Framers

Wie wir bessere Entscheidungen treffen und warum uns Maschinen um diese Stärke immer beneiden werden
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Wird der Mensch durch künstliche Intelligenz und Robotik überflüssig? Cukier, Mayer-Schönberger und de Véricourt belegen, warum diese Sorge unbegründet ist. Der menschliche Geist besitzt die einzigartige Fähigkeit, über Framing eigene Deutungsmuster zu erstellen, etwa um Informationen einzuordnen, Vorhersagen über die Zukunft zu treffen und auf ganz neue Lösungswege zu stoßen.
Die Autoren beschreiben, wie Framing funktioniert, warum der Ratschlag, »out of the box« zu denken, nutzlos ist und wieso Spotify und nicht Apple das Musikerlebnis revolutioniert hat. Und warum es ein Framing-Desaster war, COVID-19 mit der saisonalen Grippe gleichzusetzen. Framers zeigt uns nicht nur, wie wir im Zeitalter der Algorithmen bessere Entscheidungen fällen können, sondern auch, wie Framing das menschliche Überleben im Zeitalter der Maschinen und Unruhen sichert.

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FALTER-Rezension

"Meinungs-Monokulturen sind immer gefährlich"

Wie kann eine faire und friedliche digitale Welt aussehen? Big-Data-Experte Viktor Mayer-Schönberger über künstliche Intelligenz, die keine ist, die Vorteile von Datennutz statt Datenschutz und die Gefahr der "False Balance"

Obwohl Viktor Mayer-Schönberger seit zwei Jahrzehnten in England lehrt und forscht, kommt das Salzburgerische bei ihm durch, wenn er emotional wird. Und das passiert ihm oft, etwa wenn es um die Rohheit in den sozialen Medien geht.

Falter: Ihr aktuelles Buch heißt "Framers" und der Untertitel ist verheißungsvoll: "Wie wir bessere Entscheidungen treffen und warum uns Maschinen um diese Stärke immer beneiden werden." Was macht Sie so sicher, dass die künstliche Intelligenz uns Menschen niemals einholen wird?

Viktor Mayer-Schönberger: Der Begriff künstliche Intelligenz ist schon von vornherein falsch gewählt. Dieses sogenannte maschinelle Lernen macht nichts anderes, als aus einer großen Menge an Trainingsdaten Vorhersagen zu generieren. Das funktioniert immer dann gut, wenn die Zukunft so ist, wie die Vergangenheit war. Wenn die Zukunft anders ist als die Vergangenheit, scheitert die künstliche Intelligenz. Das Spannende an uns Menschen ist, dass wir aufgrund der Fähigkeit, in gedanklichen Modellen zu denken, die Möglichkeit haben, uns zielgerichtet eine Wirklichkeit zu erträumen, die es noch nicht gibt. Das können Maschinen nicht.

Und wie treffen wir bessere Entscheidungen, als Individuen und als Gesellschaft?

Mayer-Schönberger: Am Ende des Tages hilft es nicht, wenn alle den Bundeskanzler klass finden. Sondern es hilft, wenn die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Das passiert durch zielgerichtetes Träumen. "Dreaming with constraints" heißt es auf Englisch. Menschen, die das können, nennen wir Framers. Leider sind wir bei der deutschen Übersetzung daran gescheitert, es so poetisch wie im Englischen auf den Punkt zu bringen.

Sie plädieren in Ihrem neuen Buch auch vehement für intellektuelle Vielfalt, Sie gehen mit der "Cancel Culture" hart ins Gericht, genauso wie mit der Forderung nach "Balance" in öffentlichen Debatten. Hat sich bei Themen wie Corona-Maßnahmen und Klimakrise das Meinungsspektrum zu sehr verengt?

Mayer-Schönberger: Es ist erstens wichtig, möglichst viele unterschiedliche Meinungen, unterschiedliche Standpunkte - so hat es Hannah Arendt genannt -in die Diskussion einzubringen. Nicht aus ethischen oder moralischen Gründen, sondern aus einer utilitaristischen Perspektive: Mehr Diversität, mehr Pluralismus innerhalb einer Gesellschaft führt zu besseren Entscheidungen für die Gesellschaft und macht sie damit resilienter, insbesondere in Zeiten großer Herausforderungen. Sie hilft uns als Werkzeug, zu einem besseren Ergebnis zu kommen. Die Cancel Culture auf der progressiven Seite genauso wie verschiedene Verschwörungstheorien auf der anderen Seite schränken diese Vielfalt ein. Das ist immer problematisch. Das heißt natürlich nicht, dass man denen, deren Meinung man nicht ist, die Wahrheit nicht ins Gesicht sagt.

Was stört Sie konkret am Konzept der "False Balance"?

