Eine eigene Geschichte

Frauen Film Österreich seit 1999
€ 25
Lieferung in 2-5 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:

Im September 1999 feierte »Nordrand« von Barbara Albert im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig seine Uraufführung. Das Langfilmdebüt der Wienerin war der erste Film einer österreichischen Regisseurin, der in diese prestigeträchtige Sektion eingeladen wurde. Der Sammelband »Eine eigene Geschichte. Frauen Film Österreich seit 1999« nimmt dieses Ereignis als Ausgangspunkt einer Erfolgsgeschichte mit internationaler Resonanz. In Form von Werkporträts, Thementexten und Gesprächen hält er Rückschau auf das, was in den zwei Jahrzehnten seither geschah. Im Zentrum stehen jene zeitgenössischen Filmemacherinnen, deren Arbeiten um die Jahrtausendwende, zeitgleich oder gemeinsam mit Albert, erstmals öffentlich wahrgenommen wurden und die die heimische Filmlandschaft auch für nachkommende Kolleginnen nachhaltig umkrempelten.Der abendfüllende Kinospielfilm war dabei nur eine von vielen filmischen Ausdrucksmöglichkeiten. In den Beiträgen zu Eine eigene Geschichte finden dokumentarische Arbeiten, Hybridformen oder abstrakte (digitale) Laufbildkompositionen ebenso Berücksichtigung wie experimentelle Filmgeschichtsbefragungen, kurze Spielfilme oder Animationen, die im Kinokontext vertreten sind. Originalbeiträge zur Filmarbeit von: Barbara Albert, Kurdwin Ayub, Katrina Daschner, Sabine Derflinger, Tina Frank, Jessica Hausner, LIA, Ivette Löcker, Ruth Mader, Sabine Marte, Billy Roisz, Anja Salomonowitz, Edith Stauber, Antoinette Zwirchmayr, u.v.a.m.Die Beiträge stammen von: Andrea B. Braidt, Esther Buss, Roman Gerold, Maike Mia Höhne, Naoko Kaltschmidt, Dominik Kamalzadeh, Michelle Koch, Birgit Kohler, Claudia Lenssen, Melanie Letschnig, Verena Mund, Doris Priesching, Karin Schiefer, Dietmar Schwärzler, u.v.a.m.

weiterlesen
FALTER-Rezension

Österreichs g’standene Filmfrauen

In der Volksschule hänselte Jasmin die aus Ex-Jugoslawien stammende Tamara immer damit, dass diese Läuse habe. Jahre später treffen sich die ehemaligen Schulkolleginnen, beide ungewollt schwanger, in einer Abtreibungsklinik wieder. Tamara arbeitet als Krankenschwester, Jasmin ist in ihrer von Armut, sexuellem Missbrauch und Gewalt geprägten Familie gefangen. Über Monate entsteht eine Freundschaft zwischen den Frauen, ein Zusammenhalt, der trotz der schwierigen Lebenssituation Hoffnung aufkeimen lässt.

Barbara Alberts „Nordrand“, der diese Wiener Geschichte erzählt, wurde 1999 als erster Film einer österreichischen Regisseurin im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig gezeigt. Es war der Beginn einer Erfolgsgeschichte des weiblichen österreichischen Filmschaffens.

Eine ganze Generation von jungen Filmemacherinnen – neben Albert etwa Jessica Hausner, Mirjam Unger, Sabine Derflinger, Nina Kusturica und Ruth Mader – legte um die Jahrtausendwende ihre Langfilmdebüts vor. Und auch hier spielten Zusammenhalt und -arbeit eine wichtige Rolle, hatten die Filmemacherinnen doch großteils gemeinsam an der Filmakademie studiert.

Das Buch „Eine eigene Geschichte. Frauen Film Österreich seit 1999“, herausgegeben von der Filmpublizistin Isabella Reicher, nimmt diese als „Nouvelle Vague viennoise“ bekannt gewordene Aufbruchphase zum Anlass, um 20 Jahre Filmschaffen von Frauen in Österreich zu beleuchten. „Da gibt es sehr viel, und das ist in so einer Bandbreite publizistisch noch nicht vorgestellt worden“, erklärt Reicher ihre Idee, einen Überblick „vom großen Kinospiel- und -dokumentarfilm bis zum experimentellen Kino“ zu geben.

Einem Rückblick auf die Filmlandschaft der Zweiten Republik und ihre Entwicklungen bis zu den frühen 2000er-Jahren folgen 34 Texte von 32 Autorinnen und Autoren, die sich mit dem Werk von 61 Filmemacherinnen auseinandersetzen. Der Fokus liegt dabei auf der Generation der heute circa 45- bis 55-Jährigen, die seit rund zwei Jahrzehnten arbeiten, ergänzt um Beiträge zu einzelnen jüngeren Filmemacherinnen.

