Vertrauter Fremder

Ein Leben zwischen zwei Inseln
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Stuart Halls Vermächtnis: Lebensgeschichte als Politik des Kulturellen
Er war ein gewitzter, höchst souveräner Erzähler, der ­international berühmte Soziologe ­Stuart Hall – in ­diesem Buch tritt das deutlich zutage. Als ­linker Theore­tiker rückte er stets das gesellschaftliche Ganze in den Blick. Hall war ein Begründer der Cultural Studies, um das Alltagsleben als umkämpften Ort sichtbar zu machen, an dem um die Köpfe und Herzen der Menschen gerungen wird. Er analysierte das Wechselspiel von Ideologie, Identität und Repräsentation, hinterfragte linke Politikversuche, nahm die Wirkungsweisen von Hegemonie unter die Lupe, verfasste Studien zur Medien- und Massenkultur, zu Rassismus und zur Neuen Rechten.
Hier kommt nun seine autobiografisch verknüpfte ­Lebens- und Weltbetrachtung, die in England hymnische Kritiken erhielt. Der Sprung von Jamaika nach England, die Aneignung von Literatur und Jazz, die Wurzeln der politischen Existenz: Eine Reihe von Interviews legte den dialogischen Grundstein, auf dem Stuart Hall dieses Buch erarbeitete. Sein Gesprächspartner, Freund und editorischer Begleiter für das gesamte Projekt war Bill Schwarz, der das Werk posthum abschloss.
Das Ergebnis ist eine energiegeladene Sinfonie aus politischer Kolonial- und Kultur­geschichte des 20. Jahrhunderts und autobiografischer Erzählung. Sie zeigt den Lebensweg eines ernstlich Suchenden, nie Auf­gehobenen, ein Leben zwischen zwei Inseln in jedem Sinn. Stuart Hall erzählt warm und geschmeidig, mit dem charismatischen Gestus eines souveränen, scharf politisch denkenden Forschers und Lehrers, changierend zwischen Erfahrung und Aufklärung, ­Theoriebildung und geschichtsbewusster Prosa.

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FALTER-Rezension

Identität? Nein, danke!

Eine der seltsamen Eigenschaften unserer Zeit ist, dass umso mehr von „kultureller Identität“ die Rede ist, je weniger es davon gibt. Die radikalen Rechten wollen explizit die „Kulturen“ auseinanderhalten, linke Identitätspolitik hält eine Äußerung für unangreifbar, sobald sie etwa vom Standpunkt einer diskriminierten Identität aus geäußert wird.

Beide tappen in die Falle eines Identitätsbegriffes, „der dazu neigt, die Verbundenheiten mit den Ursprüngen besonders zu betonen und Kontinuität, Beständigkeit und unveränderliche Verwurzelung unterstellt“. So formuliert das Stuart Hall in seinen Lebenserinnerungen. „Vertrauter Fremder – Ein Leben zwischen zwei Inseln“. 82-jährig ist Hall vor sechs Jahren verstorben, die Autobiografie ist posthum im Frühjahr erschienen, ebenso wie der Essayband „Das verhängnisvolle Dreieck“.

Hall war zeitlebens der womöglich global prägendste Denker „postkolonialer Theorie“ und luzider Analytiker von Mosaik-Identitäten. In dieser atemberaubenden Autobiografie wird klar, wie sehr ihm das von Kindestagen an in die Wiege gelegt war.

Zunächst waren die westindischen, karibischen Inseln seit Jahrhunderten Orte ethnischer Mischung. Der britische Kolonialismus etablierte ein Klassensystem, in dem es zwischen den weißen, kolonialen Oberschichten und den ehemals versklavten, schwarzen Unterschichten koloniale Funktionseliten schwarzer Jamaikaner gab, die zu so etwas wie einer Mittelschicht aufgestiegen waren.

Das Erziehungssystem war britisch, sodass die kulturellen Codes des britischen Schulsystems einfach den jamaikanischen Verhältnissen übergestülpt wurden.

Britishness ist kulturelle Fortschrittlichkeit, mit dieser Selbstverständlichkeit wuchs Hall auf. Als der junge Stuart Hall dann die westliche kulturelle Moderne entdeckte, war er fasziniert von der radikalen Avantgarde, rebellierte gegen die „koloniale Ordnung“, war aber zugleich mit der Arroganz der „Idee der Moderne“ konfrontiert, die Aufklärung, philosophische und literarische Errungenschaften des Westens als Gipfel des Fortschritts ansah, alle nichtwestlichen Kulturen dagegen als „unzivilisiert“.

Er lebte in einer Welt des Dazwischen. Erst recht, nachdem er mit einem Stipendium nach England ging. Stets begleitete ihn das Bewusstsein der Differenz: „Oft war ich die einzige schwarze Person im Raum“, schreibt er über seine Zeit in Oxford.

Als dann kurz nach seiner Ankunft in einer ersten großen Migrationswelle karibische Arbeitsmigranten nach England kamen, begegnete er einer Unterschicht von „Landsleuten“, mit denen er daheim nichts zu tun hatte. Schnell kam ein ganz neuer Rassismus auf, der nicht nur mit „Race“ und Fremdheit zu tun hatte, sondern mindestens so viel mit Klasse, also Armut.

Retrospektiv sieht sich Hall, der ab den 60er-Jahren zu einer Zentralfigur der Neuen Linken wurde, als „Historiker der Gegenwart“, der alle Begriffe auseinandernimmt, die nicht mehr stimmen. Rasse, Ethnie, Nation. Alles hohl gewordene Phrasen. Schwarze Haut ist ein mächtiger Marker von Differenz, auch wenn wir hundertmal intellektuell erklären, dass es Menschenrassen nicht gibt.

Das Wort Ethnizität ist schnell gebraucht, aber hat ein Austrotürke, der in Ottakring aufwächst, mit türkischem Fernsehen, amerikanischem Rap, wienerischer Sprache, saudischem Islam und Turnschuhen aus Asien eine „Ethnizität“, und wenn ja, welche? Vielleicht hat er ja eine subjektive Identität, aber dann eine, die eigentlich das Gegenteil von Identität ist – denn sie kann übermorgen schon wieder anders geformt sein.

Robert Misik in Falter 42/2020 vom 16.10.2020 (S. 17)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783867541091
Ausgabe Erstauflage
Erscheinungsdatum 02.03.2020
Umfang 304 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Biographien, Autobiographien
Format Hardcover
Verlag Argument Verlag mit Ariadne
Übersetzung Ronald Gutberlet
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