Mayer-Schönberger: Die BBC ist ja berühmt für dieses Balancieren oder auch Ausbalancieren. Ein österreichischer Physiker hat einmal gesagt: Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte. So ist es auch. Es ist falsch, einen von der linken und einen von der rechten Seite, einen pro und einen contra zu haben. Wir sollten viel orthogonaler denken. Was sagen die, die sich in diesem Spektrum nicht so einfach verorten lassen?

Sie hätten Ex-US-Präsident Donald Trump also nicht von Twitter gesperrt?

Mayer-Schönberger: Ich glaube, es wäre falsch zu sagen, was wir brauchen, sind Filter, die den Meinungsschmutz herausfiltern, so dass wir im Netz nur mehr die Meinung haben, die akzeptiert und sauber ist. Das führt genau zu dieser Meinungs-Monokultur, die so hochgefährlich ist und die wir in den 1930er-Jahren in Europa, aber auch in den 1950er-Jahren unter McCarthy in den Vereinigten Staaten hatten. Wir müssen unglaublich vorsichtig sein, nicht in dieses Schema hineinzufallen. Wenn wir uns in Facebook, Twitter oder auch Telegram oder Signal umtun, merken wir, wie brutal die Menschheit ist, wie dünn die Furnier der Sachlichkeit und der Rationalität eigentlich ist. Aber das ist ein Problem, das wir mit Technik nicht lösen können. Das sind wir, unsere Gesellschaft und wir können nur darauf einwirken, sachlicher zu argumentieren, wertschätzend miteinander umzugehen.

Aber digitale Plattformen sind so programmiert, dass sie genau diese Unsachlichkeiten fördern. Muss die Politik handeln?

Mayer-Schönberger: Das ist die andere Frage: Machen diese Plattformen etwas falsch? Ja, die machen etwas falsch, weil viele der verwendeten Algorithmen die extremen Botschaften verstärken. Das gehört reguliert. Bei der Einführung des Autos haben wir eine Straßenverkehrsordnung festgelegt. Warum sollen wir das bei einem wichtigen Bereich jetzt nicht tun?

Sie haben zwei Bestseller geschrieben, "Big Data" mit Kenneth Cukier und "Machtmaschinen" mit Thomas Ramge. Warum interessiert Sie jetzt das gesellschaftliche Entscheiden?

Mayer-Schönberger: Im Wesentlichen war "Big Data" ein Buch, das gesagt hat: Es geht ums Entscheiden und Daten helfen uns, die Welt besser zu verstehen und daraus die besseren Entscheidungen zu treffen. Nach einigen Jahren Big Data haben Kenneth und ich gesehen, dass bessere Daten zu haben wichtig ist, aber nicht ausreichend, um bessere Entscheidungen zu treffen. Neuseeland und Großbritannien hatten beispielsweise zu Beginn der Pandemie die gleichen Daten, aber trafen unterschiedliche Entscheidungen. In Neuseeland dachte man an Sars vor 20 Jahren und optierte für einen radikalen Lockdown. In Großbritannien dachte man an Schnupfen, "keep calm and carry on". Ken und ich haben uns dann einen Entscheidungswissenschaftler hinzugeholt: Francis de Véricourt. Nach drei Jahren sehr intensiver Arbeit sind wir zu der Erkenntnis gekommen, dass es eben die gedanklichen Modelle und nicht nur die Daten sind, die unsere Entscheidungen beeinflussen.

Trotzdem beherrscht die Frage nach den Daten und den Monopolisten die Politik. Im Europäischen Parlament wurde letzte Woche über den Digital Services Act abgestimmt. Ein Glücksmoment?

Mayer-Schönberger: Wir müssen das im Kontext sehen. Vor fast zwei Jahren hat Ursula von der Leyen ein Work-Package angekündigt für die digitale Transformation. Der Digital Services Act war einer der am wenigsten kontroversiellen Teile, deswegen ging er im Parlament schnell voran. Die wirklich großen Hämmer kommen noch. Am Ende besteht die Gefahr, dass das alles trotzdem too little, too late gewesen sein wird.

Warum plädieren Sie für eine Datennutzstatt einer Datenschutzverordnung?

Mayer-Schönberger: Wir brüsten uns in Europa, einen außergewöhnlich guten Datenschutz zu haben. Das ist formal richtig, aber die Realität ist eine andere. Entweder du klickst okay und kriegst einen Account, oder nicht. Insofern ist die informationelle Selbstbestimmung ein Ideal, das in der Rechtsrealität der europäischen Bürgerinnen und Bürger nicht vorkommt. Damit hilft uns die Datenschutzverordnung nicht so wahnsinnig viel. Gleichzeitig verhindert sie, dass wir Daten sinnvoll nutzen. Und zwar nicht, weil es die Datenschutzgrundverordnung notwendigerweise verbietet, sondern weil wir so ängstlich sind, dass wir inzwischen auch das, was völlig erlaubt ist, nicht mehr tun. Ich kenne einen Fall, wo der Elternverein einer Schule die Namen der Eltern, die Vereinsmitglieder sind, von der Schule nicht bekommen hat.

