Die Frau im Schrank

192 Seiten, Hardcover
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Themen Belletristik Allgemein, nicht nach Genre Allgemein und literarisch
ISBN 9783869713410
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 13.08.2026
Größe 21 x 13.4 cm
Verlag Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch
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HerstellerangabenAnzeigen
Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG
Bahnhofsvorplatz 1 | DE-50667 Köln
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Kurzbeschreibung des Verlags

Ein junger Schauspieler, der sich hinter Büchertürmen verbarrikadiert. Eine junge Frau, die von Liebeswirren die Nase voll hat. In ihrem zauberhaft-poetischen Roman erzählt die Wiener Regisseurin Jacqueline Kornmüller von Einzelgängern und Lebensmenschen, und von Zufall und Bestimmung.

Weil er in der neuen Stadt so schnell keine Wohnung findet, zieht ein junger Schauspieler übergangsweise bei einem Freund ein. Das Zimmer ist klein, es steht lediglich ein Sofa darin. Und ein alter Schrank, dessen Tür klemmt. Doch der junge Mann hat sowieso nur Bücher dabei. Als er sie gerade zu einem Turm stapelt, öffnet sich plötzlich die Schranktür mit einem leisen Seufzen. Es kommen allerlei Hinterlassenschaften zum Vorschein – ein altes Rezeptbuch etwa, ein angeschlagenes Teeservice, ein blaues Kleid. Und an der Innenseite der Tür hängt das Foto einer jungen Frau. Ihr Blick ist abgewandt. Und doch scheinen die junge Frau und der Schrank dem jungen Mann etwas erzählen zu wollen ….

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ISBN 9783869713410
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Erscheinungsdatum 13.08.2026
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FALTER-Rezension

Und wenn sie nicht gestorben sind

Günter Kaindlstorfer in FALTER 41/2026 vom 07.10.2026 (S. 19)

Sie haben einander so lieb – und kommen nach allerlei vertrackten Beziehungsvolten doch noch zusammen. Es ist eine der ältesten Geschichten der Welt, die Jacqueline Kornmüller da präsentiert, aber so, wie die Autorin es tut, hat man dergleichen noch selten gelesen.
Das liegt an ihrer eigenwilligen Ästhetik, für die sich der Ausdruck „Poetischer Animismus“ in Vorschlag bringen ließe: Unbeseelte Gegenstände werden belebt, Häuser, Kästen, Bilder besitzen ein Eigenleben und spielen auf rätselhafte Weise ins Leben der handelnden Personen hinein.

Ein Verfahren, das unübersehbare Anklänge an die Erzählweisen der Romantik hat, bei E. T. A. Hoffmann und Wilhelm Hauff findet sich Ähnliches. Zugleich aber, und das ist wichtig, liest sich Kornmüllers zauberischer Roman keineswegs wie ein spätes Echo der deutschen Romantik. Die Autorin verwandelt deren alte Motive in eine ganz und gar gegenwärtige Erzählsprache – leicht und verspielt, charmant und mitunter verschroben, dabei von bestechender Genauigkeit in der Auslotung existenzieller Tiefendimensionen.

Die Liebesgeschichte spielt in einem Milieu, das ihr als Regisseurin und Autorin vertraut ist – der Welt des Theaters. Auftritt ein eigenbrötlerischer, in sich versponnener Schauspieler, von der Erzählerin konsequent in der dritten Person „Du“ genannt. Ein Kunstgriff, an den man sich erst gewöhnen muss: „Du sah zum Schrank. Der offene Schrank sah Du an. Du wandte sich ab...“

„Servus du“ – diesen Evergreen von Robert Stolz wird Jacqueline Kornmüller eher nicht im Kopf gehabt haben, als sie ihrem Protagonisten seinen unkonventionellen Namen verpasste. Der kleine grammatische Störfall hat allerdings Methode: Aus dem Personalpronomen wird eine Person. Und bald wundert man sich kaum noch über Sätze wie: „Du war spät dran... Du legte den Hut auf den Schrank... Du dachte über die Demokratie nach.“

Dass in diesem Roman ein Personalpronomen zum Menschen werden kann, ist freilich erst der Anfang. Auch Alltagsgegenstände treten als handelnde Akteure auf, allen voran der im Titel angeführte Schrank. Du, der Schauspieler, zieht für ein paar Monate bei einem Kumpel ein, in seinem Untermietzimmer macht er Bekanntschaft mit dem exzentrischen Möbelstück. Der Schrank scheint einen eigenen Willen zu besitzen, er öffnet und schließt sich, wann es ihm beliebt, seufzt, ächzt, wird blass und scheint seinen neuen Mitbewohner aufmerksam zu beobachten.

