Das 20. Jahrhundert begreifen

95 Seiten, Buch
€ 12,40
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Erscheint am 01.04.2026

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ISBN 9783894385248
Erscheinungsdatum 01.04.2026
Genre Sachbücher/Geschichte
Verlag PapyRossa Verlag
Übersetzung Erdmute Brielmayer
LieferzeitErscheint am 01.04.2026
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Kurzbeschreibung des Verlags

Dass die Oktoberrevolution mit ihren Folgen zu den Grundübeln des 20. Jahrhunderts gehöre, gilt häufig als selbstverständlich. Hand in Hand geht damit eine Verklärung der vorrevolutionären liberalen Gesellschaften. Zu wenig beachtet wird ihr Ausschluss der Frauen aus dem politischen Leben, ihre Einschränkung der politischen Rechte breiter Bevölkerungsmassen sowie ihr Kolonialismus und Rassismus. Unbeachtet bleibt, dass die Überwindung dieser drei großen Diskriminierungen ohne den Oktober 1917 kaum denkbar wäre. Dies rückgängig zu machen und die Rassendiskriminierung noch zu verschärfen, war das Ziel des Nazismus. In seinem Kolonialreich hatten die 'Eingeborenen' Osteuropas einerseits die Rolle der 'Indianer' zu spielen, die es zu dezimieren galt, andererseits die der Schwarzen, die als Sklaven im Dienste der Herrenrasse arbeiten mussten. Stellt die Kategorie 'Totalitarismus' die angehenden Sklavenhalter und ihre Opfer auf eine Stufe, schweigt sie sich aus über die Gräuel der kolonialen Tradition.

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FALTER-Rezension

Die totalitäre Tradition des Westens: Bürger als Barbaren

Rudolf Walther in FALTER 1-2/2014 vom 08.01.2014 (S. 16)

Ein Essay aus Italien zeigt, dass völkische Vernichtungsfantasien im Westen schon lange vor dem Nationalsozialismus salonfähig waren

Dieser Essay des italienischen Philosophen Domenico Losurdo kommt spät, denn das italienische Original erschien schon 1998 und bezog sich auf das damals erschienene "Schwarzbuch des Kommunismus" des französischen Ex-Maoisten Stephane Courtois.
Aber der Essay kommt nicht zu spät, denn die in jenem Buch und ganz allgemein nach 1989 in Mode gelangte Gleichsetzung und Bilanzierung von Kommunismus und Nationalsozialismus ist nicht verschwunden. An Volker Ullrichs Hitler-Biografie, die vor wenigen Wochen erschienen ist, bemängelte ein liberal-konservatives Blatt ernsthaft, Lenin erscheine darin nicht und auch nicht der unsägliche Ernst Nolte, der 1986 mit einer historischen Improvisation aufwartete: Aus der zeitlich früher stattfindenden Oktoberrevolution destillierte er ein kausales Verhältnis, mit dem Lenin für Hitlers Völkermord und Vernichtungskrieg im Osten verantwortlich gemacht wurde.
In seinem kurzen Essay leuchtet Losurdo die intellektuellen Untiefen des "Schwarzbuches" aus.
Lange bevor Hitler über die "Endlösung" der Judenfrage schrieb, dachten weiße amerikanische Intellektuelle über die "ultimate solution" (1913) der "Negerfrage" nach.
Und der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt (1858–1919) äußerte sich zur "Indianerfrage" so: "Ich gehe nicht so weit zu glauben, dass gute Indianer nur die toten sind, aber ich glaube, für neun von zehn trifft dies zu; im Übrigen möchte ich auch beim Zehnten nicht so genau nachfragen."

