Die Bodenfrage

Klima, Ökonomie, Gemeinwohl
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Wir leben auf und mit dem Boden. Er ernährt uns und kühlt die Atmosphäre. Wir brauchen ihn zum Wohnen, nutzen ihn in der Freizeit und für die Arbeit – ohne freien Zugang zum Boden ist unser Wirtschaftsmodell nicht denkbar. Seit der Weltfinanzmarktkrise ändert sich dies. Da sich konservative Geldanlagen nicht mehr rentieren, haben sich unsere Böden zu begehrten, international nachgefragten Anlageobjekten entwickelt. Steigende Mieten sind ein Symptom dafür. Im Kern geht es aber um weit mehr: In Frage stehen die soziale Marktwirtschaft und der Erfolg im Umgang mit dem Klimawandel. Den Hauptteil des Buches bildet ein Manual, in dem mit anschaulichen Grafiken 36 Aspekte der Bodenfrage in den Teilbereichen Klima, Ökonomie und Gemeinwohl beleuchtet werden. In fünf Essays und einem Interview stellen namhafte Autor*innen Querbezüge her und zeigen Lösungsansätze für eine der dringlichsten Fragen unserer Gegenwart auf.

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FALTER-Rezension

Mehr als Bauland und Spekulationsobjekt

Warum werden die Mieten in Wien und Berlin immer ­teurer? Warum baut man Luxus-Chalet-Dörfer in Tiroler Naturschutzgebieten? Warum diskutieren wir über die Ökobilanz von Einfamilienhäusern? Warum stehen so viele Häuser in Ortskernen leer, während am Rand die Gewerbegebiete wuchern? Alle diese Fragen sind Teil desselben Problems, und das heißt: Boden. Es ist ein Thema, das jeder kennt, das jeden betrifft, die Bühne, auf der all dies passiert, aber gleichzeitig ist es ein Phantom. Der Begriff „Boden“ ist abstrakt und konkret zugleich. Man kann ihn landwirtschaftlich, raumplanerisch, ökologisch und politisch deuten. Der Boden ist Unterlage fürs Bauen, CO2-Speicher, Garant für Biodiversität, und – in Corona-Zeiten wieder ins Blickfeld gerückt – Grundlage für die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln. Seit der Finanzkrise 2008 und der bis heute andauernden Niedrigzinspolitik ist der Boden auch weltweites Spekulationsobjekt Nummer eins.

Doch jetzt ist der Boden plötzlich präsent. Zwei Ausstellungen zum Thema Boden haben viel Beachtung gefunden, die dazugehörigen Publikationen bieten einen Einstieg in eine aktuelle und akute Diskussion. Die Schau „Boden für alle“ am Architekturzentrum Wien (Az W) ist noch bis zum Sommer zu sehen, der dazugehörige Katalog reichert die Inhalte mit zusätzlichen Informationen an. Beiden gelingt es vorbildhaft, ein sprödes Thema verständlich, sogar unterhaltsam, aufzubereiten. Eine Fülle an Daten wird in plakativen Grafiken visualisiert, die an Otto Neuraths bahnbrechendes Infografik-Werk der 1920er-Jahre erinnern.

Gegliedert in konzise Kapitel, werden verschiedene Aspekte des Bodens behandelt, die Datengrafiken bildhaft ergänzen: Plakativ-provokant werden österreichische Landschaftsklischees und die traurige Kreisverkehr-Realität gegenübergestellt, und die Frage, wer wie und warum im undurchsichtigen Dreieck zwischen Bürgermeistern, Investoren und Planern Spekulationsgewinne macht, wird durch Bildstrecken im Stil von Bravo-Foto-Lovestorys illustriert. Doch auch die von den Kuratorinnen Karoline Mayer und Katharina Ritter erhobenen und gezielt ausgewählt Daten schlagen mit dramaturgischem Effekt ein. Beispiel: In Kitzbühel steigt der Quadratmeterpreis bei der Umwidmung von Grün- in Bauland von 10,68 auf atemberaubende 1712,70 Euro. Manche werden so über Nacht zu Millionären, ohne einen Finger rühren zu müssen. Leistungsloses Einkommen – eigentlich das Gegenteil von Marktwirtschaft. Trotzdem gilt es als normal.

