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| Themen | Lexika Interdisziplinäre Studien Kommunikationswissenschaft |
|---|---|
| ISBN | 9783869627588 |
| Sprache | Deutsch |
| Erscheinungsdatum | 16.07.2026 |
| Größe | 21.3 x 14.2 cm |
| Verlag | Herbert von Halem Verlag |
| Lieferzeit | Lieferung in 2-5 Werktagen |
| Herstellerangaben | Anzeigen Herbert von Halem Verlag Boisseréestr. 9–11 | DE-50674 Köln produktsicherheit@halem-verlag.de |
Wer wird Journalist:in und welche sozialen Voraussetzungen prägen diesen Weg? Die vorliegende Studie untersucht erstmals systematisch die soziale Herkunft von Volontär:innen und Journalistenschüler:innen in Deutschland und analysiert deren Bedeutung für Rekrutierung und berufliches Rollenverständnis. Grundlage ist eine bundesweite Online-Befragung von 250 Nachwuchsjournalist:innen aus Volontariaten und Journalistenschulen. Die Ergebnisse zeigen eine deutliche soziale Selektivität im Zugang zum Beruf: Personen aus akademischen Elternhäusern sind im journalistischen Nachwuchs überrepräsentiert, während solche aus nicht-akademischen Herkunftsgruppen seltener vertreten sind. Zugleich prägt eine starke Akademisierung den Zugang zum Journalismus. Zentrale Ressourcen beim Berufseinstieg wie Praktika, freie Mitarbeit, Netzwerke und finanzielle Unterstützung sind sozial ungleich verteilt. Darüber hinaus zeigt die Studie, dass soziale Herkunft nicht nur den Zugang zum Journalismus, sondern auch das berufliche Rollenverständnis beeinflussen kann. Nachwuchsjournalist:innen aus unterschiedlichen Herkunftsgruppen gewichten journalistische Aufgaben unterschiedlich: Während Personen aus akademischen Elternhäusern stärker die kritisch-überwachende Funktion als ›Vierte Gewalt‹ betonen, legen Befragte aus nicht-akademischen Elternhäusern größeren Wert auf partizipative, entwicklungsorientiert-pädagogische und anwaltschaftlich-repräsentationsbezogene Aufgaben im öffentlichen Diskurs. Methodisch erweitert die Untersuchung die Journalismusforschung durch die Anwendung der MacArthur-Skala für subjektiven sozialen Status. Neben objektiven Bildungsindikatoren wird damit auch die subjektive soziale Selbstverortung erfasst. Die Kombination beider Perspektiven erlaubt eine differenziertere Analyse sozialer Positionierungen im journalistischen Nachwuchs und eröffnet neue Zugänge zur Untersuchung sozialer Ungleichheit im Journalismus. Das Buch leistet einen empirischen Beitrag zur Debatte um soziale Ungleichheit, Chancengerechtigkeit und Perspektivenvielfalt im Journalismus. Die vorliegende Studie wurde von der Otto Brenner Stiftung gefördert.
| Themen | Lexika Interdisziplinäre Studien Kommunikationswissenschaft |
|---|---|
| ISBN | 9783869627588 |
| Sprache | Deutsch |
| Erscheinungsdatum | 16.07.2026 |
| Größe | 21.3 x 14.2 cm |
| Verlag | Herbert von Halem Verlag |
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Jürgen Klatzer in FALTER 33/2026 vom 12.08.2026 (S. 18)
Wie divers eine Redaktion ist, bemisst die Branche anhand des Geschlechts und des Migrationshintergrunds. Die soziale Herkunft wirkt dagegen wie ein blinder Fleck. Die deutsche Hochschulprofessorin Tanja Köhler kennt dieses Problem und hat sich deshalb in einer Untersuchung ausführlich damit auseinandergesetzt. Ein Gespräch über Hürden und Versäumnisse.
Falter: Frau Köhler, ich stamme aus einer Arbeiterfamilie. Meine Eltern haben keine Matura und keinen akademischen Grad. Trotzdem bin ich Journalist geworden. Gehöre ich einer Minderheit an? Tanja Köhler: Tatsächlich ist das so. Wobei es aktuell zu wenige Daten über die soziale Herkunft von Journalistinnen und Journalisten im deutschsprachigen Raum gibt. Ältere Studien zeigen aber, dass sich der Journalismus sehr stark aus der Mittel-und Oberschicht rekrutiert.
Sie haben eine Studie vorgelegt, die sich mit der sozialen Herkunft im Journalismus beschäftigt. Fangen wir mit dem Titel an:
Was bedeutet Klassismus im Journalismus?
