8 Minuten und 19 Sekunden

Erzählungen
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Menschenliebe, Schlitzohrigkeit und Weltuntergang: neue Erzählungen des bulgarischen Melancholikers:
In Georgi Gospodinovs Erzählungen begegnen wir hinterwäldlerischen Dorfbewohnern
auf dem südlichen Balkan, einem Kind, das nacheinander verschiedene Väter adoptiert,
einem Autor, der ganz Lissabon nach einer unbekannten Schönen absucht, und
zahlreichen simplen oder auch raffinierten Ehebrüchen; einige Geschichten werfen
Blicke in die kommunistische Vergangenheit des Landes und andere in die Zukunft der
Menschheit.
Wie in der Titelgeschichte die Zeit, die das Licht von der Sonne zur Erde braucht,
gerade das bisschen Zeit ist, die der Autor dem Leser zur Lektüre des Textes einräumt,
so lauern in vielen Texten Gospodinovs Weltuntergangsgedanken, Sorgen und Trauer
um die Unzuverlässigkeit der Menschen.
Verspielt, elegant und mit allen Wassern der Postmoderne gewaschen, breitet Gospodinov eine Welt vor uns aus, wie wir sie aus seinen beiden Romanen schon kennen – eine Welt, die zwar detailgenau und oft sehr komisch diesseitig ist, aber dennoch mehr den Einfällen und Eskapaden der Phantasie als den Gesetzen der Realität folgt.

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FALTER-Rezension

Petits fours für den Slowfood-Verzehr

Die literarischen Gustostückerln des Bulgaren Georgi Gospodinov sind nicht nur ein intellektuelles Vergnügen

Ein Mann unternimmt mit seiner kleinen Tochter eine Zugreise; bei dem Mädchen, mit dem er sehr liebevoll umgeht, handelt es sich allerdings klar ersichtlich um eine leblose Puppe, was die meisten Mitreisenden dazu bringt, zügig das Abteil zu wechseln. Ein anderer streift durch Lissabon, um nach Jahrzehnten eine flüchtige Jugendliebe aufzuspüren, die er aber im Grunde gar nicht finden will, weil er ahnt, dass die Erinnerung beim Flanieren wahrscheinlich schöner ist als die reale Wiederbegegnung.
Oder: Ein Schriftsteller hat leichtsinnigerweise einem Magazin zugesagt, eine Weihnachtsgeschichte zu verfassen, und wartet nun im Café darauf, dass ihm die Gespräche der anderen Gäste einen Stoff zutragen. Und ein alter Mann bekommt viel Geld dafür angeboten, sein verfallenes Haus endlich aufzugeben, aus dem er aber partout nicht ausziehen will, obwohl er den nächsten Winter ohne Heizung nicht überleben wird.

Mit Nacherzählungsversuchen wird man dem Zauber, der Georgi Gospodinovs Erzählungen innewohnt, nicht gerecht. Sicher: Der bulgarische Autor versteht es in seinen Texten, reizvolle Szenarien zwischen Alltag und Absurdität zu entwickeln, wobei der Hang zum Skurrilen überwiegt. Da gibt es einen Experten für die Bewertung der Schönheit von Sonnenuntergängen oder einen Buchstabenerotomanen, der bei einer Anna mit dem Verführen beginnt und sich über die Jahrzehnte systematisch bis Z durcharbeitet. Noch mehr als vom Plot und Personal leben die Geschichten jedoch von ihrer raffinierten Ausgestaltung, von überraschenden Perspektivwechseln, doppelten Böden und nicht zuletzt vom Schalk, der dem Autor unübersehbar im Nacken sitzt.

In zwei Geschichten wird en passant Paul Auster erwähnt. Wie sein US-Kollege ist auch der Bulgare mit allen Wassern der Postmoderne gewaschen. Wo beim Verfasser der „New York-Trilogie“ bestimmte Stilmittel irgendwann zur Masche wurden, setzt Gos­podinov diese gewählter und gezielter ein. Und obwohl er virtuos mit ihnen zu spielen versteht, gelingt es ihm, die Leserinnen und Leser nicht nur intellektuell anzuregen, sondern auch emotional zu bewegen.
Wunderbar etwa die autobiografische Geschichte, in der der Autor eine Anfrage von einem deutschen Journalisten erhält, der Fotos von lebenden Schriftstellern auf ihren Lieblingsfriedhöfen macht. Gospodinov führt ihn zu dem aufgelassenen Dorffriedhof, auf dem seine Großmutter begraben ist. Während der Fotograf die Aufnahme vorbereitet, hat der Autor für einen Moment den ganzen Friedhof im Kopf. Vor seinem inneren Auge erscheinen „alle Verstorbenen, junge und alte, sie hatten sich die Erde abgeklopft, grinsten, waren so herausgeputzt, wie sie verabschiedet worden waren, sie stellten sich für das Foto auf (…).“
Anrührend gerät die Erzählung von dem vaterlos aufgewachsenen Buben, der ständig auf der Suche nach einer tauglichen Vaterfigur ist – und immer wieder enttäuscht wird. Sogar eine Lenin-Büste, die in seiner Schule am Gang steht, dient ihm als Ersatz. Riesig die Enttäuschung, als die Figur von einem Tag auf den anderen verschwunden ist, weil Papa politisch nicht mehr opportun ist.
Die Bezeichnung Erzählungen ist für die äußerst kurzen Texte fast schon großspurig. Auf 142 Seiten finden sich nicht weniger als 19 Stück, womit man auf einen Schnitt von etwas mehr als sieben Seiten pro Geschichte und eine Lektüredauer von um die „8 Minuten und 19 Sekunden“ kommt, wie die Titelstory von Gospodinov benannt und bemessen wurde. Häppchenweiser Genuss des Buches ist aber nicht nur deshalb angeraten, weil man länger etwas davon hat. Die Raffinessen der Texte lassen sich so auch einfach besser auskosten.

Autoren aus Osteuropa waren eine Zeit lang schwer angesagt. Dass diese Welle wieder verebbt ist, schadet Georgi Gospodinov keineswegs. Der Verfasser von Büchern wie „Natürlicher Roman“ (ebenfalls höchste Empfehlung) spielt längst in der ersten Liga der europäischen Erzähler und er hat mit Alexander Sitzmann auch einen erstklassigen Übersetzer, sodass den Lesern keine Nuance seiner Prosa verborgen bleibt.

Sebastian Fasthuber in Falter 11/2016 vom 18.03.2016 (S. 16)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783854209485
Erscheinungsdatum 05.02.2016
Umfang 144 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Droschl, M
Übersetzung Alexander Sitzmann
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