Dank dieser pointierten Darstellungen wird sofort offensichtlich, wie ungerecht und absurd das scheinbar Selbstverständliche ist. Gewinne werden privatisiert, die Kosten trägt die Allgemeinheit, und dank des „Baulandparadoxons“ wird immer mehr Bauland ausgewiesen, obwohl wir längst mehr als genug davon haben – weil dessen Besitzer es horten. Die Kuratorinnen und Autoren scheuen sich nicht, die Systemfrage zu stellen und die Auswüchse des Kapitalismus für die Misere verantwortlich zu machen. Denn es ist klar, dass diese Ungerechtigkeit nicht naturgegeben ist. Wie auf der mit Infos dichtgepackten Zeitleiste im Buch ersichtlich, ist unser Umgang mit Boden immer das Ergebnis politischen Willens. Berüchtigt, aber immer noch oft vergessen: der Landraub der „commons“ im vorindustriellen England, als die Großgrundbesitzer sich sukzessive und landesweit Allgemeinflächen unter den Nagel rissen.

Die im Buch vorgestellten Gegenstrategien sind ein bunter Mix: von Städten wie Basel und München, die Grundbesitzern und Investoren bei Widmungsgewinnen handfeste Abgaben abverlangen, bis zum Vorarlberger Verein Bodenfreiheit, der gezielt kleine Grünland-Grundstücke im Rheintal erwirbt, um damit den gierigen Verwertungsdruck mit den eigenen Waffen zu schlagen. In Summe eine im besten Sinne populistisch aufgemachte, informationssatte Bestandsaufnahme inakzeptabler Zustände.

Dieselbe Problematik konstatiert „Die Bodenfrage – Klima, Ökonomie, Gemeinwohl“, das deutsche Äquivalent zur Publikation des Az W. „Der Boden als knappes Gut ist gleichgestellt mit reproduzierbaren Gütern, deren Verknappung durch Angebot und Marktgeschehen begegnet werden kann“, heißt es in der Einführung. Das ist die Crux, denn der Boden ist eben kein Produkt. Das kompakte, kleine Buch basiert auf einer Ausstellung an der Universität Kassel und kommt dementsprechend akademisch, bisweilen auch spröde daher.

Zielgruppe ist weniger die breite Bevölkerung als Fachleute und progressive Kräfte in Verwaltungen und Regierungen. Diese gibt es durchaus, schon 2018 richtete das deutsche Innenministerium die Expertenkommission „Nachhaltige Baulandmobilisierung und Bodenpolitik“ ein. Die in kurzen Essays ausgeführten Vorschläge, wie eine Bodenreform aussehen könnte, beschränken sich daher vor allem auf gesetzliche Stellschrauben und politische Top-down-Handlungen. Zugänglicher und konkreter sind die auf je einer Seite abgehandelten 36 Punkte des Boden-„Manuals“ in den Kategorien Klima, Ökonomie und Gemeinwohl, aufgelockert durch Piktogramme. Optisch ist das durch die durchgehend rote Schrift und Grafik auf Dauer ein etwas anstrengendes Leseerlebnis, aber als kompakte Handreichung liefert das Manual praktische Argumentationshilfen, ohne dass der Laie sich durch Berge von Paragrafen wühlen muss.

In der Rolle des Eigentums unterscheiden sich deutsches Grundgesetz und österreichische Verfassung. Im Nachbarland gilt „Eigentum verpflichtet“, hierzulande ist es ein hohes Schutzgut, was die Reformbestrebungen schwieriger macht. Doch beide Publikationen zeigen, dass hier dringender Handlungsbedarf besteht und dass das Thema Boden uns alle angeht. Venceremos!

Maik Novotny in Falter 11/2021 vom 19.03.2021 (S. 43)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783868596694
Erscheinungsdatum 17.12.2020
Umfang 144 Seiten
Genre Kunst/Architektur
Format Hardcover
Verlag JOVIS Verlag GmbH
Herausgegeben von Stefan Rettich, Sabine Tastel
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