Köhler: Klassismus bezeichnet die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft. Er kommt in allen gesellschaftlichen Bereichen vor, etwa im Bildungssystem oder in der Politik. Menschen aus weniger privilegierten Verhältnissen sind kaum in Parlamenten oder öffentlichen Ämtern vertreten. Im Journalismus zeigt sich Klassismus auf zweierlei Art: zum einen in der Berichterstattung, wenn bestimmte ökonomisch benachteiligte Gruppen kaum vorkommen oder pauschal abgewertet werden. Zum anderen beim Zugang zum Beruf, wenn die Voraussetzungen für den Berufseinstieg je nach sozialer Herkunft unterschiedlich verteilt sind.
Für Ihre Studie haben Sie 250 angehende Journalisten und Journalistinnen befragt.
Köhler: Damit ist unsere Studie die bisher größte Untersuchung zur sozialen Herkunft und zum Rollenverständnis journalistischer Nachwuchskräfte in Deutschland.
Warum befragten Sie nicht Journalisten, die schon Teil von Redaktionen sind?
Köhler: Wir müssen einen Schritt zurück gehen. In den vergangenen Jahren haben sich viele Medienhäuser dazu verpflichtet, Vielfalt in ihren Redaktionen zu fördern. Der Wille ist da. Gleichzeitig gibt es aber kaum Daten darüber, wie sich der journalistische Nachwuchs zusammensetzt. Wir haben uns bewusst angeschaut, wer in den Journalistenschulen sitzt und wer ein Volontariat in Medienhäusern macht. Warum? Weil an diesen zentralen Ausbildungsstationen mitentschieden wird, wer für eine Karriere im Journalismus infrage kommt.
Sie kommen in der Studie zum Schluss: Akademikerkinder haben es einfacher, Journalisten zu werden. Zugespitzt gefragt: Ist die Branche abgehoben?
Köhler: Das würde ich so nicht sagen. Unsere Ergebnisse machen aber deutlich, dass Menschen aus nichtakademischen Familien in der journalistischen Ausbildung unterrepräsentiert sind. Die Mehrheit stammt aus akademischen Elternhäusern. Nur 47,7 Prozent der Volontäre und lediglich 34,8 Prozent der Journalistenschüler haben Eltern ohne Studienabschluss. Und das, obwohl der Anteil in der Bevölkerung in dieser Alterskohorte bei 72 Prozent liegt. Das ist eine sehr hohe Diskrepanz.
Schon in den 70er-Jahren hat der österreichische Journalismusforscher Heinz Hans Fabris festgestellt, dass der Journalismus ein Privileg der Mittel-und Oberschicht sei. Knapp 50 Jahre später hat sich daran offenbar kaum etwas geändert.
Köhler: Was uns überrascht hat, ist, dass sich Medienhäuser und Journalistenschulen zwar zu sozialer Vielfalt bekennen und gezielt ihre Rekrutierungsprozesse angepasst haben. Aber bislang gelingt es ihnen offenbar nicht, diese Ziele auch zu erreichen. Meine Vermutung ist, dass sie unsicher sind, wie sie soziale Herkunft erfassen können. Möglicherweise fehlen dafür noch geeignete und etablierte Instrumente.
In den USA und in Großbritannien sind die Redaktionen bekannter Medienhäuser sehr elitär besetzt. Viele Journalisten der New York Times oder der Washington Post waren auf teuren Elite-Unis wie Yale oder Harvard. Die Medienhäuser argumentieren, dass mit den Uni-Abschlüssen der Journalismus professioneller wird.
Köhler: Wenn ein Studium faktisch zur Eintrittskarte in den Journalismus wird, obwohl der Hochschulzugang selbst hochselektiv ist, dann darf man sich über die soziale Homogenität der Redaktionen nicht wundern. Die Akademisierung gilt einerseits zwar als Ausdruck von Professionalisierung. Andererseits wird sie auch mit einer abnehmenden Sichtbarkeit der Arbeiterklasse in der Berichterstattung in Verbindung gebracht.
Ist es nicht sinnvoll, dass im Journalismus qualifiziertes Personal sitzt?
Köhler: Natürlich brauchen wir qualifizierte Journalistinnen und Journalisten. Aber die Frage ist, ob ein Hochschulabschluss dafür zwingend notwendig ist. In Deutschland kommen Kinder aus Akademikerhaushalten öfter ins Gymnasium als Kinder aus Nichtakademikerhaushalten -auch bei gleicher Leistung. Ähnlich sieht es beim Studium aus. Von 100 Akademikerkindern studieren 78. Bei Familien, in denen kein Elternteil einen Hochschulabschluss hat, sind es nur 25. Wenn der Zugang zum Journalismus faktisch ein Studium voraussetzt, setzt sich die soziale Selektivität des Bildungssystems bis in den Journalismus fort.
In Ihrer Studie haben selbst 86 Prozent der Befragten einen Hochschulabschluss, auch jene aus Arbeiterfamilien. Die erste Hürde in den Journalismus wäre damit geschafft.
