Vom Antisemitismus, der keiner sein will

312 Seiten, Taschenbuch
€ 26,80
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Reihe Critica Diabolis
Themen Gesellschaft und Sozialwissenschaften
ISBN 9783893203390
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 09.03.2026
Größe 21 x 12.5 cm
Verlag edition TIAMAT
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Kurzbeschreibung des Verlags

Immer wieder knöpft sich der Wiener Dichter und Gesellschaftskritiker Richard Schuberth identitätspolitische Diskursmoden vor. Deren israelfeindliche Exzesse seit dem 7. Oktober 2023 führten ihn zu den psychologischen und historischen Wurzeln des israelbezogenen Antisemitismus und der Frage nach der Scheidelinie zwischen berechtigter Antisemitismusdiagnose und Diffamierung. In Form des literarischen Essays, der Analyse mit Witz und Sprachfantasie legiert, ergründet er dieses Minenfeld der ideologischen Verzerrungen, die ihm aus seiner eigenen Biografie nur zu vertraut sind. Er ruft dabei auch seinen einstigen Antisemitismus als junger Marxist sowie seinen Kulturrelativismus als junger Ethnologiestudent in den Zeugenstand. Worin besteht dieser neue Antisemitismus? Und wie neu ist er wirklich? Und wie lässt sich Kurs halten zwischen der Kritik antisemitischer Wahnbildung und Verständnis für Leid und Anliegen von Israelis und Palästinensern? Diesen Fragen geht Schuberth nach.

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FALTER-Rezension

Tage im Oktober. Über linken Antisemitismus

Armin Thurnher in FALTER 42/2026 vom 14.10.2026 (S. 5)

Der Antisemitismus hat wieder Saison. Mitteleuropäer mit Geschichtsbewusstsein können das nur als dramatisch empfinden. Popgruppen weigern sich, in Israel aufzutreten und grölen "Yallah Intifada" von den Bühnen. Das Spitzenpersonal der Rechten von Alice Weidel bis Herbert Kickl spielt sich als Beschützer aller Judenheit auf, während identitäre Prätorianer im Parlament vor ihren Büros Wache stehen.
Als bei den Wahlen in Berlin die Linke siegte, brachten rechte Publizisten triumphierend den unleugbaren Antisemitismus einiger Teilorganisationen der Linken vor, um Verhandlungen der anderen linken Parteien mit ihr zu verhindern. Manche Kommentatoren fürchteten zwar eher die Ansagen der Linken zur Vergesellschaftung von Wohnungseigentum. Die Vorwürfe des Antisemitismus wurden von konservativer Seite aber lustvoll mit allen Anzeichen des Abscheus erhoben. Plötzlich war die traditionell antisemitismuskritische Linke pauschal des Antisemitismus verdächtig, die Rechte fand diese neue Brandmauer prächtig.

Linken Antisemitismus und spiegelbildlich rechtsradikalen Philosemitismus kennen wir aus Frankreich, Spanien, Großbritannien und aus den USA. Dort, wo eine traditionell starke Israel-Lobby reaktionäre Kandidaten unterstützt, verfällt nicht nur die studentische, sondern auch die offizielle demokratische Linke oft reflexhaft in einen propalästinensischen "River to the sea"-Habitus. Und die rechte MAGA-Bewegung führt ihren Kampf gegen die Campus-Linke unter der falschen Flagge, den Antisemitismus zu bekämpfen (falsch deshalb, weil die Rechte Israel nur als Projektion ihrer biblischen Verheißungen, nicht als realen Staat braucht).

Es wäre nun leicht, als Linker das alles als sehr kompliziert von sich zu weisen und so zu tun, als betreffe einen das gar nicht. Es gibt jedoch wieder eine steigende Zahl von Vorfällen von Antisemitismus auch auf den Straßen Wiens. Eine Demonstration gegen Antisemitismus am Wochenende verlief nicht gerade machtvoll. Die linken Organisatorinnen der Demo erklärten mit Bezug auf die Palästinafahne an der Rosa-Lila-Villa, sie verstünden "die antizionistischen Stimmen nicht" und könnten "auch diesen geschichtsvergessenen Genozid-Vorwurf gegen Israel nicht mehr hören".

Ich wiederum, als ich das Thema dieses Kommentars nur andeutete, wurde von Freunden mit Material überschüttet, das die Missetaten der israelischen Armee und der Siedler in Gaza und der Westbank dokumentiert (meine Freunde schienen vorauszusetzen, ich würde das ignorieren, hätte aber die Gräueltaten der Hamas am 7. Oktober 2023 und zu anderen Zeiten höchst präsent). Man gerät dann gleich in unauflösliche Debatten, die Fronten sind verhärtet und das Gespräch endet schnell.