Eines Nachts steckt Du den Kopf etwas zu tief in das Möbelstück. Da drin scheint es nach Walderdbeeren zu duften. Du folgt dem Geruch, die Tür fällt hinter ihm ins Schloss – und mit einem Mal findet er sich in seiner traurigen Kindheit wieder, in einem Ferienlager in Tirol, in dem er als Knabe unter dem Drill der Präfekten und der grauslichen Verpflegung gelitten hat.

Der Schrank birgt auch andere Geheimnisse. Die meisten scheinen mit dem an die Innenwand des Kastens gepinnten Frauenporträt zu tun zu haben: „Die junge Frau auf dem Bild wandte den Blick ab. Sie stand im Wind, hatte deshalb ein Tuch in die Haare gewunden und weigerte sich, Du direkt ins Auge zu schauen.“ Nach und nach gibt der Schrank die Geheimnisse der Unbekannten preis: ihre Kleider und Bücher, ein Teeservice, einen Ring.

Kornmüllers Protagonist beginnt in den Hinterlassenschaften zu lesen wie in einer geheimen Biografie und gerät immer mehr in den Bann der namenlosen Schönen. Das Möbelstück ist so etwas wie eine „Magische Pforte“ – schlag nach bei „Alice hinter den Spiegeln“ –, die die Figur in andere Welten entführt. Der Schrank wird aber auch zum geheimnisvollen Mittler zwischen zwei Menschen, künftigen Liebesleuten, die einander noch nicht begegnet sind.

Auf Seite 45 überlässt Jacqueline Kornmüller der Frau das Wort: Die Icherzählerin, eine Tänzerin und Choreografin, berichtet von der behutsamen Annäherung durch den seltsam verträumten Verehrer. Die beiden kommen einander auf einer Premierenparty näher, eine Verbindung wird geknüpft, der Beziehungsfaden hält, reißt – und muss immer wieder neu geknüpft werden.

Es ist eine alte Geschichte, die Jacqueline Kornmüller da erzählt, doch bleibt sie immer neu: Wer sich nach einem bestimmten Menschen verzehrt und zugleich davor zurückschreckt, sich auf das Wagnis der Liebe einzulassen, hat etwas Wichtiges nicht verstanden: Nähe bedeutet nicht zwangsläufig den Verlust von Freiheit. Und freiheitsliebend sind beide, Du und die Tänzerin.

Dass die zagenden und zaudernden Liebesleute am Ende doch noch zueinander finden, verdankt sich ihrer Beharrlichkeit. Einen Sommer lang ziehen sich Du und die Tänzerin auf eine griechische Insel zurück. Unter der ägäischen Sonne öffnen sie sich nach und nach für die heilsamen Rituale des Zusammenlebens. Am Ende steht eine wichtige Erkenntnis: Liebe muss kein Gefängnis sein, auch wenn manche Leute das so erleben mögen.

So plump drückt Jacqueline Kornmüller das nicht aus. Der Ton ihres Romans ist märchenhaft und schwebend, von empfindsamen Anspielungen und zartknisternden Ironien durchdrungen; die Grenze zwischen Wirklichkeit und Zauber wird so beiläufig überschritten, dass man kaum bemerkt, wann man die eine verlässt und das Reich des anderen betritt.

Kornmüller verwandelt die Wirklichkeit in ein leicht verschobenes, poetisch beseeltes Paralleluniversum. Die Dinge bleiben, was sie sind – ein Schrank ein Schrank, ein Kleid ein Kleid – und führen doch zugleich ein rätselhaftes Eigenleben.

Vielleicht liegt gerade darin die Magie dieses Romans: Er spielt das Märchenhafte nicht gegen die Wirklichkeit aus, sondern entdeckt es mitten in ihr.

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