
Kirstin Breitenfellner in FALTER 14/2026 vom 01.04.2026 (S. 28)
Der 26. April 1986 war ein Samstag - und Schultag. Als die Schüler aus dem 18 Kilometer entfernten Städtchen Tschornobyl Rauch sahen, dachten sie, dass in der Nähe des Atomkraftwerks das alte Laub verbrannt würde. Tatsächlich war ein lokaler Unfall passiert, dessen Schaden Ländergrenzen überschritt und dessen wahres Ausmaß erst Jahre später bekannt wurde.
Deswegen lernen aus dem informativen Jugendsachbuch mit dem Titel "Reaktoren explodieren nicht. Eine kurze Geschichte der Tschornobyl-Katastrophe" auch jene etwas, die damals schon auf der Welt waren. Etwa dass der Unfall zwar der schwerste, aber nicht der erste in diesem Werk war, sondern es allein zwischen 1983 und 1985 zu fünf Havarien und 63 Anlageausfällen gekommen war.
Das Autorenduo Kateryna Michalizyna und Stanislaw Dwornyzkyj hatte bereits im Jahr 1991 mit der Arbeit an dem Buch begonnen, das ab zehn Jahren empfohlen wird, dessen inhaltlich starker Tobak und dystopische Illustrationen aber ein Lesealter ab zwölf, dreizehn angeraten sein lassen. Sein Publikum waren zunächst ukrainische Heranwachsende.
Das Vorwort für die deutschsprachige Ausgabe erklärt nicht nur die ukrainische Schreibweise -Tschornobyl statt dem russischen Tschernobyl -, sondern auch Parallelen zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine seit 2022. Etwa den ersten Gedanken: "Das passiert einfach nicht" - weil es nicht sein darf. Bereits zwei Tage nach Kriegsbeginn wurde das Atomkraftwerk besetzt - von Soldaten, die noch nie etwas von dem Unfall gehört hatten.
Neben der Geschichte wird auch Basiswissen geliefert: über Atome, Isotope, die gesundheitlichen Folgen von erhöhter Radioaktivität etc. - sowie über den Unterschied zwischen einem Kernreaktor und einer Atombombe.
Viel zu spät wurden die Bewohner informiert, viel zu spät evakuiert. "Die Sowjetunion, die sich auch die Ukraine einverleibt hatte, war eine wahre Meisterin im Vertuschen von wichtigen und bedeutenden Dingen", schreiben die Autoren. Dass die Sowjetunion, das "Vaterland" der Tschornobyl-Katastrophe, bereits fünf Jahre später offiziell aufgelöst wurde, dazu hat der Atomunfall nach ihrer Meinung nicht unwesentlich beigetragen. Heute leben in Tschornobyl, das im Jahr 1986 47.500 Menschen aus 27 Nationalitäten beherbergte, keine Kinder mehr, sondern nur ältere Menschen, die trotz des Verbots in die Sperrzone zurückgekehrt sind. Seit 2016 erstreckt sich auf etwa zwei Dritteln ihrer Fläche ein Biosphärenreservat.
Breiter Raum wird den hochgefährlichen Aufräumarbeiten gewidmet. Auch welche Fahrzeuge dabei eingesetzt wurden oder wie die Sarkophag genannte Ummantelung gebaut wurde, lernt man in diesem aufwendig gestalteten Buch, in dem sich Infokästen und erzählter Text abwechseln, unterbrochen von großflächigen Illustrationen des Kyjiwer Studios Seri/graph.
Die Zahl der Opfer, die der sowjetische Staat dafür zu bringen bereit war, kann nur geschätzt werden. 1.790.836 Personen wurden jedenfalls offiziell anerkannt, darunter 191.260 sogenannte Liquidatoren. "Den größten Schaden hat nicht der Unfall angerichtet, sondern die Art und Weise, wie man versucht hat, die Schäden zu beseitigen", lautet ein Fazit des Buches.


