„Sie meinen es politisch!“ 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich
Geschlechterdemokratie als gesellschaftspolitische Herausforderung

von Ahoi! Blaustrumpf

€ 29,80
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Verlag: Löcker Verlag
Genre: Geschichte/20. Jahrhundert (bis 1945)
Umfang: 400 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.04.2019


Rezension aus FALTER 9/2019

Fürchtet euch! Sie gehen wählen!

Im Februar 1919 durften Österreichs Frauen erstmals ihre Stimme abgeben. Bis dahin war es ein langer Kampf

Die Angst war groß. Als im Dezember 1918 das allgemeine Wahlrecht in die Verfassung geschrieben wurde, stellten Frauen die Mehrheit der stimmberechtigten Bevölkerung. Was, wenn nun alles aus den Fugen geriete?

Die Sozialdemokraten würden profitieren, fürchteten die Christlichsozialen, denn wer sonst sollte zur Wahl gehen außer den progressiven Frauen? Die Christlichsozialen würden gewinnen, zitterten die Sozialdemokraten. Frauen seien einfach zu sehr in Traditionen verhaftet. Die Deutschnationalen hatten ebenfalls Angst. Die beiden Massenparteien würden ihnen noch mehr Stimmen wegnehmen.

„In Wien“, berichtete die Zeitschrift Wiener Bilder, „schlugen die Wellen der Wahlbewegung ganz besonders hoch und es gab in den letzten Wochen eine gigantische, fast amerikanische Wahlagitation, die sich in Luftfahrzeugen, Automobilen, Plakaten, Zetteln und lauten Umzügen austobte.“ Die Wahlen selbst, so ist nachzulesen, verliefen „entgegen manchen Befürchtungen in vollkommener Ruhe und Ordnung“.

Die Wahlbeteiligung am 16. Februar 1919 war für heutige Verhältnisse unvorstellbar hoch und stieg in den folgenden Jahren sogar noch. Mehr als 82 Prozent der Frauen nahmen ihr neues Recht in Anspruch. Von den männlichen Wahlberechtigten gingen knapp 87 Prozent zur Wahl.

Die Sozialdemokraten bekamen über 40 Prozent aller Stimmen, die Christlichsozialen knapp 36 Prozent und die Deutschnationalen knapp 20 Prozent. Acht Frauen zogen am 4. März 1919 als Mandatarinnen ins Parlament ein. Im Jahr 1920 waren erstmals verschiedenfarbige Wahlzettel in Verwendung, um das Wahlverhalten der Geschlechter genau zu analysieren. Tatsächlich tendierte die Mehrheit der Frauen bis 1933 eher zur Christlichsozialen Partei, erst ab den 1970er-Jahren und den Familienrechtsreformen unter Bundeskanzler Bruno Kreisky wählten Frauen überwiegend sozialdemokratisch.

Ausgehend vom Kampf für das Frauenwahlrecht ab 1848 über die Ausschaltung der Demokratie 1933 bis zur autonomen Frauenbewegung und gegenwärtigen Fragen der Frauenpolitik, zeigt das Volkskundemuseum nun eine Ausstellung. „Sie meinen es politisch“ ist der Titel, er verweist auf ein Zitat von Karl Kraus, einem Gegner des Frauenwahlrechts: „Behüte der Himmel! Sie meinen es politisch!“, schrieb er 1907 in seiner Zeitschrift Die Fackel. „Aber auf so verzweifelte Ideen sind sie von den Männern gebracht worden. Jetzt wird diesen nichts anderes übrig bleiben, als von der Regierung zu verlangen, daß auch ihnen endlich die Menstruation gestattet werde.“

Damit drückte Kraus den Zeitgeist aus: Es war natürlich, dass Männer sich mit Politik beschäftigen. Frauen galten hingegen als unpolitische Wesen. Doch wie kam es zur Abkehr?

