Die angewandte Kunst des Denkens
Von, für und gegen Rudolf Burger

von Berhard Kraller

€ 25,00
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Verlag: Sonderzahl
Genre: Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Umfang: 396 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.12.2018

Rezension aus FALTER 49/2018

Der höfliche Ketzer

Der Philosoph Rudolf Burger wird 80. Eine Würdigung und eine Erinnerung an Burgers Geschichte mit dem Falter

Einen Teil meines publizistischen Lebens verbrachte ich mit Rudolf Burger. Der Falter war die erste Publikumszeitschrift, die regelmäßig seine Text publizierte. Man muss sich den Falter der 1980er-Jahre als Plattform vorstellen, nicht als von einem verlegerischen Willen geprägte Zeitschrift. Obwohl einige der wichtigen Texte Burgers zuerst im Falter erschienen, würde ich mich nie als Burgers Verleger oder als sein Herausgeber bezeichnen. Etwa in dem Sinn, in dem Robert Silvers von den Autoren der New York Review of Books als ihr Herausgeber betrachtet wurde, der Texte beauftragte, minutiös redigierte und sorgfältig abmischte.

Beim Falter verhielt sich die Sache anders. Frustriert durch eine von Parteien und Interessengruppen dominierte, an kritischen Analysen desinteressierte Öffentlichkeit fanden Leute wie zuerst Franz Schuh, später Konrad Paul Liessmann und viele andere den Weg zum Falter. Ab 1984 war unter ihnen auch Rudolf Burger. Wir betrachteten die Texte dieser Leute als Geschenk, wir behandelten sie mit Ehrerbietung und änderten kein Jota an ihnen.

Auch dachten wir nicht daran, sie für inszenierte Kontroversen zu instrumentalisieren; sie waren Publizisten, und wir gaben ihnen die Möglichkeit, ihren Zwecken nachzugehen, indem wir sie veröffentlichten. Sie wiederum verliehen dem Falter Gewicht, weil ihnen keine andere Publikumszeitschrift eine solche Möglichkeit bot. Verständlichkeit oder Zugänglichkeit für ein breiteres Publikum waren keine Kriterien für eine Veröffentlichung; Burgers Text über Alfred Sohn-Rethel zum Beispiel wäre sonst nie erschienen. Es ging um den Willen des Autors, einer publizierenden Person. Wir boten ihr die Möglichkeit, sich als öffentliche Person zu etablieren.

So entstand eine Art Feuilleton aus unabhängiger linker, ästhetisch interessierter Intelligenz, wie es unserer – vielleicht historisch nicht ganz haltbaren – Meinung nach in Österreich noch nicht dagewesen war. Burgers Beiträge spielten dabei eine wichtige Rolle. Wir präsentierten sein Porträtfoto auf dem Cover. 20 Jahre nach dem Erscheinen dieses Covers konnte ich darüber schreiben: „Der Philosoph Rudolf Burger als lebendes Bild, das die Ankündigung seines Essays allegorisiert: Schönheit und Trauer. Zwar ging es in Burgers umfangreichem Essay, der sich über drei Seiten erstreckte und damit fast ein Viertel des redaktionellen Platzes beanspruchte, um die Unmöglichkeit, ein politisches Programm der Grünen aus dem Naturbegriff zu entwickeln, und der wirkliche Titel des Essays lautete folgerichtig ,Natur als Projekt‘. Aber Schönheit, wie sie sich im Gesicht des Philosophen und in seinem dandyesken Outfit im Knizestil der Wiener Moderne zeigte und mit der Trauer (und dem verhaltenen Schalk) seiner Miene kontrastierte, das hatte schon was.“

Mit diesem Porträt und dem alle Grenzen einer Publikumszeitschrift sprengenden Platz, den der Text einnahm, unterstrich der Falter seinen Anspruch, Debattenmedium zu sein. Burger intervenierte meist in einer Debatte, oder er löste eine aus. In diesem Fall war es die Debatte um ein grünes Parteiprogramm. Neben den besten Köpfen der Grünen, die daran teilnahmen, lag Burger allerdings weniger an Konstruktivität als an produktiver Destruktivität.