Die Schwierigkeiten des Themas hat Richard Schuberth in seinem brillanten Buch-Essay "Vom Antisemitismus, der keiner sein will" dialektisch herausgearbeitet. Der Wandel betrifft nicht nur die merkwürdige Verschiebung, dass mittlerweile Teile der Linken zu einem neuen Antisemitismus gekommen sind. Dieser zeigt sich als verrückter Öko-Leninismus (der Schwede Andreas Malm über den 7. Oktober: "Das Erste, was wir in diesen Stunden von uns gaben, waren weniger Worte als vielmehr Jubelrufe") oder als messianische Palästina-Euphorie, die von der Befreiung Palästinas die Befreiung der Erde erwartet. Für Juden ist das nichts Neues. Schuberth zitiert Sandra Kreisler, die in ihrem Buch "Jude sein" festhält: "Die Linke stärkt die Rechte mit Kulturapologetik den Arabern gegenüber, die Rechte stärkt die Linke mit der blinden und lobhudelnden Unterstützung Netanjahus oder Trumps." Juden überall zahlen die Zeche.

Schuberths Buch ist wichtig, weil es nicht in den bei diesem Thema üblichen Manichäismus verfällt. Er habe nicht vor, schreibt er, sich "von der Linken zu distanzieren, sondern Ausstiegshilfen aus der Sackgasse falschen Linksseins anzubieten". Es braucht bei der Kritik des Antisemitismus wie bei der Frage Israel die Fähigkeit, zu differenzieren und das historische Wissen, dass Antisemitismus in hundert verschiedenen Gestalten auftrat.

"Was verbindet die Linke mit all den zweifelhaften ideologischen und psychischen Dispositionen, welche den Antisemitismus befeuerten? Wie konnten ihm jene verfallen, die ihm am ehesten widerstehen sollten?", fragt der Autor und vermutet: "Die Empörung über den Doppelstandard, dass die Opfer der Nazis böse Dinge taten und - schlimmer noch - ihre historische Opferrolle dazu missbrauchten, ungehindert Verbrechen an den Arabern zu begehen, könnte den anderen Doppelstandard erklären, nämlich, dass Israels echte und eingebildete Untaten so viel mehr Aufmerksamkeit erhalten als die Verbrechen anderer Staaten und Machthaber."

Das ist noch nicht der Kern der Sache. Vielleicht trifft ihn die folgende Einsicht, welche die Eleganz der Schuberth'schen Dialektik und auch seines Stils zeigt: "Der Versuch, die Juden vom Vorurteil, bessere Menschen zu sein, zu entlasten, übertrieb sich zum Nachweis, welch schlechte sie sein konnten." Wir waren betroffen, dass Juden auch nur Menschen sind, zu allem fähig, zu dem Menschen eben fähig sind.

Schuberth wird bei Bedarf auch handfest. Der 7. Oktober 2023 stellte für die neuen Antisemiten Schuberth zufolge "ein Geschenk" dar. "Die aktuelle Regierung in Israel mag besonders missliebig sein, dennoch ist sie temporärer Stand einer -zumal gefährdeten - pluralistischen Demokratie, während die Hamas eine autokratische, ultrafaschistische Mörderbande vorstellt, welche Israel und seine Bürger, auch seine arabischen, vernichten will und der jedes für dieses Ziel geopferte palästinensische Leben ein propagandistischer und spiritueller Triumph bedeutet."

Ja, man (das schließt den Bundespräsidenten mit ein) darf das Vorgehen Israels und seiner faschistischen Regierung kritisieren. Aber man muss dabei sein eigenes Tun wachsam beobachten. Und man muss die Proportionen wahren. Beides kommt vielen linken Akteuren blitzartig abhanden, wenn es um Israel geht. Kaum eine politische Frage aber ist vielschichtiger und von derart vielen Propaganda und Ideologieschichten verzerrt. Sachkenntnis ist langsam, Parteinahme schnell. Würde, wie Schuberth konstatiert, "der Antisemitismus, der keiner sein will, von den Antisemiten, die keine sein wollen, erkannt und eingestanden, so wollten sie gewiss keine Antisemiten mehr sein". Diese Hoffnung, darf man hoffen, stirbt zuletzt.

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