Das Wort gegenüber

Gedichte
192 Seiten, Hardcover
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Reihe Transfer Bibliothek
Themen Biographie, Literatur und Literaturwissenschaft Lyrik, Poesie
ISBN 9783852569376
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 25.09.2026
Größe 13.5 x 21 cm
Verlag Folio
Übersetzung Alma Vallazza
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Folio Verlag
Pfarrhofstraße 2d | IT-39100 Bozen
office@folioverlag.com
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Kurzbeschreibung des Verlags

Gedichte über die Stille, das Schreiben und den Schmerz. Die Schönheit und Klarheit des poetischen Worts … ... prägen Roberta Dapunts radikale Suche nach Wahrheit. Zwischen persönlicher Trauer und politischer Empörung hinterfragt sie die Macht der Sprache und die Werte unserer Zeit. Etwa wenn sie den vielen Stillen nachspürt und dem Staunen oder dem Heiligen begegnet. Wenn sie gegen den Schmerz angesichts der Kriege, des Umgangs mit Migranten und der Gewalt an Frauen anschreibt, wenn sie über Verlust und Tod nachdenkt. Stets werden „die Worte gegenüber“ überprüft und sie offenbaren dabei ihre Machtlosigkeit. Ein intensives Zeugnis menschlicher Zerbrechlichkeit. Sprache am Rand des Sagbaren.

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Themen Biographie, Literatur und Literaturwissenschaft Lyrik, Poesie
ISBN 9783852569376
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FALTER-Rezension

„Nacktes Leben, das uns nicht interessiert“

Daniela Strigl in FALTER 41/2026 vom 07.10.2026 (S. 13)

Tö me fajôs dí deplü co ci che i orô dí“, heißt es im Gedicht „matern lingaz“, dem einzigen ladinischen Text dieses zweisprachigen Bandes von Roberta Dapunt. Das kommt nicht von ungefähr, denn „mütterliche Sprache“ ist an die verstorbene Mutter des lyrischen Ich adressiert und beschwört den schwelgerischen Eintritt des Kindes in deren körperlich begreifbare Klangwelt: „du hast mich mehr sagen lassen, als ich zu sagen hatte“.

Die Erinnerung an die „Mundart des Unbewussten“, in der Lachen und Weinen leicht in eins fallen, ist für die Südtiroler Autorin zugleich eine an ihre Praxis als Dichterin einer sehr kleinen Minderheit in einem kleinen Land: Rund 30.000 Seelen zählen die Rätoromanen des Grödner- und des Gadertales, wo Dapunt 1970 in Abtei/Badia zur Welt kam.

Auf Ladinisch schrieb sie den Zyklus „Nauz“ (2012), mit dem sie das bäuerliche Leben und Vokabular auf dem Hof ihres Mannes erkundete. Ohne symbolische Aufladung, Nostalgie und Tierethik-Routinen denkt sie darin rund um die Schlachtung eines Schweins über den Tod und das Töten nach – und über das Essen: „Nauz“ heißt Futtertrog.

Zu einer der bedeutendsten lyrischen Stimmen Italiens konnte Dapunt aber nur durch ihre Hinwendung zum Italienischen werden; seit 2008 erscheinen ihre Gedichte bei Einaudi, heuer erhielt sie den Premio Montale. Die Erinnerung an die Opulenz der Kindheitssprache hat in Dapunts jüngstem Werk aber auch eine wehmütige Note. Denn der im Original 2024 publizierte Band „il verbo di fronte“ bezeugt eine tiefe Krise, das Ende von Fülle und Fröhlichkeit: „Nichts schreibe ich, denke: / Zeit ist Warten geworden, sage: nichts schreibe ich. / […] Die Dichtung soll sein, was sie ist, / ich aber notiere mir: bastare, genügen. / Ausreichend sein, derart, dass sie nicht mehr nötig / oder nicht mehr gefragt ist“.

Es ist ein altes Paradox, dass jemand vom Nichtschreiben-Können schreibt, doch in diesem Gedichtband vermittelt sich der Kampf gegen das Verstummen als Überlebenskampf. „Das Wort gegenüber“ ist auch das unerreichbare, ferne, beinah feindliche. Hier äußert sich eine, die das Ausbleiben poetischer Zündfunken geradezu körperlich als Versumpfung empfindet und ihr Dasein als nutzlos.

