Abhauen
Erzählung

von Blaise Cendrars

€ 10,20
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Übersetzung: Giò Waeckerlin Induni
Verlag: Lenos
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 80 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.1998

Rezension aus FALTER 1-2/1999

Anlegeplatz der Wünsche

Mit dem Roman "Auf allen Meeren" liegt das wichtigste erzählerische Werk von Blaise Cendrars erstmals in deutscher Übersetzung vor. Eine gute Gelegenheit, das vitale Werk eines umtriebigen, weit- und vielgereisten Zeugen des 20. Jahrhunderts zu entdecken.

Blaise Cendrars, 1887 als Frederic Louis Sauser in der Westschweiz geboren, gehört - neben Leuten wie Marcel Ayme, Jean Giono oder Paul Claudel - zu jenen Autoren, die vom deutschsprachigen Lesepublikum trotz mehrfacher verlegerischer Initiativen nie so richtig angenommen wurden. Vielleicht sind sie, jeder auf seine Art, zu französisch, zu "welsch" oder, im Falle Cendrars', zu weltbürgerlich, buntscheckig, polymorph - was zur bewußt gelebten Frankophilie bekanntlich nicht im Gegensatz steht.

Der aus einer Kaufmannsfamilie stammende (und sich später selbst mit mäßigem Erfolg in Handelsgeschäften versuchende) Cendrars war seit seiner Kindheit an wechselnde Aufenthaltsorte gewöhnt. Er besuchte die Volksschule in Neapel, ging als 17jähriger nach Sankt Petersburg, reiste nach China und fand seinen Mittelpunkt in Paris, dem "Zentralbahnhof, Anlegeplatz der Wünsche, Kreuzung der Unruhen", wo er als alter Mann sogar seßhaft wurde und 1961 verstarb. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs trat Cendrars in die französische Fremdenlegion ein; er verlor den rechten Arm, schrieb fortan mit der Linken und wurde 1916 französischer Staatsbürger; mehrere Reisen führten ihn nach Brasilien; 1939 betätigte er sich als Kriegsberichterstatter der englischen Armee. All diese Erfahrungen machen ihn zu einem Zeugen des Jahrhunderts. Der Krieg als technologisch gesteuerte Zerstörung ist eines seiner wiederkehrenden Themen. Von Ernst Jünger unterscheidet ihn, daß er stets klaren Kopf bewahrte. Er war ein unabhängiger Einzelgänger, der die Faszination an beschleunigter Fortbewegung mit den Futuristen teilte, aber die Gefahr der Totalitarismen und Nationalismen erkannte, einer, der die Mystik des Grauenhaften, die Schönheit des Häßlichen kostete, ohne sich ihr auszuliefern.

Der literarische Werdegang Cendrars beginnt in Paris vor dem Ersten Weltkrieg, zur Zeit des Expressionismus und Kubismus, noch bevor diese Ismen dem destruktiveren Dadaismus und einem bald dogmatisch werdenden Surrealismus gewichen waren. Vorbilder und Weggefährten, meist Künstler, die am Hungertuch nagten, waren Apollinaire und Cocteau, Modigliani und Chagall. Damals verfaßte Cendrars "Die Prosa von der Transsibirischen Eisenbahn und der Kleinen Jehanne von Frankreich", die er als zwei Meter langes, von oben nach unten zu lesendes Falzblatt mit einer kubistischen Farbkomposition von Sonia Delaunay veröffentlichte.

Als "livre simultane" bezeichneten die beiden das Buch, womit gemeint ist, daß hier zwei Kunstformen gleichzeitig neben- und auseinander enstehen. Hinzu gesellte sich als musikalisches Element der Eisenbahn- und Phantasierhythmus, den Cendrars seiner poetischen Prosa gibt, die nicht zufällig "den Musikern" gewidmet ist. Der "Simultaneismus", so der u.a. von Delaunay und Cendrars verwendete Begriff, bestimmt aber nicht nur die künstlerische Zusammenarbeit, sondern auch den Text selbst, in dem die Reise durch den geografischen Raum und zugleich in fernliegende Zeiten führt, indem sie wachtraumartige Bilder der Erinnerung und der Vorwegnahme auslöst. Cendrars verleiht hier einer kosmischen Trunkenheit Ausdruck, wie wir sie auch in Apollinaires "Alcools"-Gedichten finden; konsequenterweise veröffentlichte er als nächstes den Band "Im Hinterland des Himmels. Zu den Antipoden der Einheit", der eine Reise durchs All beschreibt.