Die von schwarz-weißen Filmstills begleiteten Texte sind abwechslungsreich. Den Hauptteil des Buchs bilden Werkporträts, neben den bereits genannten Regisseurinnen unter anderem zum Schaffen von Sudabeh Mortezai, Marie Kreutzer, Elisabeth Scharang, Tizza Covi, Anja Salomonowitz und Astrid Johanna Ofner.

Dazu kommen Abhandlungen, die Arbeiten mehrerer Künstlerinnen diskutieren; Reflexionen über Publikumserfolge, den zeitgenössischen Kurzspielfilm oder den Found-Footage-Film; detailverliebte Exkurse etwa zur Bedeutung von Tanzszenen im Kino. Dann gibt es noch einige Interviews – „von manchen Macherinnen wollte ich gern die Stimme hören“, erklärt Reicher – und zwei Gesprächsrunden.

Neben den Analysen der spezifischen Herangehensweisen und Handschriften der Filmemacherinnen, die sich in ihren Werken häufig auf differenzierte Weise mit weiblichen Figuren und Frauenschicksalen auseinandersetzen, stehen persönliche Einblicke in Leben und Arbeit. Zahlreich sind auch die (frauenfilm-)politischen Themen, die das Buch durchziehen, seien es prekäre finanzielle Verhältnisse, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder der für Frauen nach wie vor viel schwierigere Zugang zu Fördermitteln.

Vergnüglich und aufschlussreich ist das Gruppeninterview mit der Sounddesignerin Veronika Hlawatsch, der Kamerafrau Leena Koppe, der Kostümbildnerin Ingrid Leibezeder und der Editorin Karina Ressler rund um Vorurteile, das „patriarchale Geniebild“, Rolemodels, das „Musterschülerinnensyndrom“ und Frauenquoten.

Es gibt noch viel aufzuholen, doch Reicher ist optimistisch: „Man kann nicht sagen, es gäbe von 1999 bis 2020 eine ungebrochene Entwicklungslinie und es sei immer besser geworden. Natürlich existieren immer noch Widerstände und Rückschläge. Aber das weibliche Filmschaffen ist in Österreich in den vergangenen 20 Jahren sehr viel und auch kontinuierlich sichtbarer geworden.“

Eine positive Bestärkung erfährt diese Entwicklung nicht nur durch den vermehrten Anteil von Studentinnen an den Ausbildungsstätten, sondern auch durch die 2010 von Albert mitgegründete Lobbying-Organisation FC Gloria: „Rund um die Jahrtausendwende hat die Vernetzung eher aufgrund von glücklicher informeller Fügung stattgefunden, heute gibt es konkrete Anlaufstellen“, sagt Reicher.

Ein Bereich, in dem Frauen schon lang prominent vertreten sind, ist der experimentelle Film an der Schnittstelle zur Kunst. Mitunter durchaus herausfordernd zu lesen, beschäftigen sich die Texte im letzten Viertel des Buchs mit queer-feministischen, performativen und abstrakten Werken sowie mit Filmen aus dem Feld der Computerkunst, Animationen und einem neuen Interesse am Analogen.

Mit der vielfältigen Zusammenschau hofft Reicher, den Leserinnen und Lesern Lust auf die Filme selbst zu machen. „In Zeiten von Corona, in denen die Kinos geschlossen sind, könnte man sich natürlich fürs Heimkino kleine Retrospektiven zusammenstellen.“ Auf jeden Fall ist „Eine eigene Geschichte“ ein Werk, das man über Jahre immer wieder aufschlagen kann, um sich auf die neuesten Kinoarbeiten der Filmemacherinnen einzustimmen.

Und die Männer? Müssen sie sich kränken, dass die Frauen hier eine eigene (Film-)Geschichte bekommen haben? Es wäre ohne Frage eine Freude, einen Sammelband dieser Art zum gesamten österreichischen Kinoschaffen seit 1999 in Händen zu halten.

Dass Frauen die Aufmerksamkeit nach wie vor dringender benötigen, steht trotzdem außer Diskussion. So führten von 2012 bis 2016 bei nur 21 Prozent aller österreichischen Kino­filme Frauen Regie, wie der „Film Gender Report“ des Österreichischen Film­instituts belegt.

Sabina Zeithammer in Falter 19/2020 vom 08.05.2020 (S. 35)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783854495505
Erscheinungsdatum 01.04.2020
Umfang 270 Seiten
Genre Kunst/Fotografie, Film, Video, TV
Format Buch
Verlag Sonderzahl
Herausgegeben von Isabella Reicher
Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:
Horst A. Friedrichs, Stuart Husband, Cornelius Hartz
€ 41,20
haubrok foundation, Raimar Stange, Konstantin Haubrok
€ 40,00
Riccardo Fregoso
€ 37,10
Simone Carneiro, Roland Schöny
€ 19,80
Mario Marino
€ 61,70
Christoph Bangert, Chiho Bangert
€ 35,30
Mario Marino
€ 61,70
Silke Pfersdorf
€ 51,40