
Ist der 7. Oktober 2023 umgedeutet worden?
Tessa Szyszkowitz in FALTER 7/2026 vom 11.02.2026 (S. 18)
Der Krieg zwischen Israelis und Palästinensern ist trotz des wackligen Waffenstillstands nicht vorbei. Weder im Gazastreifen noch in Europa, wo weiter über die Einordnung des Hamas-Überfalls auf Israel am 7. Oktober 2023 und den Krieg Israels gegen Gaza gestritten wird.
"Umkämpfte Geschichte" heißt ein Band, den Klaus Bittermann und Christoph Hesse gerade herausgegeben haben. Texte von Eva Illouz, Doron Rabinovici und weiteren Intellektuellen aus dem europäischen und amerikanischen Umfeld setzen sich mit der Frage auseinander, warum der 7. Oktober ihrer Meinung nach "umgedeutet" wurde: von einem Terrorangriff am 7. Oktober auf Israel durch die Hamas auf einen Genozidversuch Israels gegenüber den Palästinensern in Gaza.
Eva Illouz, die israelisch-französische Soziologin, stellt die Frage "Ist Antizionismus eine Form von Antisemitismus?" und beantwortet sie: "In Wahrheit macht Antizionismus den Hass auf Israelis zur Pflicht. Die Behauptung, Antizionismus sei vom Antisemitismus zu trennen, ist kognitiv unplausibel und moralisch betrügerisch."
Das ist eine starke Behauptung. Antizionismus grundsätzlich als Hass auf Israelis und auf Juden zu verstehen, birgt die Gefahr, die Kritik an einem politischen Programm -dem Zionismus -als antisemitisch abzutun. Antisemitismus ist Judenfeindlichkeit, eine rassistische Pauschalverurteilung. Es ist dagegen eine legitime Diskussion, ob die Behandlung der palästinensischen Zivilbevölkerung durch die israelische Regierung im Gazastreifen und im Westjordanland grundsätzlich etwas mit dem Konzept des Zionismus zu tun hat.
Der österreichische, in Israel geborene Autor Doron Rabinovici setzt sich in seinem Essay "Die Ächtung oder das Ghetto im Zeitalter der Globalisierung" mit den Aufrufen zum Boykott Israels auseinander. "Vor dem Hintergrund europäischer Vergangenheit weckt die Boykottbewegung bei vielen die Erinnerung an die antijüdischen Parolen: Kauft nicht bei Juden!", schreibt Rabinovici nicht zu Unrecht. Er lässt das Argument nicht gelten, dass viele diese Art von zivilem Widerstand als adäquate Methode sehen, Druck auf Israel auszuüben.
Der Antisemitismus steigt, das zeigen die letzten zwei Jahre. Die Schriftstellerin Dana von Suffrin konstatiert: "Die goldene Ära der Juden in Deutschland scheint also beendet." Sie fühle sich an das 19. und 20. Jahrhundert erinnert. Im Unterschied zu damals aber haben deutsche und österreichische Regierungen heute den Antisemitismus nicht in ihre politischen Programme aufgenommen. Sie bekennen sich klar zum Schutz jüdischen Lebens.
Aus den Texten spricht das Ringen um jüdische Positionen in der Linken: Intellektuelle wie Illouz oder Rabinovici, die seit Jahren gegen die israelische Siedlungspolitik auftreten, fürchten, dass sich das eigene Lager der pro-palästinensischen Solidarität verschrieben hat und den Zionismus pauschal verurteilt.
Gerade die Diskussion, ob Israel im Gazastreifen einen Genozid begehen wollte, schmerzt sie. "Wenn der internationale Gerichtshof einen Genozid feststellt, werde ich das akzeptieren", schreibt Eva Illouz. Solange es nicht juristisch geklärt ist, ruft sie zur Vorsicht auf.
Dem Sammelband hätte es gutgetan, unterschiedlichere Stimmen einzuladen. Nicht alle jüdischen Intellektuellen konstatieren eine antisemitische Umdeutung des 7. Oktober.
Solidarität mit den Palästinensern ist nicht unbedingt antisemitisch. Sie kann auch humanistisch motiviert sein.


