, glitzernder Seen".

Der Text "Bad Sector" ist "ein Bild für das Individuum". Dieses ist fehlerhaft und befindet sich stets an der Kippe zum Kontrollverlust, der in paranoiden Strukturen seinen Ausdruck findet. Weltverschwörungstheorien, Verfolgungswahn und diffuse Ängste durchziehen Ujvarys Literatur, die in "Heavy Tools" in der Figur des Mutanten ihre Komplexität entfalten. Was die Autorin unter "Mutant" versteht, macht sie vom jeweiligen Kontext und Standpunkt abhängig: Die Nazis bezeichneten damit die Juden, Franz Josef Strauß die Achtundsechziger, heute wird es gegen die Ausländer verwendet. Es ist die "Metapher für abartige Menschen" und bezeichnet das Fremde, das Andere, das Angst macht, weil es sich der Kontrolle entzieht. Im Sinne des US-amerikanischen Comics "X-Man", der dem Text zugrunde liegt, sind Mutanten aber auch als Opfer zu verstehen. Sie werden von einer anonymen Macht in Lagern versammelt, damit mit ihnen Experimente durchgeführt werden können. Wem ist noch zu trauen? "Blade Runner" lässt grüßen.

"Mit der Paranoia ist es mir ganz ernst", meint die Autorin und denkt am liebsten an Robert De Niro als "Taxi Driver", an seine starken Gesten. "Kriegerisch und cool und unnahbar" wolle sie sein, nicht nur zum Selbstschutz, sondern auch aus Verantwortungsgefühl: "Das Kriegerische und das Soldatische bedeutet, dass ein Schriftsteller, ein Künstler immer wachsam und immer an allen Fronten präsent sein muss."

"Kontrollierte Spiele" - damit sind interaktive Spiele gemeint, die uns angesichts einer unsicheren Realität den Rückzug in eine sichere Höhle suggerieren. Der gleichnamige Text zerstört diese Illusion der menschlichen Autonomie: "Der Traum des Spielers ist die autonome Welt, die sich von der realen Welt ablöst . Nicht das, was ist, interessiert uns, sondern das, was sein könnte das Spiel setzt uns dem Risiko aus, unsere Lebensgrundlage zu untergraben oder uns selbst durch die Schaffung künstlichen Lebens zu überschreiben." Es ist eine Warnung vor den Machbarkeitsfantasien neuer Technologien und einer naiven Fortschrittsgläubigkeit.

Liesl Ujvary kritisiert nicht aus Angst vor dem Unbekannten. Sie weiß, wovon sie spricht, bezeichnet sie sich selbst doch als "neophil": Die neuesten Entwicklungen interessieren sie. Sie lernt die aufwendigsten Computerprogramme, lässt in wochenlanger Arbeit einzelne von ihr selbst ins Mikro gesprochene Sätze in Sinusschwingungen umwandeln und nimmt die Töne auf CDs auf. Dabei ist ihr der respektlose Zugang wichtig, und letztendlich gilt trotz ausgiebiger Lektüre: "Ich glaube an nichts von dem, was ich lese."

Die Aussage sollte jeden Leser zur Genauigkeit anhalten, denn die Autorin reduziert das Gelesene mitunter auf ein Minimum und überlässt es den Lesern, die dadurch entstandenen Leerstellen aufzufüllen: "Für die Sätze: ,Ich scheiße gern. Geld stinkt nicht.' habe ich drei Monate recherchiert: über Geld und Bewusstsein."

Ujvary verdichtet. Ihre Texte sind Montagen aus Sätzen, die aus aktuellen philosophischen, naturwissenschaftlichen, wirtschaftlichen und technischen Publikationen, aus der Trivialliteratur und aus der Science-Fiction kompiliert werden. Das geschlossene System einer Fachsprache ist das Grundmaterial, das sie mit fachfremden, metaphorischen Bezügen und eingestreuten Zitaten durchlöchert, in das sie Keile sprachlicher Versatzstücke treibt.

