Übersetzung: Sylvia Zirden
Übersetzung: Julia Schell
Verlag: Scheidegger & Spiess
Format: Hardcover
Genre: Kunst/Architektur
Umfang: 312 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.02.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Ein Synonym für die Moderne

Jubiläum: Das Bauhaus wird zum 100. Geburtstag mit einer Flut von schönen Büchern bedacht

Würde man eine Straßenumfrage mit der Frage „Was ist das Bauhaus?“ durchführen, man bekäme vermutlich 100 verschiedene Antworten: ein Baumarkt, eine Hochschule in Deutschland, ein Stuhl, ein Stil, Häuser aus Beton, Häuser mit Ecken, eine Gothic-Band, Le Corbusier, Form follows function, Less is more … Jeder hat davon gehört, niemand weiß Genaues, alle haben irgendwie recht – und irgendwie auch nicht.

Dabei herrscht an Informationen über die Hochschule, die 1919 in Weimar gegründet wurde, ab 1923 in Dessau und ab 1932 in Berlin ansässig war und 1933 von den Nationalsozialisten aufgelöst wurde, kein Mangel. Mit Bauhaus-Büchern lassen sich ganze Bibliotheken füllen: Bauhaus-Architektur, Bauhaus-Typografie, Bauhaus-Kunst, Bauhaus-Tanz, Bauhaus und die Weimarer Republik.

Kein Wunder, schließlich war die Hochschule mit ihren utopischen Zielen der Verschmelzung von Kunst und Handwerk im Dienste einer besseren Gesellschaft so etwas wie ein ideeller Nährboden des 20. Jahrhunderts. In diesem Jahr feiert das Bauhaus seinen 100. Geburtstag, und die stählernen Regeln des Verlagswesens diktieren, dass uns jetzt eine neue Flut von Bauhaus-Literatur ins Haus steht, im Windschatten von Bauhaus-Konferenzen, Bauhaus-Festivals und Bauhaus-Ausstellungen.

Im Rausch der kulturellen Wichtigkeit hatten die Jubiläumsfeiern schon 2018 Anlauf genommen, mit deutscher Gründlichkeit wird sowohl gefeiert als auch analysiert. So viel, dass der Architekturkritiker Christian Holl schon zu Jahresanfang seufzte: „Wir haben nun gerade mal Anfang Februar. Und man ist jetzt schon froh, wenn das Jubiläumsjahr vorbei ist. Es gibt Veranstaltungen unter dem Label Bauhaus, die den Zusammenhang so mühsam konstruieren, dass es wehtut.“

An konstruierten Zusammenhängen ist die Rezeptionsgeschichte des Bauhauses in der Tat nicht arm: Das Bauhaus avancierte gar zum unscharfen Synonym für „die Moderne“, und das ist es heute noch, da Immobilienmakler und Fertighausfirmen alles, was irgendwie weiß und rechteckig ist, als „Bauhaus-Stil“ vermarkten.

Die Bauhaus-Architekten sind an diesen Missverständnissen nicht unschuldig: Gründer Walter Gropius propagierte in karrierefördernder Eigenvermarktung die Marke Bauhaus rückwirkend als Genie-Narrativ von Einzelarchitekten wie ihm selbst, und das zulasten des kooperativen, kosmopolitischen Werkstatt-Gedankens und des anarchistisch-dadaistischen Humors, der die Schule in den Jahren nach dem Trauma des Ersten Weltkriegs prägte.

Die Geschichtsklitterung hatte schon begonnen, als das Bauhaus gerade seinen letzten Atemzug tat: 1932 kuratierte Philip Johnson die Ausstellung „The International Style“ am New Yorker Museum of Modern Art, die clever und medienaffin den Kanon der modernen Architektur auf Jahrzehnte hinaus prägen sollte. Auch dort fiel einiges unter den Tisch, vor allem die utopisch-politischen Ziele des Bauhauses, die dem in den 1930er-Jahren offen mit den Nazis sympathisierenden Johnson so fern waren wie der Mond.

Das bedeutet: Es herrscht auch heute noch, trotz Bibliotheken voller Bauhaus-Publikationen, Aufklärungsbedarf an der Sachbuchfront. Drei von vielen Büchern stehen exemplarisch für die verschiedenen Ansätze, dem vermeintlich Altbekannten neue Erkenntnisse abzuringen.

Der Band „My Bauhaus – Mein Bauhaus“ nimmt das Jubiläum zum Anlass, nach der Bedeutung des Bauhauses für Architekten von heute zu fragen. Dafür hat Herausgeberin Sandra Hofmeister exakt 100 zeitgenössische Architekten aus aller Welt einbezogen und die Antworten, wie sie im Vorwort erklärt, zu „einer Art Poesiealbum“ in Text und Bild zusammengestellt. Eine fast schon zwingend logische Idee, die auch einiges an Erkenntnis zutage fördert: etwa, wie prägend das Bauhaus auch für Architekten in Japan oder Brasilien war und wie präsent es heute noch in der Lehre an den Hochschulen ist.

Allerdings sind diese Erkenntnisse über die Länge von 100 Einträgen ins Bauhaus-„Poesiealbum“ etwas dünn gesät. Die Mehrzahl stellt ihr eigenes Schaffen als logische Fortsetzung des Bauhauses dar, wie etwa das Londoner Youngsters-Kollektiv von Assemble oder Stars wie Norman Foster und Dominique Perrault. Kritik am übermächtigen Bauhaus-Mythos ist rar. Wolf Prix’ Skepsis gegenüber den „protestantisch-rationalen Details“ und Hermann Czechs lakonischer Vergleich von handlichen traditionellen Türgriffen und unhandlichen Bauhaus-Türgriffen bilden da eine wohltuende Ausnahme. Die Wiener hatten es eben immer schon lieber wohnlich als kühl und lieber emotional statt funktional und begegneten der strahlenden Utopie mit einer gewissen Skepsis.