Was wäre Ihr Modell?

Mayer-Schönberger: Wir brauchen einen Datenschutz, der diejenigen, die die Daten nutzen, auch zur Verantwortung zieht und zwar ziemlich stringent und rasch. Da tut die Datenschutzgrundverordnung schon einen richtigen Schritt mit den Strafen, die verhängt werden können. Aber das ist nur ein erster Schritt. Hier brauchen wir deutlich mehr, denn wer von den Daten profitiert, sollte auch die Verantwortung für die ordnungsgemäße Nutzung übernehmen.

Im Buch "Machtmaschinen" fordern Sie, dass die Informationsmächtigen, die viele Daten sammeln können, verpflichtet werden, diese Daten zu teilen. Wie realistisch ist das überhaupt?

Mayer-Schönberger: Es geht mir dabei immer um Innovation. Immer mehr Ideen brauchen für die Umsetzung Zugang zu Daten. Die US-Datenkraken müssen ihre Daten - natürlich nur jene, die keine Persönlichkeitsrechte verletzen - mit kleinen, mittelständischen Unternehmen in Europa teilen. Die SPD hat einen solchen Datenzugang für alle Unternehmen in der Wirtschaft auf ihrem Parteitag verabschiedet. Auch Ursula von der Leyen will das.

Gleichzeitig übernimmt Microsoft für 70 Milliarden Dollar den Gamingkonzern Activision. Ohne die USA gibt es keine gerechtere datengetriebene Welt. Ist US-Präsident Joe Biden ein Verbündeter?

Mayer-Schönberger: Bei der Datenschutzgrundverordnung haben wir gesehen, dass wir in Europa auch etwas durchsetzen können, an das sich die US-amerikanischen Datenkraken mehr oder weniger halten müssen. In Australien hat Facebook angekündigt, dass es sich aus dem Markt zurückziehen wird, wenn es für Nachrichten aus den australischen Medien Lizenzgebühren zahlen muss. Das australische Parlament hat das trotzdem beschlossen und Facebook hat eine Lizenzvereinbarung abgeschlossen. Man sollte sich nicht übertrieben fürchten vor diesen Datenkraken. Joe Biden hat im Bereich des Antitrust und des Wettbewerbsrechts ziemlich aufmunitioniert. Wir haben in der Federal Trade Commission eine neue Vorsitzende, die in wissenschaftlichen Arbeiten geschrieben hat, dass Facebook, Google, Apple und Amazon zu Daseinsunternehmen umfirmiert und zu einer Art Common Carriers gemacht gehören, also zu Unternehmen, denen vorgeschrieben wird, was sie für welches Service und welche Dienstleistung verlangen dürfen. Der wirtschaftspolitische Berater im Weißen Haus, Tim Wu, hat sich überhaupt für deren Zerschlagung ausgesprochen. Da stehen die Chancen jedenfalls deutlich besser als unter Trump.

Manche feiern das dezentral geplante Web3 als Revolution. Zu Recht?

Mayer-Schönberger: Seit 25 Jahren begleite ich das Internet und seit 25 Jahren haben wir in regelmäßigen Abständen die gleichen Debatten. Es geht immer darum: Wer hat Macht? Zentral oder dezentral? Früher hatte die Macht, wer die Server hat. Heute geht es darum, wer die Standards, die APIs festlegt, über die Applikationen und Dienstleister kommunizieren. 1997 hatte jeder, den ich gekannt habe, online ein Blog. 2007 hatte jeder einen Facebook-Account.

Und 2037?

Mayer-Schönberger: Vielleicht hat dann jeder seine eigene Blockchain oder macht mit bei einem Distributed Ledger. Wir sind in einer Dynamik, aber in einer verständlichen Dynamik. Auch durchs Web3 erwarte ich mir nur die Fortschreibung dieser Dynamiken. In gewissen Bereichen werden wir neue Dezentralisierung sehen, in anderen nicht. Im Moment haben wir eine große Dynamik in der Dezentralisierung von Währungen und Bezahlsystemen, aber auch das kann sich wieder drehen und in eine andere Richtung gehen. Was ich gewiss erwarte, ist, dass wir auch noch in 30 Jahren diese Art von Debatten führen werden.

Barbaba Tóth in Falter 4/2022 vom 28.01.2022 (S. 24)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783868817942
Erscheinungsdatum 16.11.2021
Umfang 272 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Sonstiges
Format Hardcover
Verlag REDLINE
Übersetzung Violeta Topalova, Nikolas Bertheau
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