Da Sprache ohnehin nie passt, stülpt Ujvary ihrer Literatur einen Mantel aus fremden Texten und Jargons über: "Ich bemühe mich, so zu schreiben wie eine Ausländerin, die sehr gut Deutsch kann." Dazu gehört ein distanzierter Umgang mit Sprache. Die Autorin sieht sich in der österreichischen Tradition der Sprachskepsis und in Verbundenheit mit Wittgenstein in guter Gesellschaft. Sprache greift zwar immer zu kurz, bestimmt aber unser Verständnis von Wirklichkeit: "Aus der Sprache, die uns umgibt und die ich auch mag, besteht die Wirklichkeit." Und die Eigendynamik dieser Sprache bestimmt Ujvarys Schreiben: "Da kommt die Sprache herein, setzt sich her, und dann drängelt wieder etwas anderes.""Ruhig Blut", der neue Gedichtband von Birgit Müller-Wieland, ist ein Balanceakt zwischen Kitsch und Kunst, Pathos und Alltagssprache.

Mein Vater gebar mich mit einem großen Knall. Es war ein Krachen und Bersten. Die Knochen splitterten, und Blut spritzte die Wohnzimmer Wände rot." Dass Birgit Müller-Wieland 1962 in Schwanenstadt tatsächlich so geboren wurde, lässt sich bezweifeln; das Studium der Germanistik in Salzburg schloss sie auf jeden Fall mit einer Dissertation über die "Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss ab, heute lebt sie in Berlin. Mit der "Farbensucherin" (1997), aus der die zitierten Sätze stammen, hat Müller-Wieland nicht nur eine effektvolle Talentprobe abgelegt, die hochromantisch unterlegten Texte wurden bislang auch reichlich prämiert. Für ihren neuen Gedichtband "Ruhig Blut" erhält sie diese Woche den Reinhard-Priessnitz-Preis, Juror: Robert Schindel.

Drastisch geht es auch in "Ruhig Blut" zu: Wenn etwa die Kinder "vor Lachen ins Moos beißen", bleiben sie allerdings noch von jenem ganz großen Schrecken verschont, den das lyrische Ich am eigenen Leib bereits erfahren hat: "Hinter der Tür dreht sich ein Dolch zwischen meine Beine." Die Mixtur aus Sehnsucht, Schmerz, Körperlichkeit und großer Emphase wäre schwer verdaulich, ließe sich auch ganz leicht in der Rubrik "weibliches Schreiben" oder "Körpertexte" verbuchen, wären da nicht der gekonnte Umgang mit der poetischen Tradition und der Umstand, dass Müller-Wieland nicht einfach nachahmt, sondern tatsächlich eine eigene Stimme hervorbringt. Manchmal lugt Celan hervor, die Aichinger, Volkslieder, Abzählreime - kurz: Gedichte in österreichischer, expressiver, barocker Tradition, eine Welt zwischen Lavant und Winkler, die manchmal nur nach Erich Fried klingt und immer wieder nach - siehe oben - Peter Weiss.

Das Ganze beginnt mit einer Ouvertüre, fünf Gedichten an eine befreundete Bildhauerin und über Steine.
"Der Stein das ist der Mund
der spricht ganz rau er sperrt
die Wörter ein und übt
sich in den sanften Sprachen
was da stockt das ist
ich wette sein starkes Blut.
Nicht meins."
Dieser ganz besondre Saft, das starke Blut des Steins, wird in einer Art dialektischem Dreischritt, in sechzig Gedichten über Kindheit, Reisen und die Liebe in Fluss gebracht, zielstrebig laufen die Texte auf ein Happy End zu.

Das Titelgedicht spricht vorerst vom Gegenteil:
"Ruhig Blut es ist kein Räuber es
poltert doch nur unser Engel ums
Haus mit seinen Knochenflügeln mit seinem
Lachen das weich ist und voller Gefahr " Es geht um das Vatergrab, das Mutterhaus, Kinderspiele, die Großmutter, einen alten Mann, eine Operation oder Abtreibung, Alltags- und Nachtszenen, die Versuchung (?) des Selbstmords in einem Gedicht auf Sylvia Plath: "Sterben ist eine Kunst, wie alles, ich kann es besonders schön."

"In fremden Städten sind die Farben leichter zu entdecken", hieß es in der "Farbensucherin". Die "geheimen Reisen" des zweiten Teiles führen nach Salzburg und Prag, Asien und Italien und dann heim nach Berlin. So weltgewandt die Bewegungen, so oft Farben genannt werden, so bekannt und farblos sind die Beobachtungen dieser Gedichte, weil sie glauben, besonders geschichtsbewusst sein zu müssen. So wird zwar in Salzburg abends noch überzeugend "die Sonne an den Dom genagelt", aus irgendeinem Grund flackert dann aber im Flug der "Hitlergott hinter der Stirn" vorbei; in Lemberg hängen zuerst gelbe Engel von den Dächern, dann trifft man aber noch auf den einsamen Jesus gegenüber dem Bethaus, der "denkt ins höhere Blau" (gemeint ist der Holocaust).

