Sachbuch-BESTENLISTE Oktober 2021

Ich bin keine Heldin

Mein langer Kampf für Gerechtigkeit
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Carla Del Ponte fordert Gerechtigkeit. Wo wird das Völkerrecht aktuell gebrochen? Und welche Möglichkeiten hätte die UN einzugreifen? Wie und von wem wird Einfluss genommen auf Entscheidungen des Sicherheitsrates? Und macht sich die UN zu einem willfährigen Instrument mächtiger Länder? Carla Del Ponte, viele Jahre Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofes, berichtet von ihrer jahrelangen Arbeit als hochrangige UNO-Diplomatin und fordert in ihrem flammenden Plädoyer die Durchsetzung des Völkerrechts, notwendige Reformen der UN sowie eine aktive Rolle der EU.

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FALTER-Rezension

„Ich habe niemals mit den Opfern geweint“

Carla Del Ponte war Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofes für die Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien sowie für den Völkermord in Ruanda und untersuchte für die Vereinten Nationen Menschenrechtsverletzungen im Krieg in Syrien. Jetzt ist ihr Buch „Ich bin keine Heldin! Mein langer Kampf für Gerechtigkeit“ erschienen. Im Interview spricht sie über das Scheitern der USA in Afghanistan, wie Slobodan Milošević sie mit Blicken töten wollte, weshalb sie bereit war, für die Gerechtigkeit ihr Leben zu riskieren, und warum sie jetzt Golf spielt, anstatt Kriegsverbrecher zu jagen.

Falter: Frau Del Ponte, mit der erneuten Machtübernahme der Taliban endet in Afghanistan eine 20-jährige Militärintervention in einem Fiasko. Wie schätzen Sie die Lage am Hindukusch ein?

Carla Del Ponte: Was sich derzeit in Afghanistan abspielt, ist eine große Tragödie, die sich sicher noch weiter zuspitzen wird. Wir dürfen den Versprechungen der Taliban, dass sie keine Schreckensherrschaft errichten wollen, keinen Glauben schenken. Viele unschuldige Zivilisten werden sterben, und das tut mir unendlich leid. Europa und Amerika müssen jetzt für Menschen, die vor dem Unrechtsregime fliehen müssen, die Türen öffnen.

Wer ist für die Eskalation der Lage verantwortlich?

Del Ponte: Die Amerikaner trifft eine große Schuld! Man musste kein Afghanistan-Experte sein, um wissen zu können, dass ein überstürzter Truppenabzug zu einer erneuten Machtergreifung der Taliban führen würde. Es ist eine Schande, dass es in 20 Jahren nicht gelungen ist, Demokratie und Frieden ins Land zu bringen. Präsident Biden hat gesagt, dass dies gar nicht das Ziel der Intervention gewesen sei, sondern es lediglich darum gegangen sei, Terroristen zu bekämpfen. Und dies sei – so Biden – gelungen. Aber der fürchterliche Anschlag am Flughafen in Kabul zeigt, dass nicht mal dieses Minimalziel erreicht wurde. Es ist eine Schande!

In Syrien herrscht seit über zehn Jahren Krieg. Die Konfliktparteien haben Streubomben und Giftgas eingesetzt, Tausende sind gestorben, Millionen Menschen sind auf der Flucht. Glauben Sie, dass Assad und die anderen Akteure dieses Krieges jemals für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden?

Del Ponte: Nein! Denn jedes Mal, wenn die Welt etwas gegen Assad unternehmen möchte, legt Russland im UN-Sicherheitsrat sein Vetorecht ein. Allerdings: Kriegsverbrechen verjähren nicht. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass sich der politische Wille der Staaten eines Tages ändert und man die Verantwortlichen doch noch zur Rechenschaft ziehen wird. Deshalb habe ich immer noch eine kleine Hoffnung, dass den vielen Opfern eines Tages Gerechtigkeit widerfahren wird. Jedoch nicht in absehbarer Zeit. Es ist auf der ganzen Welt eine schlechte Zeit für Menschenrechte und die internationale Justiz. Leider, leider, leider!

