Lebenssee / Lebenssee
Gerade Regenbögen

von Walter Pilar

€ 18,90
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Verlag: Ritter Klagenfurt
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 408 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.10.2002

Rezension aus FALTER 11/2018

Radikal dialektal durchs Höllengebirge

Die „Lebenssee“-Tetralogie des Ebenseers Walter Pilar ist ein Solitär der österreichischen Gegenwartsliteratur

Eine übermannsgroße, bedrohlich schiefe Kiste, in deren Deckel ein Kruckenkreuz, ein Hakenkreuz sowie Hammer und Sichel eingelassen sind. Fotos des bizarren und ein wenig ominösen, „Karbach-Altar“ genannten Objekts finden sich im letzten Band von Walter Pilars Tetralogie „Lebenssee“. Eigentlich handelt es sich bei Karbach um ein riesiges Steinbruchplateau am Ostufer des Traunsees unweit von Ebensee, das der „KunstWandWerker & Rauminstallatör“ Pilar zum Schauplatz eines der abenteuerlichsten Schreibprojekte der österreichischen Gegenwartsliteratur gemacht hat: vier Bände, insgesamt an die 1500 Seiten, ein wohlorganisiertes tobendes Chaos der Formen und Genres, zu dem der Verfasser einmal anmerkte: „Ich bin daran interessiert, möglichst wenig zu schreiben!“
Walter Pilar wurde 1948 im oberösterreichischen Ebensee geboren. Auf den Schulbesuch in Bad Ischl folgten Soziologiestudium in Linz und die Begeisterung für Kunst und Literatur der Jahre nach 68. Das Zeitschriftenprojekt Der Traunseher, ein mit Freunden unternommener erster Versuch eines Gesamtkunstwerkes, schaffte es immerhin bis zur neunten Nummer. Es folgten vier Gedichtbände und der schwarzhumorige Stadtführer „Augen auf Linz“.

Als er sich in den 1990er-Jahren an die Arbeit an der ursprünglich als Autobiografie geplanten „Lebenssee“-Tetralogie macht, erkennt Pilar, dass diese Gattung kaum mehr zeitgemäß ist. Was sollte ein Entwicklungsroman nach den diversen Avantgarden des 20. Jahrhunderts noch beweisen? Dennoch behielt er zunächst noch eine Art erzählerische Chronologie bei.
Die „erste Welle“, wie Pilar sein ­Genre nannte, reflektiert Kindheitsängste und -freuden in der Provinz. Da fordert etwa eine Gruppe von Buben den örtlichen Straßenkehrer auf, den Brunftschrei eines Hirschen nachzuahmen: „,Seawss Hauns!‘ ‚,Sea’s‘. ,Geh’ Hauns mach uns amoi an Hiaschn!‘“ Nach ewigen Hin und Her kommt es zum performativen Höhepunkt (den der begnadete Rezitator Pilar meisterhaft vorzutragen verstand): „Da tritt er einen Schritt zurueck, haelt dabei seine Schaufel fest und hebt wuerdig den Kopf: ,Hooooooooooooooooouuuuuuuuuu‘.“
In den folgenden Bänden radikalisieren sich Pilars sprachliche und formale Experimente: als Antwort und Gegengift zur eigenen Hölderlin- und Trakl-Begeisterung, die er in den 50er- und 60er-Jahren am Gymnasium in Bad Ischl mit seiner Deutschlehrerin teilte. Die Studienzeit in den 70ern an der Linzer „Unität der sozialen Wixenschaften“ macht Pilar zum Gegenstand einer geradezu grausamen Selbstparodie. Kein österreichischer Autor der 68er-Generation hat sich derart kritisch mit der Linken auseinandergesetzt. Freunde schuf sich Pilar dadurch kaum.
Der Versuch, konkrete Poesie, Dialektdichtung und Politik miteinander zu verknüpfen, passt ebenso wenig in die Zeit wie Pilars Beharren auf Regionalem und seine Bildungsbeflissenheit. Wenn schon engagierte Literatur „von unten“, so der Zeitgeist, dann Dorfbrutalitäten wie bei Franz Innerhofer (mit dem Pilar befreundet war) oder Selbstmörderhymnen mit Kälberstrick à la Josef Winkler! Salzkammerlandschaften und -szenerien waren nicht gefragt.
Mit einer handfesten Tirade gegen deren Verwüstung zu „Salzkammerschlecht“ im Zug des Wiederaufbaus beginnt „Lebensee 4“. Darin abgedruckt finden sich Pilars Leserbriefe gegen die Schleifung eines historischen Salinenareals in Ebensee mit dem melancholischen Kommentar: „eines der wenigen industrieensembles aus dem spätbiedermaier weltweit = wäre inzwischen längst Unesco-weltkulturerbe.“ Der Neo-Salzbaron Androsch bekommt ebenso sein Fett ab wie die Raiffeisen-Kassa Oberösterreich und die lokalen Bürgermeister. In der Folge hat der Dichter eine wichtigere Mission zu erfüllen: Er durchquert radikal dialektal das Höllengebirge, notiert Gipfelbucheintragungen, wandert das Trauntal entlang und kritzelt in sein Notizbuch. Bisweilen überkommt den „Landschaftsmythomanen“ lyrische Zartheit: „Wie unermüdlich dagegen / senken sich zeichen, / z.b. schmetterlingsflügel / auf die färbigen blüten der bergwiesen, / wo’s im ab-ortigen brennesselwald knistert / und ein libellenpaar / steigt überm teich / schwirrt stoßweis auf & weicht abseits / mit knetenden flugwellen: / über einer glucksenden felswanne / schweigen augentrost & waldmeister. / Darüber kreischt der sperber.“