Der Philosoph mit Zigarette und Hosenträgern, den Blick melancholisch gesenkt, dieses Foto von Rainer Dempf wurde zum Emblem des geschleuderten publizistischen Blitzes. Burger war eine Art Jupiter der Linken, zweifellos der führende linke Intellektuelle der 1980er- und 90er-Jahre in Wien. Wir beneideten ihn in jedem Sinn um die Sicherheit seiner Positionen. Burger arbeitete im Wissenschaftsministerium Hertha Firnbergs als Abteilungsleiter für Sozial- und Geisteswissenschaft, dann als Philosophieprofessor. Und wir bewunderten seine Fähigkeit, diesen Positionen zum Trotz im richtigen Moment die richtige Parole zu zünden und zu werfen. Burgers Prägungen wie „Die geschützte Natur ist keine Natur. Sie ist ein Artefakt“, Außenminister Mock als „kriegsgeiler Kiebitz“, der „antifaschistische Karneval“ und die „systematische Selbstinfantilisierung Österreichs“ schlugen ein und machten ihn zum führenden Ketzer eines Landes, das seit der Gegenreformation als besonders ketzerunfreundlich gilt.

In den späten 1970er-Jahren hörte ich ihn einmal in einem Vortrag sagen, sein Werk sei nichts anderes als eine Fußnote zum Werk von Karl Marx. 1979 habilitierte sich der studierte Physiker Burger als Wissenschaftssoziologe. Seine Wirkung entfaltete er als Essayist, Publizist und leidenschaftlicher Polemiker. Dass es ihn später an die Hochschule für angewandte Kunst verschlug, die er als Rektor in den Status der Universität überleitete, war Zufall. Das Amt führte nebenbei dazu, dass er in einen Konflikt mit jungen Falter-Redakteuren geriet, die eine andere als die von Burger begünstigte Hochschulpolitik und ein von diesem wenig geschätztes Hochschulpersonal favorisierten.

Wie alle anderen konnte Falter-Autor Burger keinen speziellen Schutz für sich in Anspruch nehmen. Der Falter gab seinen Autorinnen und Autoren freie Hand, aber er stellte sich auch nicht vor sie, wenn andere sie angriffen. Ich verteidige oder rechtfertige diese Praxis nicht. Ich stelle nur fest, so war es. Beim frühen Falter waren meist mehrere Ideen miteinander im Wettstreit. Man suchte sich aus, an welche man sich halten wollte. Die eine Idee hätte in diesem Fall gelautet, Autorensolidarität anzuwenden käme Grüppchendenken gleich, einer Vorstufe zum österreichischen Klüngel- und Partienwesen. An so etwas wollte man niemals teilhaben. Die andere Lesart hätte – Partie hin oder her – gern ein Netzwerk von kritischen Geistern geknüpft, eine Art Intellektuellenrepublik Falter. In Burgers Fall siegte leider Version eins.

So kam es, wie es kommen musste. Burger nahm die Fraktion, die ihn kritisierte, fürs Ganze und fühlte sich bald von der Linken insgesamt angegriffen. Verschärfend wirkte seine berechtigte Enttäuschung über die Parteien der Linken, die Kommunisten, spätestens seit 1968 diskreditiert, und die Sozialdemokraten, bei denen Burger Franz Vranitzky zwar respektierte, aber auch als ersten Exponenten einer Republik von Sekretären kritisierte, von Knechten ohne Herren, wie er das ausdrückte, die in der Politik versagten. Die menschenrechtsorientierte Linke, die gegen die Wende auf die Straße ging, konnte er nur mehr als aufgeregt und alarmistisch sehen. Burger war nicht nur Ketzer des Landes, sondern auch Ketzer der Linken, Orthodoxie jeder Art abgeneigt.

Trotz dieser sich anbahnenden Entfremdung mit der Linken publizierte Burger bis zum Ende der Ära Vranitzky sporadisch im Falter. Nach der Wende 2000 ging dann nichts mehr, er gab mit einer Ausnahme dem Falter auch keine Interviews und kommunizierte mit dem österreichischen Publikum nach einem Intermezzo im Standard vorzugsweise über die Organe des katholischen Pressehauses Styria.