Köhler: Das stimmt, aber beim Berufseinstieg können weitere Hürden hinzukommen. Häufig müssen bereits Praktika oder erste Berufserfahrungen nachgewiesen werden. Aber gerade Praktika sind im Journalismus oft schlecht bezahlt, und die muss man sich leisten können. Andere Studien haben zudem gezeigt, dass bei Bewerbungsgesprächen soziale Ähnlichkeiten belohnt werden.
In der Studie sprechen Sie von einem "branchenspezifischen Habitus" und meinen damit bestimmte Verhaltensoder Ausdrucksweisen. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu prägte den Habitus-Begriff in seiner Ungleichheitsforschung.
Köhler: Der Habitus wird wesentlich in der Kindheit durch die Familie und das soziale Umfeld geprägt. Bei Auswahlprozessen kann es vorkommen, dass Chefredakteure bei Bewerbern nach sozialen Ähnlichkeiten suchen. Ich weiß zum Beispiel von einem Auswahlverfahren, in dem Bewerberinnen und Bewerber für ein Volontariat danach gefragt wurden, ob sie schon einmal eine Oper besucht haben. Wenn ich nicht aus einem sozialen Umfeld stamme, in dem der Besuch einer Oper zur Freizeitgestaltung gehört, dann ist es sehr schwierig, derartige Fragen zu beantworten.
In Österreichs Redaktionen sind mir kaum Arbeiterkinder bekannt. Journalisten und Journalistinnen mit Migrationshintergrund sind ebenfalls unterrepräsentiert. Wie wirkt sich die mangelnde Vielfalt auf die Berichterstattung aus?
Köhler: Diversität produziert nicht automatisch besseren Journalismus. Das muss uns klar sein. Aber sie ist eine Voraussetzung, um die gesellschaftliche Wirklichkeit in ihrer Vielfalt abbilden und unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen zu können. Wenn Journalismus diese Funktion erfüllen will, dann muss er auch die Zusammensetzung seiner Redaktion in den Blick nehmen.
Sie haben auch das Rollenverständnis der Journalisten abgefragt.
Köhler: Das ist sehr spannend. Hier zeigen sich tatsächlich Unterschiede nach sozialer Herkunft. Befragte aus akademischen Elternhäusern messen der kritisch-überwachenden Aufgabe, die Mächtigen zu kontrollieren, eine höhere Bedeutung bei als Befragte aus nichtakademischen Elternhäusern. Die hingegen finden es zum Beispiel wichtiger, Randgruppen und Minderheiten eine Stimme zu geben und Menschen zur Teilhabe am politischen Geschehen zu motivieren.
Spiegeln sich die unterschiedlichen Erfahrungen von Journalisten aber auch in der Berichterstattung wider?
Köhler: In der Journalismusforschung ist man sich nicht einig. Faktoren wie redaktionelle Hierarchien spielen eine wichtige Rolle. Aber allein schon das Vorhandensein unterschiedlicher Perspektiven kann Debatten darüber auslösen, wie über ein Thema berichtet wird oder welche Protagonisten vorkommen sollen. Zum Beispiel könnten Menschen aus weniger privilegierten Verhältnissen zu Wort kommen. Andere Studien zeigen, dass sich ein Teil der Bevölkerung in der Berichterstattung nicht ausreichend repräsentiert sieht. Gleichzeitig wissen wir, dass das Medienvertrauen mit sinkendem Bildungsniveau tendenziell abnimmt. Deshalb ist die Frage, wer in der Berichterstattung vorkommt und wessen Perspektiven sichtbar werden, auch gesellschaftspolitisch relevant.
Sie schlagen Maßnahmen vor, um die Diversität in Redaktionen zu stärken. Die Empfehlungen reichen davon, Klassismus in der Weiterbildung zu thematisieren, bis hin zu Quoten für Arbeiterkinder. Wie wahrscheinlich ist das?
Köhler: Medienunternehmen und Journalistenschulen sollten über eine solche Quotierung nachdenken, weil sie dazu beitragen kann, strukturelle Benachteiligung abzubauen. Ich weiß, das sind immer schwierige Debatten, die über Quotenregelungen geführt werden. Aber das heißt ja nicht, dass man diese Forderung nicht aufstellen kann.
Haben Sie Hoffnung, dass sich an der mangelnden Vielfalt etwas ändert?
Köhler: Ich sehe, dass Medienhäuser und Journalistenschulen bereit sind, ihre Kultur zu ändern. Gleichzeitig zeigen unsere Ergebnisse, dass der Anspruch auf mehr soziale Vielfalt und die Realität noch weit auseinanderliegen. Das sollte uns zu denken geben. F
Tanja Köhler lehrt als Professorin für Digitalen Journalismus an der deutschen Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und ist Co-Direktorin des Instituts für Medienentwicklung und -analyse (IMEA). Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im digitalen Journalismus sowie in der Erforschung von Diversität, sozialer Herkunft und Klassismus im journalistischen Feld
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