Über die Lust an tragischen Gegenständen wurde genügend gesagt; Müller-Wielands Stärke liegt denn auch nicht im aufgepfropften Geschichts- und Kulturgut, im "kritischen Auge", das ein Rezensent einmal besonders lobend hervorhob, sondern in dem, was sie selbst erlebt hat: ihr erstes Erdbeben in Japan oder die Besteigung des Vesuv ("Dass ein Vulkan so gut riecht war nicht zu ahnen "). Und gut ist sie auch, wenn sie die vielen Stimm- und Inhaltsebenen, die sie "kritischen Auges" ansonsten evozieren möchte, einfach zurückweist:
"Es plappern die Sender am rauschenden Strom
plapplapp plapplapp plapplapp Seid ruhig legt euch nieder
flieg Blauhelm flieg
was klappern sind Knochen vom vorletzten Krieg."

Der dritte Teil ist mit "Einfach" überschrieben und der am wenigsten einfache. Der Balanceakt zwichen Kitsch und Kunst, Pathos und Alltagssprache, Anspielung und Anspruch führt zu heftigen Abstürzen. Die Pose des erwartungsvoll-ängstlichen Kindes oder Mädchens, das Engel beschwört und Blut rinnen lässt, wird im maßlosen Anspruch einer Reise direkt ins Paradies zur kunsthandwerklichen Zuckerbäckerei.

Dass wir "in unserm Fleisch leuchten", ist schon sehr viel; aber wirklich zu viel des Guten sind dann die Spaziergänge in der Umgebung Berlins:
"Jetzt wandern wir
im sandigen Grund
Hitzewölkchen wirbelnd
der Hund
hechelt dem Kühlen zu
hinein ins magische Blau
über uns Mondhauch
Silbertau."
Im Blau des Himmels mag ja alles sein, aber ruhig Blut mag man bei so viel Mondhauch und Silbertau nicht mehr bewahren - schreien jedoch auch nicht, trotz des abschließenden "Mittagsglücks Schrei". Die mittägliche Extase klingt dann nicht mehr nach Dionysos oder Rilkes unheimlichem Engel, sondern nach Krankls rostigen Flügeln und Zuckerwatte.

"Ist es ein Traum?", hieß es einst bei Heinrich von Kleist, der seinen Prinzen von Homburg aus dem märkischen Sand ins Jenseits des Glücks abheben ließ. Die vieldeutige Antwort lautete damals: "Ein Traum, was sonst?" Birgit Müller-Wieland mag bei diesen Spaziergängen ihr Glück gefunden haben, als Leser mag man hierbei aber nicht mehr ohne Schrecken seiner selbst inne werden. Man wacht auf und sagt sich: I mean I dream. Wer heute von der blauen Blume träumt, muss verschlafen haben. Trotzdem: Die Gratwanderung von "Ruhig Blut" verdient Respekt: Red roses for a blue lady! Und nebenbei hätte das Buch auch eine schöneres Cover als das wässrige Blutgerinnsel verdient. So dünn ist die Suppe nicht.Die Rock- und Popmusik galt jahrzehntelang als emanzipatorisches Medium und Stimme jugendlichen Aufbegehrens. Spätestens mit der Nazirockdebatte der frühen Neunzigerjahre dürfte es sich aber auch in unseren Breiten herumgesprochen haben, dass die Form der Musik selbst de facto noch keine Rückschlüsse auf ihre Inhalte zulässt.