Ich bedauerte das, konnte es aber nicht ändern. Ich selbst hatte mit ihm stets ein gutes, ja freundschaftliches Verhältnis, was bei einem Mann nicht schwerfällt, der auf Manieren und Erscheinungsformen in einer Art Wert legt, die man fast altösterreichisch nennen möchte, gäbe es nicht jenen Begriff der „chinesischen Höflichkeit“, die Gershom Scholem Walter Benjamin zuschrieb.

So glänzend Burgers Analysen und Einwürfe stets formuliert sind, so wenig halten Burgers scharfe Parolen mitunter den Fakten stand. Das ist bei vielen polemischen Publizisten so. Burgers berühmteste Polemik, jene gegen die Gedenkpolitik, wurde gewiss auch dadurch befeuert, dass er sah, wie die Linke nach Waldheim fast ausschließlich auf diese Karte setzte, während sie ihre gesellschaftspolitischen Ziele einem überall durchdringenden Neoliberalismus einpasste.

Das ist natürlich meine Interpretation. Jedenfalls führte sein Talent zur Zuspitzung und die Neigung der neueren, identitätspolitisch orientierten Linken zum kollektiven Ausschluss zu einer Art wechselseitigem Manichäismus, den Burger dank seiner hegelianischen Bildung und seiner überlegenden, an Gottfried Benn und Paul Valéry geschulten Formulierungskunst einseitig gestalten konnte und dessen Resultat ich dennoch als beklagenswert empfinde, allein des Niveaus wegen, auf dem Burger publiziert. Burger und die Linke, das hat etwas Timon-von-Athen-Artiges, eine tragische Dimension.

„Schlamperei, das mit dem Strom der Rede Schwimmen, gilt für ein Zeichen von Zugehörigkeit und Kontakt: man weiß, was man will, weil man weiß, was der andere will“, sagt Theodor W. Adorno, nachzulesen in den „Minima Moralia“. Das war es, denke ich, was Burger der Linken vorwarf, und ich verstehe den Vorwurf vollkommen. Die Art, wie er ihn vortrug, konnte das Zugehörigkeitsgeschnatter natürlich nur verstärken, in seinem Fall schlug es in ein Nichtzugehörigkeitsgeschnatter um. Das forcierte Schwimmen gegen den Strom, das Gegen-ihn-Anschwimmen mit erhobenem Haupt und stolz-trotzigem Seitenblick scheint mir jedoch als Gegenstück des schlampigen Wunsches, dazuzugehören, auf seine Art ein Teil der gleichen Misere zu sein. Das reflexartige Dafürsein trifft sich mit dem reflexartigen Dagegensein in seiner reflexartigen Bedingtheit. Die Dialektik des In-ein-Eck-gestellt-Werdens schaukelt sich mit der Wut, sich justament gleich selbst ins Eck zu stellen, auf unheilvolle Weise auf.

Die faktische Basis von Burgers berühmtem Satz, die NS-Zeit sei so versunken wie Karthago, hat jeder, der sich an den Stammtischen des Landes, vor allem in den zurückgebliebenen Gegenden, auch nur ein wenig umhörte, bezweifeln müssen. Als Burger in seiner Polemik gegen die Gedenkpolitik den Historiker Christian Meier zitierte, tat er das nur implizit. Meiers zentrales, im Aufsatz „Erinnern – Verdrängen – Vergessen“ vorgebrachtes Argument lautete, dass bei der überwiegenden Mehrzahl aller historischen Friedensschlüsse die Verpflichtung inkludiert war, das Vergangene vergangen sein und Amnesie walten zu lassen, folgenschwere Ausnahme: der Friedensschluss nach dem Ersten Weltkrieg, mit den bekannten Konsequenzen.

