Der symbiotische Planet oder Wie die Evolution wirklich verlief

von Lynn Margulis

€ 20,60
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Nachwort von: Peter Berz
Verlag: Westend
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Natur, Technik/Natur, Gesellschaft
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 09.02.2018


Rezension aus FALTER 11/2018

Basiert Evolution auf Selektion oder Symbiose?

Evolution: Lynn Margulies’ 20 Jahre alte Studie über den „symbiotischen“ Planeten ist immer noch spannend



Die Ansichten, die Ihr Euch über Darwinismus, Evolution und den Kampf ums Dasein zu eigen gemacht habt, werden Euch den Sinn des Lebens nicht erklären, und sie werden keine Leitlinie für Euer Handeln sein; ein Leben ohne Erklärung seines Sinns und seiner Bedeutung und ohne die verlässliche Führung, die sich daraus ergibt, ist eine erbärmliche Existenz.“ Dies schrieb der im Sterben liegende Leo Tolstoi im November 1910 an seine beiden Kinder. Fast 160 Jahre nach Veröffentlichung seines Hauptwerks „Über die Entstehung der Arten“ wird Darwins Theorie, die den Wettbewerb zwischen allen Lebewesen zum Prinzip erhob, immer noch missverstanden und kontrovers diskutiert.

Lynn Margulies, einer 2011 verstorbenen US-Professorin für Biologie, erging es am Anfang ihrer Karriere ähnlich wie Darwin. Als sie Ende der 1960er-Jahre die Theorie vertrat, dass Zellen von Menschen und Tieren das evolutive Ergebnis einer symbiontischen Beziehung von Bakterien sind, wurde sie scharf kritisiert und verlacht.



Ihre Endosymbionten-Hypothese wurde als Widerspruch zur vorherrschenden Sicht gesehen, dass Evolution ausschließlich durch zufällige Mutation und Selektion der Organismen angetrieben wird. Im Gegensatz dazu argumentierte Margulies, dass Symbiose, also die Vergesellschaftung von Individuen unterschiedlicher Arten, die für beide Partner von Vorteil ist, eine treibende Kraft der Evolution sei. Aus ihrem Studium der Mikroorganismen destillierte sie eine neue Sichtweise auf die Entstehung des Lebens und hinterfragte dabei eingefahrene Denkweisen und soziale Konstruktion. Ihre Erkenntnisse zum Leben auf diesem Planeten hat sie in dem 1998 erschienen Buch „Symbiotic Planet“ dargestellt, das hier nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt.

20 Jahre sind eine lange Zeit für ein Sachbuch, und gerade auf diesem Gebiet haben Erkenntnisse der Forschung, etwa zur Epigenetik, unser Bild der Mechanismen der Evolution verändert. Der Anspruch des Untertitels „Wie Evolution wirklich verlief“ muss daher unter Berücksichtigung des Erscheinungsjahres gesehen werden. Man sollte das Buch also als Einblick in den ideengeschichtlichen Wandel der Na-turwissenschaft lesen. Der Westend Verlag brachte es ganz bewusst jetzt heraus, um in Zeiten eines neoliberalen Umbaus der Gesellschaft einen anderen, positiven und kooperativen Blickpunkt auf die allem Leben zugrundeliegende Beziehung zu geben.

Auch Ende der 1960er-Jahre fanden große soziale Veränderungen in der Nachkriegsgesellschaft statt, die autoritäre Strukturen und martialische Konfrontationen zu überwinden versuchte. Lynn Margulies’ Theorie, dass nur durch Kooperation verschiedener, urtümlicher Lebensformen komplexe Organismen bis hin zum Menschen entstehen konnten, passte damals genau zu dem sich abzeichnenden Wechsel der Paradigmen.



Und auch schon 100 Jahre davor haderte die noch junge Reformbewegung des Sozialismus mit Darwins Doktrin vom „Kampf ums Leben“. In den artenreichen Tropen, wo die Evolutionstheorie ihre Beispiele fand, gibt es tatsächlich mehr Wettbewerb zwischen den einzelnen Individuen um vorhandene Ressourcen. Der Adelige und Anarchist Pjotr Kropotkin beschrieb aber andere Mechanismen zwischen den Lebewesen in einer feindlichen, vom Permafrost bedrohten Umwelt in seinem Buch „Mutual Aid“ („Gegenseitige Hilfe“, 1902). Ähnlich wie Margulies fokussierte er vor allem die wechselseitige Unterstützung der Organismen, die, wie er meinte, zu Evolutionserfolg führen würden.

Kropotkin war überzeugt, dass kooperative Arten auch am höchsten evoluiert wären, und führte als Beispiel den Ameisenstaat bei den Insekten an. Der Evolutionsbiologe Stephan Jay Gould schrieb dazu: „Zu moralischen Erkenntnissen gelangt man nicht durch (wissenschaftliche) Abkürzungen.“ Fazit: Ein interessantes Buch, das man heute wieder lesen sollte, ohne sich aber zu erwarten, damit die neuesten Erkenntnisse der Evolutionsforschung zu erfahren.

Peter Iwaniewicz in FALTER 11/2018 vom 16.03.2018 (S. 43)


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