Gewalt erklären!

Plädoyer für eine entdeckende Prozesssoziologie
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Gewalt ist ein soziales Ereignis, das alltäglich ist, auch wenn sich Regionen der Welt mitunter massiv in ihren Gewaltniveaus unterscheiden. Und doch wird Gewalt – zumindest in den westlichen Gesellschaften – als Rätsel oder exotisches Geschehnis wahrgenommen, mit Auswirkungen, die selbst noch in den Sozialwissenschaften zu beobachten sind. Denn die Gewaltforschung tut sich einigermaßen schwer, Gewalt zu erklären, wenn nicht sogar der Versuch der Erklärung dezidiert zurückgewiesen wird.
Erklärungen, die jeweils bei den Motiven von Akteuren, bei situativen Interaktionsdynamiken oder gesellschaftlichen Bedingungskonstellationen ansetzen, können allein nicht überzeugen. Die Autoren schlagen vor, an prozessualen Erklärungen von Gewalt zu arbeiten, die den Blick auf die Vorgänge der Verursachung richten, um so der wissenschaftlichen Diskussion um Gewalt einen neuen methodischen Impuls zu geben.

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FALTER-Rezension

Auf der Suche nach den Prozessen hinter der Gewalt

Zwei Soziologen fragen nach den Ursachen und Ausformungen von Gewalt – mit einem schlüssigen und frischen Zugang

Gewalt: Was ist sie, wie entsteht sie, wie realisiert sie sich, und wie sollte sie wissenschaftlich erforscht werden? Die einfachsten Antworten mikrosoziologischer und kriminologischer Studien etwa behandeln diese schwierige Frage, indem sie Gewalt einfach zu sozialstatistisch ermittelten Grundtatbeständen (Armut, Herkunft, Bildung, Religion) als Variablen ins Verhältnis setzen und im Handstreich zum Schluss gelangen, dass arme, ausländische, wenig gebildete oder muslimische Menschen öfter oder stärker zu Gewalt neigen als besserverdienende, deutsche, gebildete oder christliche Bürger. Solche demoskopischen, feuilleton- und vulgärsoziologischen Improvisationen verkennen, dass der Zusammenhang zwischen Gewalt und Armut entschieden komplizierter ist, als es solch grobianische Kausalvermutungen glauben machen wollen.

Einzelne Gewaltforscher, wie Jan Philipp Reemtsma, der Gründer des Hamburger Instituts für Sozialforschung, ziehen daraus den resignativen Schluss, Gewalt könne man nicht erklären, sondern allenfalls beschreiben. Andere Soziologen, wie der Amerikaner Randall Collins, empfehlen dagegen ein reduktives Verfahren. Sie untersuchen und erklären Gewalt nicht mehr auf der Ebene der Gesellschaft, sondern nur noch im sozialen Mikrokosmos. Beide Antworten verwerfen die Autoren Thomas Hoebel und Wolfgang Knöbl und halten an der Möglichkeit von und Verpflichtung zu historisch-politischer Aufklärung über Gewalt in ihrer subtilen Kritik an beiden Ansätzen fest.

Wenn es um die Ursachen und die Erklärung von Gewalt geht, arbeiten Soziologen mit drei Arbeitshypothesen oder Methoden. Die einen zielen auf die Motive der Täter ab, andere untersuchen Gewalt nur im empirisch leicht zugänglichen, weil direkt beobachtbaren Nahbereich. Die dritte Hypothese untersucht Konstellationen wie Bürgerkriege, die Gewaltanwendung ermöglichen. Alle drei Hypothesen – Motiv-, Situations- und Konstellationsansatz – führen zu Zirkelschlüssen und in Sackgassen und lassen bei der Frage nach den Ursachen von Gewalt mehr offen, als sie erklären. Der momentan sehr beliebte Ausweg, Gewaltursachen nicht mehr zu erklären, sondern diese durch „Erzählungen“ zu ersetzen, ist noch weniger aussichtsreich und führt schnurstracks in den intellektuellen Sumpf der Beliebigkeit, zu „Narrativen“, von denen es mindestens so viele gibt wie potenzielle Erzähler.

Hoebel und Knöbl empfehlen eine Alternative – das prozessuale Erklären von Gewalt. Zur Grundstruktur von Gewaltanwendung gehört ihr temporaler Charakter, ihr zeitlicher Verlauf, was nicht trivial, sondern folgenreich ist. Gewalt fällt nicht vom Himmel, aber Täter sind bei ihren Taten auch nicht unbedingt und nicht hauptsächlich von sozialen Prägungen gesamtgesellschaftlicher Art bestimmt.

So war unter den Mörderbanden von Hitlers Einsatzgruppen, die in Osteuropa systematisch Juden umbrachten, nur eine Minderheit eingefleischte Antisemiten. Die minutiöse Rekonstruktion des Ablaufs der Morde, der enorme Druck auf die Täter, die Erwartungen der mörderischen Organisation an ihre Mitglieder zu erfüllen, die wechselseitige Beobachtung und Kontrolle der Täter sowie die Beschränktheit der Alternativen zum befohlenen Mord bieten ein Mehr an Erklärungspotenzial. Die minutiöse Rekonstruktion und Kontextualisierung solcher Gewaltsituationen ermöglichen entschieden plausiblere Erklärungen für die Auslösung von Gewaltdynamiken und Gewaltspiralen. Dem aufklärenden Buch, das frischen Wind in eine öde Debatte über Gewalt und Gewaltursachen bringt, sind viele Leser zu wünschen.

Rudolf Walther in Falter 7/2020 vom 14.02.2020 (S. 22)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783868543353
Erscheinungsdatum 23.09.2019
Umfang 224 Seiten
Genre Soziologie/Soziologische Theorien
Format Hardcover
Verlag Hamburger Edition, HIS
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