Arbeiterkino

Eine Jugend in Favoriten
160 Seiten, Buch
€ 22,00
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Erscheint am 19.10.2026

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Mehr Informationen
Themen Biographie, Literatur und Literaturwissenschaft Biografien und Sachliteratur Memoiren, Berichte, Erinnerungen
ISBN 9783854497165
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 19.10.2026
Größe 19.5 x 12.5 cm
Verlag Sonderzahl
LieferzeitErscheint am 19.10.2026
HerstellerangabenAnzeigen
Sonderzahl Verlag
Große Neugasse 35/15 | AT-1040 Wien
verlag@sonderzahl.at
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Kurzbeschreibung des Verlags

Als Gustav Ernst nach gut fünfzig Jahren wieder vor dem Haus seiner Kindheit steht, ist dieses nicht mehr wiederzuerkennen: Ein zusätzliches Stockwerk wurde aufgesetzt, die Fassade erneuert – auch die Namen, die neben den Klingeln zu finden sind, sagen ihm nichts. Zu gerne würde er seine Erinnerungen an das einst vertraute Haus auffrischen und eintreten, doch die Türe, die damals immer offen stand, ist heute gut versperrt. Obwohl er bei sämtlichen Türen läutet, öffnet ihm niemand.Das literarische Interesse an der eigenen Jugend erklärt sich aus diesem Abstand, der nicht mehr zu überbrücken ist. Aufgewachsen in Favoriten, dem zehnten Wiener Gemeindebezirk, wurde Ernst im Arbeitermilieu der Nachkriegszeit groß, unter Verhältnissen, die denkbar weit von den Standards, Wertvorstellungen und Wünschen unserer Gegenwart entfernt sind. Um sich dieses Abstands und seiner eigenen Herkunft zu vergewissern, beginnt er damit, all jene Erinnerungssplitter zu Papier zu bringen, die seine Jugend in Favoriten ausmachen: Was entsteht, ist kein Memoir, sondern eine Art Kopfkino: Die Szenenfolge der Erzählungen bildet ein schillerndes Prisma einer verlorenen Zeit, in der die Lebensgeschichten der Eltern und der Verwandtschaft, der Nachbarn und der Schulkollegen die gesellschaftliche Realität dieser sozialen Schicht im Österreich der Jahre zwischen 1944 und 1965 erahnen lassen – und die Ernst gewohnt schonungslos zeichnet. Begleitet werden diese bruchstückhaften Schilderungen von aktuellen Reflexionen des Autors, der sich dabei beobachtet, wie ihm die Vertrautheit der eigenen Vergangenheit beim Erzählen immer fremder zu werden beginnt. Deutlich wird das vor allem angesichts jener Orte, die zentrale Schauplätze seiner Kindheit waren, heute aber gar nicht mehr existieren. Indem er diese nachzeichnet, entsteht nicht nur ein Mosaik seiner Kindheit und all jener Lebenswege, die mit dem seinen verbunden waren, sondern eine imaginäre Topografie eines ganzen Bezirks: ein Arbeiterkino der Nachkriegszeit.

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Themen Biographie, Literatur und Literaturwissenschaft Biografien und Sachliteratur Memoiren, Berichte, Erinnerungen
ISBN 9783854497165
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 19.10.2026
Größe 19.5 x 12.5 cm
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FALTER-Rezension

Die Kinder sollen es einmal besser haben

Sebastian Fasthuber in FALTER 41/2026 vom 07.10.2026 (S. 4)

Erdäpfel gab es immer, auch wenn sonst nicht viel zu haben war. Bei dem, was auf den Tisch kam, machte es keinen so großen Unterschied, ob einer in der Nachkriegszeit Kind war – oder um 1980.