Sie wollten dazu beitragen, dass die Kriegsverbrechen in Syrien nicht ungesühnt bleiben. Doch nach sechs Jahren sind Sie als Mitglied einer UN-Untersuchungskommission zurückgetreten. Warum?

Del Ponte: Weil ich einfach genug hatte! Wir haben uns darum bemüht, dass ein internationaler Gerichtshof für die in Syrien begangenen Kriegsverbrechen gegründet wird. Doch es ist absolut nichts geschehen! Wie so oft fehlte der politische Wille der internationalen Gemeinschaft. So konnte ich nicht mehr weitermachen. Ich wollte mit meiner Mitarbeit in der Kommission der Welt und der UNO nicht länger ein Alibi bieten, nichts für die Aufarbeitung der in Syrien begangenen Verbrechen zu tun. Hinzu kam, dass ich auch innerhalb der Kommission Schwierigkeiten hatte. Ich war proaktiver als die anderen Mitglieder. Meine Kündigung sollte ein Zeichen des Protestes sein. Ich hatte gehofft, dass sie etwas bewirken würde. Zwar hat die ganze Weltpresse über meinen Rücktritt berichtet, aber leider hat er nichts bewirkt. Es gibt immer noch keinen internationalen Strafgerichtshof für Syrien.

Sie waren Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofes für die Verbrechen im ehemaligen Jugoslawien und für den Völkermord in Ruanda. Was haben Sie empfunden, als Sie das erste Mal dem ehemaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milošević gegenübertraten?

Del Ponte: Er verhielt sich stolz, überheblich, respektlos und zurückweisend und sagte mir, dass er den Gerichtshof und mich als Chefanklägerin nicht anerkenne. Hätten Blicke töten können, wäre ich gestorben, als er mich im Gerichtssaal anschaute. Zu Beginn der Verhandlungen hat der Vorsitzende Richter ihn immer gefragt: „Wie geht es Ihnen, Herr Milošević? Wie fühlen Sie sich? Bekommen Sie genug zu essen? Sind Sie zufrieden mit Ihrer Zelle?“ Das hat mich wütend gemacht. Es hat mich nicht interessiert, wie es Milošević ging. Mich hat interessiert, welche Verbrechen er verübt hat.

Wie war Milošević als Angeklagter?

Del Ponte: Er war schlau und hat sich selber verteidigt, obwohl der Gerichtshof ihm drei Verteidiger zur Seite gestellt hat. Aber er wollte sich selbst verteidigen, denn nur so konnte er sprechen. Er wollte die ganz große Bühne, um seine politischen Botschaften zu verkünden, und die ganze Welt sollte zusehen. Leider waren die Richter sehr nachgiebig und haben ihn sehr lange sprechen lassen. Milošević war gut darin, Belastungszeugen zu befragen. Er spielte sich dabei immer noch als Präsident auf, und die armen Zeugen haben dem Druck nicht immer standgehalten und ihre Aussagen teilweise zurückgezogen.

Milošević starb, bevor es zum Urteil kam, in seiner Zelle. Was haben Sie empfunden, als Sie von seinem Tod erfuhren?

Del Ponte: Ich war sehr wütend! Die Opfer und Hinterbliebenen würden so nicht mehr erleben, dass Milošević für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen würde. Hinzu kam: Es ärgerte mich, dass Milošević so einen gnädigen, so einen milden Tod geschenkt bekam. Er ist einfach eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht.

Milošević starb vor der Urteilsverkündung, aber andere Kriegsverbrecher sind nach Ihren Anklagen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Hat Ihnen das persönliche Genugtuung verschafft?