Burger nahm dieses Motiv auf und forderte ebenfalls zum Vergessen auf, diesfalls der NS-Zeit, was mit großer Aufmerksamkeit registriert wurde. Er erklärte, die „dauerhafte Memorierung von Großverbrechen“ habe solche Verbrechen nie verhindert, sondern vielmehr „oft genug hervorgerufen und legitimiert“. In Meiers Aufforderung zum Vergessen steht allerdings diese Passage: „Wenn sich aber, zumal für Juden und Deutsche (obzwar auf total divergierende Weise), die Erinnerung an Auschwitz geradezu aufdrängt, so bedeutet das zugleich, dass es sinnlos ist, zu versuchen, ihr durch irgendein Hintertürchen zu entkommen respektive sie zu manipulieren. In diesem Fall ist es einfach nicht möglich, dass vergessen wird, sondern es gilt, die Erinnerung wachzuhalten. Man muss sich ihr stellen, muss (stets von neuem) lernen, aufmerksam und würdig mit ihr umzugehen, auch wenn das, vor allem für die Deutschen, äußerst schwierig ist. Wir geraten damit immer wieder in eine Aporie: Erinnerung muss sein, angemessene Erinnerung aber ist unmöglich. Und, um das hier anzufügen, es ist schon viel bewirkt, wenn man sich diese Aporie allgemein bewusst macht.“

Man muss ergänzen, dass Burger die künstlerische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ausdrücklich ausnahm, was im Gestus seiner Polemik gegen die „Sekundärausbeutung der Opfer“ und gar in der wegwischenden Rezeption allzu oft unterging. Dennoch meine ich, nicht Memorierung von Großverbrechen zeugt neue Verbrechen, sondern vor allem die Verteidigung und Verschärfung von Macht- und Besitzverhältnissen sowie der Anspruch, sie zu den eigenen Gunsten außerpolitisch zu ändern. Insofern bin und bleibe ich Marxist.

Ich hoffe zuversichtlich, dass Burger solche Kritik als eine Art Respekt versteht, den man ihm entgegenbringt. „Das neue Buch von Armin Thurnher, den ich übrigens sehr schätze, heißt ,Das Trauma, ein Leben‘“, sagte er in einem Interview einmal dem Magazin Format. „Ich frage mich, warum ist der Mann traumatisiert?“ Im Falter notierte ich danach in einem politischen Wendetagebuch: „Rufe Burger an und frage ihn, ob ich ihm das Buch schicken darf. Er weiß natürlich, dass nicht einmal dann die subjektive Befindlichkeit des Autors das Thema wäre, wenn der Titel ,Das Trauma, mein Leben‘ lautete. Im Übrigen liegen wir mit unserer Einschätzung der Haider-Politik als ,Hetz‘ auf einer Linie. Die Wiener kennen bloß die Wurzel zu wenig: Tierhetzen war zur Zeit der französischen Revolution in Wien beliebte Volksbelustigung; später pflegten Stutzer, Fabrikantenbürscherln vom Seidengrund ihre Hetzhunde auf Bettler und Landstreicher zu hetzen. Burger sagt ganz richtig: Wenn Haider ein Demokrat ist, muss man sich mit ihm auseinandersetzen, wenn er aber gefährlich ist, ein politischer Feind, muss man ihn mit allen Mitteln bekämpfen. Diese Entschiedenheit hat bisher entschieden gefehlt; auch ein Grund, warum er so groß geworden ist.“

Einen Widerspruch, eine Entgegnung oder einen Einwand, der halbwegs ordentlich formuliert war, wusste Burger stets zu schätzen. Ich ließ es an Widerspruch nicht fehlen. Er bedankte sich meist dafür mit Zusendungen in seiner kleinen, ziselierten Handschrift, natürlich mit Füllfeder geschrieben. Nach der Wende trafen wir bisweilen aufeinander, einmal sogar im Fernsehen; ich kritisierte die Regierung, er verteidigte sie nicht, versuchte nur, die Kritik als überhitzt darzustellen. Das alles lief freundlich und zivilisiert ab, und ich hoffe, seine Wertschätzung minderte sich ebenso wenig wie meine. Jedenfalls lese ich jeden seiner Texte (wenn auch nicht jedes seiner Interviews) mit Spannung, Gewinn und dem Bedauern, dass sie anderswo erscheinen. Ich bleibe dabei: Burger ist einer der bedeutenden Intellektuellen dieses Landes. Die Linke könnte einen Kritiker seines Formats gut brauchen. Das letzte Kapitel seiner Publikationsgeschichte ist hoffentlich noch lange nicht geschrieben.

Armin Thurnher in FALTER 49/2018 vom 07.12.2018 (S. 16)


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