Befremdliche Szenen von Begegnungen im Dorf wechseln mit typisch skurrilen Pilar-Funden – etwa einer Fotoserie von Nikita Chruschtschows Österreichbesuch im Jahre 1960. Ganz Ebensee in Tracht erwartet den kommunistischen Staatsgast, doch der Konvoi fährt einfach vorbei. Nur ein gewisser Mansuet Rudl, der auf die Straße springt, versucht „die Weltgeschichte anzuhalten“. Immer wieder setzt sich Pilar mit den allpräsenten Schatten des Nationalsozialismus auseinander, um zuletzt an seinen „Überort der Welt“ zu gelangen: Karbach, der abgeschnittene Berg mit Ausblick über den Traunsee.
Im Abspann des Buches stellt ein Freund eine Frage zu besagtem Karbach-Altar. Pilar antwortet lakonisch: „Eigentlich ist es ein Trottelobjekt, weil es hinfällig ist. Naja, also durch ,das Hinfållade‘, das diesem erhabenen Gebilde praktisch innewohnt, kommt’s zu einem täglichen Niederschlag. Das ist ja an und für sich auch was Schönes, oder?“
„Lebenssee. Wandelaltar“ ist der tragische Abschluss eines imposanten literarischen Werkes eines unterschätzen österreichischen Autors, der am 1. Jänner 2018, knapp vor Erscheinen des Buches, durch einen Sturz im eigenen Haus ums Leben kam.

Erich Klein in FALTER 11/2018 vom 16.03.2018 (S. 15)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Lebenssee (Walter Pilar)
Lebenssee III (Walter Pilar)
Lebenssee IV (Walter Pilar)

Rezension aus FALTER 8/2003

Walter Pilar erstellt in seinem autobiografischen Romanzyklus "Lebenssee" eine Archäologie der Zweiten Republik.

Als "Lebenssee" bezeichnet der 1948 im oberösterreichischen Ebensee am Traunsee geborene Walter Pilar seine auf vier Bände angelegte "skurreale Entwicklungsromanesque", eine Archäologie der Zweiten Republik in Texten und Bildern. Seine querköpfige, widerspenstige Betonung des Regionalen und Lokalen, die Verwendung von Dialekt und Umgangssprache in einer eigens dafür entwickelten Lautschrift machen den viel zu wenig bekannten "Sprachinstalatör" Pilar zu einem der großen Autoren der österreichischen Gegenwartsliteratur. Maßgeblich von der Wiener Gruppe und Ernst Jandl beeinflusst, schaut Pilar dem Volk aufs Maul - respektlos im Umgang auch mit großen Zeitgenossen wie etwa Thomas Bernhard, den der jugendliche Pilar auf dem Hauptplatz von Gmunden mit der Frage : "Kunst kommt von Können, goins Hea Beanhad?" bedrängte. "Wie kommen S' darauf?", lautete die Antwort. Der in der Salzkammergutzeitung veröffentlichte (und in "Lebenssee 2" wieder abgedruckte) Bernhard-Nachruf gehört zu den schönsten Texten über den Alpenbeckett. "Lebenssee 2" stellt auch einen neuen Blick auf das linke Österreich der Jahre 68 ff. dar.

Erich Klein in FALTER 8/2003 vom 21.02.2003 (S. 64)


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