Del Ponte: Ja, sicher! Es war der beste Lohn für unsere Arbeit. Manchmal knallten die Champagnerkorken. Aber vor allem habe ich mich für die Opfer gefreut. Ich musste dann oft an die Frauen von Srebrenica denken, die bei einem der schrecklichsten Massaker im Jugoslawien-Krieg ihre Söhne, Männer und Väter verloren hatten. Sie wollten mit mir sprechen. Also habe ich sie in Sarajewo getroffen und vielen von ihnen die Hand geschüttelt. Ich sah in ihren Augen das unermessliche Leid, das sie erlitten hatten. Sie sagten mir: „Wir wollen Gerechtigkeit. Wir wollen, dass Milošević verurteilt wird.“ Ich fühlte mich vor diesen Frauen sehr klein, aber ich habe ihnen versprochen, dass ich mein Bestes geben werde, um ihren Wunsch zu erfüllen.

Sie haben nicht nur mit den Frauen von Srebrenica gesprochen, Sie haben auch Massengräber und ungezählte Leichen gesehen. Was hat es mit Ihnen als Mensch gemacht, immer wieder mit diesen monströsen Verbrechen konfrontiert zu werden?

Del Ponte: Aus den persönlichen Gesprächen mit den Opfern habe ich stets die Motivation geschöpft, mich voll und ganz für sie und die Gerechtigkeit einzusetzen. Aber ich habe niemals mit den Opfern geweint. Niemals! Ich habe bei diesen Treffen nie irgendwelche Gefühle zugelassen. Ich hatte immer nur im Kopf, wie ich die Täter verhaften kann und was ich in die Anklageschrift schreibe. Dazu brauchte ich einen klaren Kopf und keine Gefühle. Ich habe in meinem Job schreckliche Dinge gesehen: Massengräber, deren Gestank nach verwesenden Leichen Sie nie wieder aus den Klamotten bekommen. Leichenhallen, in denen Autopsien von Opfern von Massakern durchgeführt wurden. Aber ich musste dabei nie gegen die Tränen oder meine Gefühle kämpfen. Ich hatte schlichtweg keine Gefühle. Das hat mir sehr geholfen, gut arbeiten und gut schlafen zu können. Ich hatte nie Albträume. Meine emotionale Distanz war die Voraussetzung dafür, dass ich den Job so lange machen konnte. Manche meiner Kolleginnen und Kollegen waren nach ein, zwei Jahren emotional so fertig, dass sie nicht mehr weitermachen konnten. Ich habe den Job acht Jahre und drei Monate gemacht.

Was unterscheidet einen für Kriegsverbrechen angeklagten Präsidenten auf der Anklagebank von einem gewöhnlichen Kriminellen?

Del Ponte: Juristisch eigentlich nichts, de facto jedoch sehr viel. Gewöhnliche Kriminelle haben ein, zwei oder drei Menschen getötet, ein italienischer Mafioso hat vielleicht bis zu zehn Menschen auf dem Gewissen. Aber Milošević trug die Verantwortung dafür, dass Tausende gefoltert und getötet wurden. Trotz dieser enormen Schuld treten Kriegsverbrecher – wie Milošević – vor Gericht meist nicht wie zerknirschte Angeklagte, sondern als selbstbewusste Machtmenschen auf.

Kriegsverbrecher zeigen keine Reue?

Del Ponte: Von allen Angeklagten des Jugoslawien-Tribunals hat nur einer echte Reue gezeigt. Die anderen sahen sich als Helden, die sich für ihre Missionen aufgeopfert haben. Es gab zwar einige Geständnisse, aber die meisten Angeklagten sind die Menschen geblieben, die sie waren, als sie die Verbrechen begingen. Aber wenn sie jetzt 20 Jahre oder mehr absitzen, haben sie genug Zeit, über das nachzudenken, was sie getan haben.

Auf Sie ist ein Sprengstoffanschlag verübt und geschossen worden. Ist der Kampf für Gerechtigkeit es wert, sein eigenes Leben zu riskieren?