Die späteren literarischen Arbeiten Cendrars' sind äußerst vielfältig. Nicht alles ist von der gleichen Intensität, nicht alles gelungen, vieles Projekt geblieben. Diese Unausgeglichenheit, diese Bereitschaft, Schwäche zu zeigen, ist Teil eines übermütigen Wesens, das auch noch die Cendrarssche Eigentümlichkeit bis hin zu seinem Erzählstil bedingt. Während der vierziger Jahre schrieb Cendrars vier autobiografische Romane, von denen der dritte, "Bourlinguer" (deutsch unter dem treffenden Titel "Auf allen Meeren"), gemeinhin als der beste gilt. Der Simultaneismus, auf ganz andere Weise umgesetzt als in der expressionistischen Phase, prägt auch diese Bücher. Die Handlung spielt auf Meeren und in Hafenstädten, aber zugleich sind der Ort und die historische Situation gegenwärtig, in der Cendrars schreibt: Aix-en-Provence; die Gebirgslandschaft Cezannes; das Frankreich der Vichy-Regierung; der französische Widerstand gegen die Nazis; das Kriegsende; der Abwurf der Atombomben. Cendrars erinnert sich an Brasilien, China, Antwerpen, aber auch an den magischen Raum der Kindheit am Fuße des Vesuvs, an eine zur Stadt Neapel hinunterführende, von Händlern, Bettlern und Prostituierten bevölkerte Treppe und ihren "König", einen Aussätzigen, der die dunklen Geschäfte koordiniert, bis er vom Kind, das der Erzähler war, mit Hilfe einer Schale Milch umgebracht wird.

Ein Musterbeispiel für diese ausschweifende Simultaneität ist das Porträt des Pariser Buchhändlers Chadenat, das Cendrars aus der Perspektive seines brasilianischen Freundes Paulo da Silva Prado zeichnet. Mit einem gewaltigen Aufgebot an Neben- und Klammersätzen evoziert Cendrars auf zehn Seiten Charakter und Lebenslauf des Brasilianers, um zu dem knappen Schluß zu kommen: "Für meinen alternden Freund Paulo Prado gehörte Chadenat zu den skeptischen und zerstreuten Franzosen, von denen es eine ganze Menge gibt." Das Verhältnis zwischen Porträt und Porträtierendem hat sich umgekehrt: Der Blick verrät alles über den Betrachter, aber wenig über den betrachteten Gegenstand (den Cendrars zuvor schon mit eigenen Augen beschrieben hatte) - ein Manierismus, der nicht das Ergebnis eines übersteigerten Kunstwollens, sondern die Kehrseite einer überbordenden Vitalität ist, die die eigene Erfahrung im Spiegel einer überwältigenden Welt erblickt. Die von der Lebensgeschichte angeschwemmte Stofffülle läßt sich in keine definitive Form bringen; das Bild der Sintflut wird bei Cendrars zum ästhetischen Zeichen. Schopenhauer ist eine der heimlichen Leitfiguren des Autors, der sich von der Welt durchdringen lassen möchte: reines Anschauen, reine Tätigkeit; den Willen pulsieren fühlen; Schreiben als Zeugungsakt; die Welt durch das Wort in Vorstellung verwandeln.

Die Literatur - Schreiben genauso wie Lesen - kann es mit der Vitalität des Lebens aufnehmen. In einer wahrscheinlich nur ansatzweise autobiografischen Szene schildert Cendrars, wie ihn ein gewisser Korsakow "von seinen Büchern befreite". Das macht ihn frei für das ungehinderte Reisen. Später jedoch, gegen Ende von "Auf allen Meeren", verteidigt Cendrars das Lesen - wenn nicht als Alternative, so doch als Parallele zum Leben. "Eine der großen Faszinationen des Reisens besteht nicht in der räumlichen Distanz, sondern in der zeitlichen Entfremdung: wie wenn man zum Beispiel unterwegs durch einen Motorschaden bei den Menschenfressern liegenbleibt oder hinter der Biegung einer Wüstenpiste plötzlich im tiefsten Mittelalter festsitzt. Ich glaube, bei der Lektüre ist es das gleiche, außer daß sie allen, auch einem Kränklichen, zugänglich ist (...)."

Das gilt zumindest für die Lektüre des Romans, in dem sich der Ich-Erzähler einmal als blinder Passagier am 11. November 1653 in Venedig einschifft, ein anderes Mal ein von Homunkuli umgeisterter kleiner Junge im Neapel des ausgehenden 19. Jahrhunderts oder ein geflüchteter Kriegsreporter ist, der die vorbeiziehenden deutschen Truppen aus dem nötigen Sicherheitsabstand beobachtet.

war ein verschwenderischer Projektemacher. Schon früh kündigte er 33 Bände an, die er in Vorbereitung habe, und mit ironischem Überschwang spricht er 1951 von zehn bereits fertiggestellten Romanen (weitere fünf Bände habe er "zum großen Schaden meiner Verleger" verbrannt), die er in einem südamerikanischen Banktresor verwahrt haben will. Vielleicht sollte sich doch einmal jemand auf die Suche machen?

Leopold Federmair in FALTER 1-2/1999 vom 15.01.1999 (S. 64)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Cendrars entdecken (William Burri)
John Paul Jones (Blaise Cendrars, Claude Leroy, Gio Waeckerlin Induni)
Die Prosa von der Transsibirischen Eisenbahn und der kleinen Jehanne von Frankreich (Blaise Cendrars, Michael von Killisch-Horn)
Auf allen Meeren (Blaise Cendrars, Giò Waeckerlin Induni)
Im Hinterland des Himmels (Blaise Cendrars, Jean C Flückiger, Giò Waeckerlin Induni)
Brasilien (Blaise Cendrars, Jean Manzon, Giò Waeckerlin Induni)

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