Gustav Ernst (Jg. 1944) ließ sie sich in der kleinen Zimmer-Küche-Wohnung in Favoriten am liebsten „mit frisch ausgelassenem Schweineschmalz“ schmecken, „das ich mir löffelweise in die gekochten und dann mit der Gabel zerdrückten Erdäpfeln hineinvermischte, von denen ich bei etwas größerem Appetit, etwa nach einem Badetag, spielend ein ganzes Kilo in einem Aufwasch verzehren konnte.“

Markus Köhle (Jg. 1975) bekam drei Jahrzehnte später im Tiroler Dorf die ganze Vielfalt vorgesetzt, die eine zum Sparen gezwungene Mutter dem Knollengewächs abringen konnte „Erdäpfelnudeln, Erdäpfelsuppe, Erdäpfelsalat / Erdäpfelstrudel, Erdäpfelspatzen, Erdäpfelkas / Erdäpfelkrapferl, Erdäpfelpuffer, Erdäpfelpaunzen / Erdäpfelecken, Erdäpfelknödel, Erdäpfelpüree.“ Und das ist nur die Hälfte seiner Aufzählung in Gedichtform.

Wie erzählt man von Kindheit? Eben etwa in Form des Speiseplans. Oder durch genaue Beschreibung der Wohnsituation und Einrichtungsgegenstände. So groß und voll waren die Wohnungen damals nicht, dass die Erinnerungen daran ausufern würden. Drei österreichische Autoren legen in diesem Herbst interessante autobiografische Bücher vor, in denen sie auf ihr Aufwachsen in eher bescheidenen Verhältnissen zurückblicken. Gustav Ernst betätigt sich in „Arbeiterkino“ als Chronist einer Kindheit und Jugend im 10. Wiener Gemeindebezirk.

Peter Henisch (Jg. 1943) schließt mit seinem jüngsten Roman „Muttersuchen“ an eine Reihe autobiografisch grundierter Familienbücher an, die er bereits in den 1970ern mit „Die kleine Figur meines Vaters“ begonnen hat. Er erzählt vom wechselvollen Aufwachsen an der Seite von Eltern, deren Beziehung man heute wohl als „toxisch“ einstufen würde.

Markus Köhle zu guter Letzt verquickt in dem Langgedicht „Arbeiterkind“ persönliche Reminiszenzen mit aufrührerischen Gedanken über Arm und Reich.

Das verblüffendste Buch ist jenes von Gustav Ernst. Der schmale Band enthält radikal persönliche Erinnerungen und formt sich am Ende doch zu einem beinahe soziologischen Werk. Ernst gelingt mit „Arbeiterkino“ ein schönes Porträt jener Klasse, der er selbst durch Gymnasium, Studium (wenn auch abgebrochen) und die Arbeit als Schriftsteller entfloh: der Arbeiterschaft in Zeiten von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Wobei von Letzterem in Favoriten nicht sehr viel zu bemerken war.

Es ist eine Welt von gestern, die in nüchternen Worten geschildert wird. Ernst beginnt mit einer Familienaufstellung, die neben seinen Eltern auch allerlei Onkel und Tanten in kurzen biografischen Abrissen präsentiert: die einen fleißig, brav und langweilig, die anderen lebenslustig, Alkoholiker und früh verstorben.

Manche haben es im Leben nie aus ihrem Bezirk herausgeschafft, sie wären gar nicht auf die Idee gekommen. Der Autor selbst verbrachte seine ersten 21 Jahre mit den Eltern und seiner Schwester in einer 36 Quadratmeter großen Wohnung in der Muhrengasse, in der bereits sein Vater aufgewachsen war. In den 1960ern übersiedelte die Familie dann nach Floridsdorf, wo sie eine Gemeindewohnung erhielt. Mit dieser Donauüberquerung endet das Buch.

Den Vater schildert Gustav Ernst als tüchtigen Mann, er arbeitete als Automechaniker. Gleichzeitig war er ein Mensch ohne Antrieb weiterzukommen, als er schon war. Selbst nach Jahrzehnten im selben Betrieb kam es nicht mal zur geringsten Beförderung. Es fehlte ihm an Ehrgeiz. Sowie am Parteibuch.