Del Ponte: Ich habe mir immer gesagt: Sterben müssen wir alle. Irgendwann. Natürlich hoffen wir, dass es möglichst spät sein wird. Aber warum soll ich mich davon beeinflussen lassen, dass man vielleicht versucht, mich zu töten? Ich hatte nie Angst. Ich war unter Polizeischutz und habe immer darauf vertraut, dass die Bodyguards und Polizisten ihren Job gut machen. Nur ein einziges Mal, in Belgrad, hatte ich ein komisches Gefühl. Wir waren auf einer gesperrten Autobahn mit einem Konvoi auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt. Es gab drei identische Wagen. Potenzielle Attentäter sollten nicht wissen, in welchem Wagen ich saß. Aber was mich gestört hat, war, dass am Ende des Konvois ein Krankenwagen fuhr. Darin hätte ich sofort behandelt werden können, wenn auf mich geschossen worden wäre. Das hat mir die Bedrohungslage konkret vor Augen geführt. Zum Glück haben wir den Krankenwagen nicht gebraucht.

Den Krankenwagen und die Bodyguards brauchten Sie, weil Sie bei Kriegsverbrechern die wohl am meisten gefürchtete Frau der Welt waren. Jetzt sind Sie im Ruhestand und spielen Golf. Fehlt Ihnen manchmal etwas?

Del Ponte: Nein, überhaupt nichts! Die Bodyguards haben mich zwar nie besonders gestört, weil ich ohnehin immer gearbeitet habe. Dennoch ist es eine Befreiung, dass ich sie nicht mehr brauche. Ich kann jetzt einfach machen, was ich will. Jetzt, da ich endlich mehr Zeit für mich selbst habe, fühle ich mich sehr wohl. Und Golf ist für mich eine große Herausforderung! Es ist wirklich sehr schwierig, gut Golf zu spielen. Sie lachen!

Nein, ich lache nicht! Ich glaube Ihnen das. Aber ich kann es nicht beurteilen. Ich habe noch nie Golf gespielt.

Del Ponte: Eben! Dann sollten Sie es mal ausprobieren. Dafür müssen Sie einen klaren Kopf haben und körperlich fit sein. Darum mache ich auch immer Gymnastik, damit ich noch möglichst lange Golf spielen kann. So richtig angefangen habe ich mit dem Sport, als ich nach meiner Tätigkeit als Chefanklägerin Botschafterin der Schweiz in Argentinien war. Als Botschafterin hat man ziemlich viel Zeit zum Golf spielen.

Als Sie noch nicht Botschafterin waren, haben Sie allerdings so viel gearbeitet, dass Sie Ihr Familienleben Ihrem Kampf für Gerechtigkeit und Ihrer Karriere untergeordnet haben. Ihr Sohn ist bei seiner Großmutter aufgewachsen. Würden Sie das heute wieder so machen?

Del Ponte: Damals ging es nicht anders, und es fühlte sich richtig an. Außerdem habe ich meinen Sohn jedes Wochenende gesehen. Und jetzt habe ich viel Zeit für seine Kinder, meine Enkelkinder. Sie sind acht und sieben Jahre alt.

Heute sind Sie Oma, kümmern sich um Ihre Enkel, spielen Golf und Bridge. Doch in der Welt passieren nach wie vor schwerste Verbrechen, die ungesühnt bleiben. Können Sie damit gelassen umgehen?

Del Ponte: Ich habe mein Leben lang für die Gerechtigkeit gekämpft. Ich habe alles getan, was ich konnte. Und ich muss gestehen, dass ich gehofft hatte, viel mehr zu bewirken. Aber jetzt sollen sich andere darum kümmern und meine Arbeit fortsetzen. Ich hoffe, dass es so eines Tages in der Welt gerechter zugehen wird.

Philipp Hedemann in Falter 35/2021 vom 03.09.2021 (S. 18)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783864891137
Erscheinungsdatum 07.06.2021
Umfang 176 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Wirtschaft
Format Taschenbuch
Verlag Westend
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