Zwar ist die Subkultur des Nazirock mittlerweile wieder aus dem medialen Blickwinkel verschwunden, die internationalen Rechts-Rock-Netzwerke bestehen aber nach wie vor. Und auch abseits von Metal und Punk ist das vermeintlich "linke" Feld der Popmusik nicht vor ungustiösen Umtrieben gefeit. So beleuchtet etwa der vom deutschen Journalisten und Rechtsextremismusexperten Andreas Speit herausgegebene Reader "Ästhetische Mobilmachung" etwa in sechs akribisch recherchierten Beiträgen mit einer dichten und analytischen Materialsammlung die musikalische und ideologische Düsterwelt der Dark-Wave- und Industrialszene. Hannes Loh, der Koautor des Standardwerks "20 Jahre HipHop in Deutschland", und der Kanak-Attac-Aktivist Murat Güngör verfolgen in "Fear of a Kanak Planet" wiederum rechte Tendenzen im deutschsprachigen HipHop. Der reißerische Untertitel "HipHop zwischen Weltkultur und Nazirap" bezieht sich auf den hier konstatierten Tabubruch, wonach es neuerdings innerhalb der deutschen Rapszene auch nationalistische Tendenzen gäbe. Während diesbezüglich eher die sprichwörtliche Mücke zum Elefanten gemacht wird, liegt das eigentliche Hauptaugenmerk des Buches auf einer intensiven Untersuchung jener Entwicklung, die HipHop in Deutschland von einer politisch motivierten Kultur der so genannten zweiten Generation zu einem Mittelklassephänomen machte, an dessen kommerziellen Erfolg die einstigen Pioniere kaum teilhaben. Aus diesen Gründen kann das Buch trotz des Kalküls um den unnötig skandalisierenden Begriff des "Nazi-Rap" durchaus zur Lektüre empfohlen werden.Der Wiener Künstler Florian Pumhösl hat sich mit Recherchen über moderne Architektur international einen Namen gemacht. Eine Ausstellung der Generali Foundation und ein Buch zeigen Ergebnisse seiner Reisen in ferne Jahrzehnte und Kontinente.

Wer eine Reise tut, hat was zu erzählen. Der eine kehrt von einer Tibetreise zurück und beschwert sich über die Bierpreise. Ein anderer berichtet davon, wie er in Kolumbien knapp einem Anschlag von Guerrilleros entkommen ist. Wenn Florian Pumhösl von seinen Reisen nach Afrika berichtet, hört er sich an, als hätte er gerade einen Nachmittag auf der Nationalbibliothek verbracht.

Das Understatement des 31-jährigen Künstlers hat Methode: In seinen Recherchen über die Prozesse von Modernisierung in afrikanischen Ländern, deren dritter Teil gerade im Königlichen Museum der schönen Künste in Brüssel zu sehen ist, geht es darum, die überbordenden Projektionen auf den schwarzen Kontinent herunterzudimmen. Anstelle der Bilder von Naturkatastrophen, Seuchen und Bürgerkriegen setzt er menschenleere Aufnahmen von Gebäuden. Er möchte die Zeugnisse der modernen Gestaltungssprache des zwanzigsten Jahrhunderts dokumentieren, die einmal der gesamten Menschheit Fortschritt versprochen hat und nicht bloß, wie es die neuere Geschichte auf verheerende Weise zeigt, einer privilegierten Minderheit - mit all den damit verbundenen Widersprüchen. "Die Faszination liegt in einem Bedürfnis nach Vervollständigung einer emanzipatorischen Erzählung der Moderne, die in den westlichen Darstellungen ausgespart bleibt", erklärt Pumhösl. Zu bestellen unter f.pumhoesl@magnet.atEine(r) und noch eine(r) ergibt auf jeden Fall zwei, manchmal sogar ein Paar. Handelt es dich um Menschen, so existiert das Paar in den verschiedensten Konstellationen, auch wenn Mann/Frau nach wie vor als größter Hit gelten darf. Die aus Ostberlin stammende Fotografin Anja Müller, die zuvor schon "Frauen" und "Männer" fotografiert hat, hat nun Menschen beiderlei Geschlechts und unterschiedlichen Alters sich vor der Kamera ausziehen (manche haben auch noch etwas an) und als Paar posieren lassen - ob die Laiendarsteller ihrer selbst tatsächlich solche bilden, weiß man nicht so genau.

Wolfgang Paterno in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 79)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Breakdance, Beats und Bodrum
Fear Of A Kanak Planet (Hannes Loh, Murat Güngör)
Kontrollierte Spiele (Liesl Ujvary)
Paare (Anja Müller)
Ästhetische Mobilmachung (Christian Dornbusch, Jan Raabe, Andreas Speit)
Champs d'expérience (Florian Pumhösl)

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