In der Revolution von 1848 forderten Frauen in Österreich zum ersten Mal öffentlich ihr Wahlrecht. Ähnlich wie in der Französischen Revolution knapp 60 Jahre zuvor war es ein Anliegen, mit dem die männlichen Revolutionäre nichts anfangen konnten oder das sie strikt ablehnten. Sie stellten die sozialen Hierarchien infrage und kämpften für bürgerliche Freiheiten – aber nur für Männer. Frauen, obwohl sie wichtige und zum Teil auch gern gesehene Unterstützerinnen waren, sollten wie selbstverständlich auf ihre eigenen Rechte verzichten.

Olympe de Gouges, die französische Frauenrechtlerin, wurde 1793 von den Jakobinern hingerichtet. Robespierre und seinen Anhängern schwebte ein bürgerliches Menschenbild vor, und da gehörte die politische Frau nicht dazu. „Es gibt kein einziges Beispiel dafür, dass in einer nachrevolutionären Zeit Frauen entsprechend ihrer Beteiligung am revolutionären Geschehen politische Macht zugestanden wurde“, sagt die Historikerin Gabriella Hauch.

Sie hat sich mit Kolleginnen von der Universität Wien zum Kollektiv Blaustrumpf ahoi! zusammengeschlossen. Unter diesem Namen konzipierten sie die Ausstellung im Volkskundemuseum und gaben das zugehörige Buch heraus. Als Blaustrümpfe wurden im 19. Jahrhundert emanzipierte und gebildete Frauen verspottet.

Im Jahr 1848 war kurzzeitig vieles möglich. Karoline von Perin, eine Adelige, gründete damals den „Demokratischen Frauenverein“. Zwar waren seine Mitglieder weit davon entfernt, einer Meinung zu sein, doch sie einigten sich immerhin darauf, dass weder der eheliche Stand noch die soziale Herkunft einen Unterschied machen sollten. Dazu gehörte auch, dass man sich um den Zusammenhalt der revolutionären Gruppen bemühte, der Arbeiter und der Bürger.

Wenige Monate später war alles anders. Kaiser Franz Joseph erneuerte die absolutistische Monarchie und Frauen war es nun explizit verboten, politischen Vereinen anzugehören. Zynisch betrachtet kann dies sogar als Fortschritt gewertet werden. Als Kaiser Ferdinand im Mai 1848 die Kontrolle verlor, veranlasste er die Errichtung des Reichstags und ein allgemeines Wahlrecht. Dass Frauen im Wort „allgemein“ nicht vorkamen, war damals nicht der Rede wert.

Knapp 20 Jahre später, 1867 – die Monarchie war nun eine konstitutionelle –, wurde den Frauen ihre Politikfähigkeit ein weiteres Mal abgesprochen: Politische Tätigkeiten blieben ihnen verboten.

Mit wenigen Ausnahmen, denn die Stimmabgabe war in dieser Zeit nach dem sogenannten Kurienwahlrecht geregelt.

„Wir gehen heute davon aus, dass das Wahlrecht an eine Person, ein Individuum gebunden ist“, erklärt Historikerin Hauch. „Doch damals war der Besitz, die Bildung, die Steuerleistung ausschlaggebend. Nicht die Person war relevant, sondern das, was die Person repräsentiert hat.“

Das Kurienwahlrecht berechtigte mit unterschiedlicher Gewichtung Großgrundbesitzer und auch Beamte zu wählen, auf Länder- und Gemeindeebene schon zwischen 1848 und 1867, auf Reichsebene danach.

Das Geschlecht wurde gar nicht extra erwähnt. Frauen hatten prinzipiell das Recht, Grund zu besitzen, und waren, rein juristisch, nicht vom Wahlrecht ausgeschlossen. „Privilegierte Frauen hatten somit ein Stimmrecht“, erklärt Hauch. In seltenen Fällen durften sie es auch ausüben.

Das wiederum hing von den jeweiligen Gesetzesauslegungen der Länder und Gemeinden ab. In den meisten Fällen mussten die Frauen ihr Wahlrecht auf Ehemänner oder andere Bevollmächtigte übertragen, die für sie die Stimme abgaben. Vereinzelt gingen Frauen auch persönlich zur Wahl.