Immerhin saß er nicht ständig im Wirtshaus und hat seinen Sohn nie geschlagen. Dafür war die Mutter zuständig. Dann und wann bekam Gusti ihren Kochlöffel oder den Pracker, wie der Teppichklopfer genannt wurde, zu spüren. Indes: „,Gewalttätig‘ empfand ich meine Mutter deswegen nicht und hatte auch nie das Bedürfnis, sie später deswegen zur Rede zu stellen.“

Man sieht an dieser Passage: Ernst wuchs in einer Zeit auf, in der nicht jede unangenehme Erfahrung gleich ein Trauma nach sich zog. Seine Herkunft war ihm auch nie peinlich. Dennoch spürte er bald den Drang, den beengten Verhältnissen ohne Fließwasser in der Wohnung und mit Klo am Gang zu entfliehen.

Aufgehalten haben ihn seine Eltern nicht, nach Möglichkeit wurde er sogar unterstützt. Damals hörte man oft den Satz: „Meine Kinder sollen es einmal besser haben.“ Und so durfte er als vifer Volksschüler ein Gymnasium im 5. Bezirk besuchen. Nicht einmal, als er die erste Klasse wiederholen musste, drängte ihn die Familie, doch lieber ein Hackler zu werden. Er blieb in der Schule und entwickelte sich zu einem wissbegierigen Jugendlichen, der las, was er in die Finger bekam.

„Ich wollte gescheiter und fähiger werden als der gesamte 10. Bezirk zusammen“, fasst er seine bescheidenen Bemühungen als Bursche zusammen.

Intellektuelle Reize waren das eine; nach sinnlichen Erfahrungen gierte er ebenso. Die waren zum einen in Lichtspielhäusern zu bekommen: „Der schönste Moment im Kino war für mich, wenn es im Saal dunkel wurde, auf der Leinwand die ersten Reklamebilder auftauchten, das Reden und Kichern verstummte und sich jeder gewissermaßen vom Nachbarn verabschiedete, um ungestört nur mehr auf die Leinwand schauen zu können.“

En passant zeichnet das Buch eine kleine Landkarte der Kinos, die es damals in Favoriten sonder Zahl gab: das Edison in der Laxenburger Straße, oder ein ebenerdiges Kino namens Dschungerl, in dem ausschließlich Western gezeigt wurden. Besuche im Amalienkino im SPÖ-Arbeiterheim oder im Gudrun Kino zusammen mit den Eltern waren gleichzeitig Sonntagsausflüge.

Mädchen wurden natürlich auch interessant. Ernst hat in seinen Werken stets gern derbe Ausdrücke verwendet. Nun: Er hat sehr früh damit begonnen. Bereits im ersten Liebesbrief des Volksschülers heißt es: „Geliebte Helga! Ich liebe dich vom ganzen Herzen! Wann gehen wir pudern?“

Kann das stimmen? Der Autor schildert sich als guten Archivar seines Lebens. Das erste Spielzeugauto, das ihm der Vater in Arbeitspausen gebastelt hat, und andere Gegenstände von biografischer Bedeutung besitzt er bis heute. Jedes Fitzelchen kann er aber auch nicht aufgehoben haben.

Einiges an diesen kurzweiligen Schilderungen einer Kindheit und Jugend ist pure Behauptung. Doch Gustav Ernst trägt sie mit einer derartigen Verve und Lust vor, dass man ihm einfach glauben will. Er ist der Autor mit der totalen Erinnerung.

Peter Henisch steht ihm nur um wenig nach, was die Dezidiertheit seiner Kindheitserinnerungen betrifft. Auch wenn es allen entwicklungspsychologischen Lehrmeinungen widerspreche, schreibt er, könne er sich zum Teil mit sinnlicher Genauigkeit an das Kriegsende erinnern, das er mit seiner Mutter im Waldviertel verbrachte. Damals war er keine zwei Jahre alt.

Detailliert beschreibt Henisch die Stube des Bauernhauses, in dem sie Zuflucht fanden: „Ein massiver Tisch und eine Bank mit einer Lehne, aus deren Holz blumen- und herzförmige Ornamente gesägt oder geschnitzt sind, Sessel mit gedrechselten Beinen. [...] Ich weiß schon, so kann ich das alles gar nicht gesehen und gehört haben.“ Aber präsent sei es ihm dennoch.

Mit dem Roman „Muttersuchen“ nimmt er den Faden der Bücher „Die kleine Figur meines Vaters“ (1975) und „Eine sehr kleine Frau“ (2007), in dem er sich seiner jüdischen Großmutter widmete, wieder auf. Diesmal soll also die Mutter im Mittelpunkt stehen.