Befördert wird dies noch durch die Corona-Lockdowns, die die Konzentration auf das eigene Innenleben erzwingen; „der Spiegel“ heißt ein Gedicht, ein anderes „Klause“ – „Klausur“ hätte es auch getroffen, obwohl die klösterliche Einsamkeit Dapunt keine Einkehr bringt. Da ist der Duft der Fresien auf dem Tisch, der Gedanke an früher, der nicht tröstet: „Wie davon erzählen jetzt, in dieser regeltreuen Klause / fern jeder Segnung.“

Auf die existenzielle Erschütterung reagiert die Dichterin jedoch nicht nur mit dem Rückzug in dunkel tapezierte Innenwelten, sondern auch mit dem Gegenteil: der zornigen Empörung über eine Politik der Gehässigkeit und über das Schweigen der Gleichgültigen. Verlief es vielleicht umgekehrt? War die Schreib- und Lebenskrise erst die Folge einer umfassenden Entmutigung durch eine kaltherzige Gesellschaft?

In jedem Fall überschreitet Roberta Dapunt nun in etlichen Gedichten den Horizont ihrer Dolomiten, um zweifelnd-verzweifelt den Zynikern dieser Welt die Leviten zu lesen. Schließlich sind in Italien die Faschisten an der Macht, denen nicht nur das Leben der Bootsflüchtlinge wenig gilt.

Dapunts erste Frage ist aber ein Klopfen an die eigene Brust. „Unkraut verdirbt“ lautet der bündige Titel eines Gedichts, in dem sie Nietzsches Zusammendenken von Grausamkeit und Leidenschaft als den Fundamenten unserer Kultur erforscht: „Auch wenn du sie versteckst, im Gesicht manchmal der Anflug eines Leuchtens, / es warnt dich, entfacht ist die Empfindung. Wie ein Gift, nagt es innerlich / und wie sehr, wie sehr lässt uns hässlich erscheinen das Ressentiment.“

Caritas ist für das lyrische Ich eine christliche Tugend, die nicht der Umwertung aller Werte geopfert werden darf, nur weil der Herrgottswinkel leer ist. Roberta Dapunt verwahrt sich gegen den beschönigenden Begriff „Konflikt“ für etwas, das Mord und Totschlag bedeutet; gegen das abstrakte Sprechen in Zahlen und Statistiken, weil Menschen das Recht auf einen Namen haben.

Und mit echtem Pathos setzt sie Tränen als menschliche Antwort auf das Ungeheuerliche dem teilnahmslosen Quittieren entgegen: „Nacktes Leben, das uns nicht interessiert, / es sei denn, um euch die Schuld an eurem Schicksal zu geben, / und darüber am Stammtisch zu richten, zu Hause, in den Parlamenten.“

Schlicht war Roberta Dapunts Sprache immer schon, nun ist eine Sprödigkeit hinzugekommen, die uns auf Abstand hält. Im Italienischen wird sie durch den Klang gemildert, die versierte Übersetzerin Alma Vallazza hat sie hie und da durch prosaische Fügungen noch betont. Gerade das Ringen um poetische Aussagekraft lässt die Dichterin an der Wortkargheit, die oft zugleich Bildreichtum ist, nicht mehr ihr Genügen finden. Fast scheint es, als wolle das Ich sich für seine fruchtlosen Zweifel und Grübeleien mit Kasteiung und dem Verzicht auf Metapherngefunkel bestrafen.

Sowohl die schmerzhafte Selbstreflexion als auch die politische Anklage führen weg von Dapunts handfester Lebenswelt, von Pflanzen, Tieren und Menschen auf dem Hof, im Stall, auf dem Feld, im Wald. All dies findet sich zwar auch in „das Wort gegenüber“, aber eher vereinzelt in „Ansichten“ und kleinen Zyklen, beinahe verschämt.

Auch die Praxis der Liebe kommt vor, gesetzt in bildhafte Wald-Wildnis: „Und sich zärtlich als dunkle Akelei entdecken, / sich erzählen von der robusten Alpenrose, / an den Wörtern feilen, sich ihnen widmen und / sich Heidekraut, sich Eriken nennen. / Riechen nach Flechten, duften wie Moos, / die Heftigkeit der Beeren, kosten von ihrer Lust.“

Aber all das ist Reminiszenz, erzählt das Gedicht doch, in der schönen Formulierung der Übersetzerin, von „dem traurigen Zuendetragen“ ebendieser Liebe. Wenn Schreiben als Therapie wirkt, wie bisweilen behauptet wird, dann hat sie hier noch nicht funktioniert.

Dafür hat die Leserin Anteil an jenem magischen Teufelskreis, in dem „die Wahrheit im Gedicht“ das Ich „berechtigt / zu diesem Seelenschmerz, dessen Schöpferin ich bin“.

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