Allerdings erreichte die Kritik daran solche Ausmaße, dass die Gesetzeslücken schnell geschlossen wurden. In den gängigen Vorurteilen sprach man Frauen die Intelligenz ab; bisweilen wurde der Schutz der Frauen vor der schmutzigen Sphäre der Politik ins Treffen geführt, ein Argument, das auch von katholischen Frauenvereinen gebraucht wurde.

Doch es machte sich auch Angst vor den Frauen breit. Wen würde die Hälfte der Bevölkerung wählen, wenn sie dürfte?

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts kam vieles in Gang. Obwohl das Ideal der Hausfrau nach außen hochgehalten wurde, mussten viele bürgerliche Frauen arbeiten, weil die Familien sonst nicht überleben konnten. Sie gründeten wirtschaftliche Vereine, in denen sie Handarbeitskurse anboten, Höhergestellte ließen sich zu Erzieherinnen und Lehrerinnen ausbilden.

Zentral in diesen Belangen war der 1888 gegründete Verein für erweiterte Frauenbildung. 1892 eröffnete er die erste gymnasiale Mädchenschule. Auch die Universitäten änderten ihre Politik: Ab 1897 durften Frauen an der philosophischen, ab 1900 an der medizinischen Fakultät studieren.

1905 kam es zu einem bedeutenden Einschnitt: Russland führte das allgemeine Männerwahlrecht ein. Als die Kunde Wien erreichte, gingen 250.000 Menschen auf die Straße. Der Kaiser sollte es dem Zaren gleichtun. Nicht mehr Besitz, Steuerleistung und Bildung würden dann für die Stimmabgabe ausschlaggebend sein. Das Wahlrecht wäre an das Individuum an sich gebunden.

Vielen Frauen erschien dies als Schritt in die richtige Richtung. Nach der Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts, so dachten sie, würden bald auch alle Frauen wählen dürfen. Am Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der zur selben Zeit wie die Proteste stattfand, traten die Frauenrechtlerinnen Adelheid Popp und Therese Schlesinger öffentlich für das Männerwahlrecht ein und verzichteten auf die Forderung nach dem allgemeinen Stimmrecht. Im Gegenzug erhofften sie sich Unterstützung für ihr eigenes Anliegen. Dazu kam es nicht. „Man hat es ihnen nicht gedankt“, resümiert Hauch.

Das allgemeine Männerstimmrecht wurde tatsächlich eingeführt, 1907 fand die erste Wahl unter dieser neuen Prämisse statt. Die Frauen blieben jedoch von politischen Funktionen und Vereinen ausgeschlossen. Zusätzlich verloren – durch die neuen Regeln – alle privilegierten Frauen ihr Stimmrecht.

Der Erste Weltkrieg überholte schließlich alle Anstrengungen für und gegen das Frauenwahlrecht. Die Männer mussten an die Front, die Frauen in die Fabriken. Zweitere waren immer stärker im öffentlichen Raum präsent. Dann war auch die Monarchie am Ende, im November 1918 wurde die Republik Deutschösterreich errichtet.

Die letzten Versuche, die drohende Macht der Frauen zu kontrollieren, muten absurd an: Frauen sollten erst ab 24 und nicht ab 20 Jahren wählen dürfen, damit sie nicht den Männern gegenüber in der Überzahl seien. Oder: Frauen sollte eine Wahlpflicht auferlegt werden, damit nicht nur die progressiven ihr Recht in Anspruch nähmen. Nichts davon wurde festgeschrieben.

Am 18. Dezember 1918 nahm die provisorische Nationalversammlung das Gesetz über das allgemeine Wahlrecht an. Ausgeschlossen waren Frauen, die als Prostituierte arbeiteten. Sie durften im Jahr 1923 das erste Mal wählen.

Stefanie Panzenböck in FALTER 9/2019 vom 01.03.2019 (S. 22)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Warum feiern (Elena Messner, Eva Schörkhuber, Petra Sturm, Marlene Streeruwitz, Marie-Noelle Yazdanpanah, Maria Sterkl, Helga Christina Pregesbauer, Marion Löffler, Birge Krondorfer, Nadine Kegele, Veronika Helfert, Jelena Gučanin, Li Gerhalter, Marlene Gölz, Mascha Dabić, Natalie Deewan, Brigitte Bargetz, Bettina Balàka)

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