Aber sie entzieht sich immer wieder seinem Blick. Oder es schiebt sich jemand anderer in den Vordergrund. Nämlich der Vater. Walter Henisch war ein bekannter Fotograf. Seine zum Teil jüdischen Wurzeln verleugnete er in der Nazizeit und diente im Krieg als Propagandafotograf. Später arbeitete er für sozialdemokratische Medien, zuletzt für die Arbeiterzeitung.

Auch im Privaten wechselte er häufig die Rollen. Er konnte ein großer Charmeur sein und seiner Rosa das Blaue vom Himmel versprechen. Dann wieder war er kaum zuhause und widmete sich einem seiner zahllosen „Pantscherln“. Als Gernegroß fuhr er aus Prinzip alle Strecken mit dem Taxi. Mit dem Gerichtsvollzieher musste sich dann seine Frau herumschlagen.

Rosa Henisch – nur ihr Mann nannte sie Ria – war ihr Leben lang mit dem Aufkehren von Scherben beschäftigt. Im übertragenen wie im wörtlichen Sinn: Häufig musste der kleine Sohn die wilden Streitereien der Eltern mitanhören, die regelmäßig mit zerbrochenem Geschirr und Glas endeten.

Henisch zeichnet seine Mutter als den stärkeren Elternteil. Sie versucht sich früh zu emanzipieren und erwägt auch die Scheidung. Doch immer wieder gelingt es dem Vater, sie noch einmal umzustimmen. Und dann kettet er sie fest. Peter bekommt noch zwei viel jüngere Geschwister: einen Bruder und schließlich – endlich! – auch eine Schwester (davor stirbt eine Tochter schon kurz nach der Geburt).

Mit Anfang 40 ist die Mutter eine vom Leben gebeutelte, vorzeitig alt gewordene Frau. Rosa wird ihren Walter um einige Jahre überleben. Aber ihr Blick ist trüb. „Was hast du Mama?, fragte ich. Nichts Besonderes, sagte sie: das Leben. [...] Manchmal frage ich mich, wozu man sich das alles antut.“

Und der kleine Peter? Läuft im Buch meist nebenbei mit, wird auch viel sich selbst überlassen. Das stört ihn nicht. Im Gegenteil, er kann sich frei entwickeln und erst Hippie und dann Schriftsteller werden.

Letzteres ist auch Markus Köhle geglückt. Doch im Gegensatz zu seinen älteren Wiener Kollegen empfand er seine Herkunft lang als Makel. Es brauchte Zeit, ehe der sprachspielerisch veranlagte Autor und Mitbegründer der heimischen Poetry-Slam-Szene darüber schreiben konnte, dass er aus dem Hacklermilieu stammt, wo jeder Schilling umgedreht werden musste. Überraschung: Nicht jeder Tiroler besitzt Skilifte.

In „Arbeiterkind“ erzählt er in Gedichtform Ungereimtes und Gereimtes über seine Entwicklung und seinen durch Bildung ermöglichten Aufstieg. Obwohl das Geld immer knapp war, schaffte es die Familie mit vereinten Kräften, dass alle vier Kinder das Gymnasium besuchen und Studien absolvieren konnten.

Die Scham, nicht so gerade Zähne wie seine Mitschüler zu haben oder – so sehr man sich auch bemühte – durch seine Sprache als Kind aus der Unterschicht erkennbar zu sein, hat Köhle längst überwunden. Und doch gelingt es ihm nur selten, so selbstverständlich selbstbewusst aufzutreten wie Bürgerkinder.

In einem Fünfzeiler formuliert er es so: „Ich bin so klein / So unbedeutend getrimmt / Ich trau mich nicht mal / Eine Seite pro Gedicht / Zu beanspruchen.“ Tatsächlich verfügt das Buch über kaum Weißraum.

Markus Köhle erinnert sich aber nicht nur. Er brütet in seiner freien, prekären Schreibstube auch umstürzlerische Gedanken aus: „Keine Klassismusdebatte / Ersetzt den Klassenkampf“.

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