In Summe zeigt das Buch zwar die Wirkmacht des Kosmos Bauhaus auf, unterm Strich wird das Bild aber nicht klarer, sondern im Gegenteil noch diffuser. Am lesbarsten sind die Beiträge, die – Stichwort Poesiealbum – persönlich-autobiografische Geschichten erzählen. Die meisten Architekten hatten jedoch ihre abgefragten Statements wohl schon in der Schublade und nutzten die Gelegenheit zur Eigen-PR. Die Kürze der Beiträge erlaubt zwar ein lockeres Querlesen, ist in ihrer stakkatohaften Aufreihung letztendlich aber eher ermüdend.

Viel mehr Erkenntnisgewinn bietet der Band „Frauen am Bauhaus“, herausgegeben von Patrick Rössler und Elizabeth Otto. In 45 Einzelporträts werden ebenjene vorgestellt, was keineswegs ermüdet, sondern sich in zunehmendem Erstaunen summiert, warum all diese Frauen bis heute praktisch unbekannt sind und das Bauhaus-Erbe mit Direktoren-Alphatieren wie Walter Gropius und Mies van der Rohe und Künstlern wie Oskar Schlemmer, Paul Klee und Josef Albers assoziiert wird anstatt mit Ré Soupault, Ricarda Schwerin und Benita Koch-Otte.

Es sind Biografien, so vielfältig wie das Bauhaus und seine historische Zeit: eine Republik, in der Frauen erfolgreich ein Unternehmen leiten konnten, wie Margarete Heymann-Loebenstein die Keramikwerkstätte Haël. Viele emigrierten nach dem Ende des Bauhauses, andere, wie die Architektin Friedl Dicker, wurden von den Nazis ermordet. Die Textildesignerin Lilly Reich, Lebensgefährtin Mies van der Rohes, wiederum propagierte – erfolglos – die Fortführung des Bauhauses im Dritten Reich.

Man muss dieses Buch gar nicht aus feministischer Perspektive lesen, um die Reichhaltigkeit des Lebens dieser Frauen und die von ihnen geschaffenen Werke, die in zahlreichen Illustrationen zu entdecken sind, zu schätzen, all das spricht für sich selbst. Darüber hinaus eröffnet der Fokus auf einen Aspekt der Bauhaus-Ära ein Panoptikum des Alltagslebens von Künstlerexistenzen in einer Zeit der Freiheit, der Chancen und der dräuenden Gefahren.

Einziger Wermutstropfen: die Grafik dieses Buches. Nur weil man sich des Standardzubehörs der Bauhaus-Publizistik bedient – Rot, Gelb, Blau und die Bauhaus-Kleinbuchstaben-Typografie –, heißt das noch lange nicht, dass damit auch ästhetisches Gelingen garantiert ist.

Zweifellos am schönsten bebildert ist der gewichtige Band „Bauhaus Imaginista“, der anlässlich einer Ausstellung des Berliner Hauses der Kulturen der Welt, des Goethe-Instituts und der Bauhaus-Kooperation Berlin Dessau Weimar herausgegeben wird. Es ist auch jener Band, der sich auf den ersten Blick in den obskursten Nischen der Bauhaus-Forschung herumtreibt. Er tut dies mit zwingender Systematik: Anhand von vier Werken wird die globale Vernetzung der europäischen Hochschule gezeigt und so der Nachweis erbracht, dass die Idee einer Werkstätte, in der verschiedene Disziplinen – Architektur, Malerei, Textildesign – miteinander verbunden werden, nicht vom Himmel fiel. Schon im 19. Jahrhundert hatte die britische Arts-and-Crafts-Bewegung um William Morris ähnliche Ideen gehabt.

Im selben Jahr, 1919, in dem Walter Gropius in seinem Gründungsmanifest „Programm des Staatlichen Bauhauses in Weimar“ die Rückkehr zum Handwerk forderte und vom „neuen Bau der Zukunft“ als „Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens“ sprach, eröffnete der Dichter Rabindranath Tagore in Indien die Kunstschule Kala Bhavan. 1931, angeregt durch eine Bauhaus-Ausstellung in Tokio, gründete der Architekt Renshichiro Kawakita dort das Forschungsinstitut für Lebensgestaltung, das bis heute als Schule für neue Architektur und Gestaltung von bedeutendem Einfluss ist.

Dass der weltweite Ideentransfer in der Architektur und Kunstwelt schon in den 1920er-Jahren weit gediehen war, gehört zu den lohnendsten Erkenntnissen des Buches.

Insbesondere der Fokus auf außereuropäische Entwicklungen – von einem Paul-Klee-Teppich führt die Spur nach Nordafrika und zu den Textilmustern der Anden – macht deutlich, dass das Bauhaus keineswegs ein Kloster aus isolierten Genies war, sondern eine Ideenzentrifuge, in der sich Traditionen aus allen Kontinenten vermischten. Ein Beweis, dass es sich lohnt, in der Lawine von Jubiläumspublizistik nach Schätzen zu graben.

Maik Novotny in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 30)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Mein Bauhaus / My Bauhaus (Sandra Hofmeister)
Frauen am Bauhaus (Patrick Rössler, Elizabeth Otto, Birgit van der Avoort)

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