Dämonisierung der Bolschewiken
Losurdo bringt eine große Zahl von Belegen dafür, wie rassistisch, "zivilisatorisch" oder moralisch begründete Überlegenheit von liberalen Kolonialisten die Grundlagen dafür schufen, was der Historiker Pierre van den Berghe 1967 die "Herrenvolk democracy" nannte.
Der beste Theoretiker des Liberalismus im 19. Jahrhundert – John Stuart Mill (1806–1873) – hielt "Despotismus" gegenüber "Barbaren" für eine legitime Regierungsform. Nicht einmal deutsche Sozialdemokraten wie Eduard Bernstein waren frei davon. Bernstein sprach 1911 von "kultur­unfähigen Völkern", um die koloniale Expansion "zivilisatorisch" zu rechtfertigen.
"KZ", "Endlösung" und "Vernichtung" gehörten also lange vor 1933 zum rhetorischen Repertoire rassistisch unterlegter Ideologie. Und auch der "Totalismus" mit "totaler Mobilmachung", "totalem Krieg" und "totaler Politik" wurde nicht von Lenin, sondern von jenen bürgerlichen und aristokratischen Politikern, Militärs und wirtschaftlichen Eliten erfunden, die Europa in den Ersten Weltkrieg stürzten.
Mit der Dämonisierung der bolschewistischen Revolution von 1917 wird die ungeheure Gewalt, mit der Rassismus und Kolonialismus agierten, ebenso ausgeblendet wie die Tatsache, dass mit der Oktoberrevolution Menschenrechte erstmals und grundsätzlich ohne Rücksicht auf Rasse, Geschlecht und Einkommen zugesprochen wurden.
Dass die Revolution diesen hohen Anspruch nicht einlöste und schnell verriet, schmälert das Neue und Komplexe des revolutionären Aufbruchs nicht. Diese "Dämonisierung" verhindert aber auch "das Verständnis der zeitgenössischen Demokratie".
Um das 20. Jahrhundert zu begreifen, muss man zuerst "die Verknüpfung von Schrecken und Emanzipation" in der Oktoberrevolution verstehen und dabei lernen, wie sich Oktoberrevolution und nationalsozialistische Herrschaft fundamental unterscheiden.
Stalin exportierte die Industrialisierung mit Gewalt in die asiatischen Regionen Russlands. Dabei überlagerten sich ethnische, soziale und politische Konflikte.
Hitlers Krieg war ein rassistisch motivierter Expansions- und Vernichtungskrieg, in dessen Windschatten Völkermorde begangen wurden.
Wenn man die Tatsache, dass Marx – im Gefolge Hegels – "die Moral auf dem Altar der Geschichtsphilosophie" (Losurdo) opfert, zum Sündenfall stilisiert, als ob damit die Gewalt erst in die Geschichte eingedrungen wäre, gelangt man zu einer "manichäischen Gegenüberstellung" von vermeintlich moralischem und gewaltfreiem Liberalismus und amoralischem und gewalttätigem Kommunismus.
Dieser hat Gewalt jedoch nicht erfunden, sondern vorgefunden. Der Manichäismus kulminiert in der Totalitarismus­theorie, wie sie seit den 1940er-Jahren des 20. Jahrhunderts in den USA ausgebildet wurde und während des Kalten Kriegs quasi sakrosankte Geltung bekam.
Obwohl man dieser "Theorie" mit guten Gründen den Status einer Theorie absprechen kann, bildet sie noch für das "Schwarzbuch" von 1998 die intellektuelle Grundlage. Losurdo sieht darin zu Recht "eine historiografische Karikatur des Nürnberger Prozesses" und keinen Beitrag zur Geschichtsschreibung beziehungsweise sozialwissenschaftlichen Theoriebildung.

Das ewige Recht des Stärkeren
Marx entkoppelte Moral und Geschichte nicht, um sich als Richter über diese in Pose zu werfen, sondern um aufzuklären über "die tiefe Heuchelei der bürgerlichen Zivilisation", die sich fast nur mit barbarischen Mitteln ausbreitete, die mit den Parolen "Eigentum, Ordnung, Familie und Religion" radikal brachen und nur eines kannten – das "Recht" des Stärkeren.
Losurdo erinnert dagegen an den Artikel 34 der französischen Revolutionsverfassung von 1793, die die reale Basis für die Demokratie formulierte (wenn auch nicht verwirklichte): "Unterdrückung der Gesamtheit der Gesellschaft ist es, wenn auch nur eines ihrer Glieder unterdrückt wird." Dem glänzenden Essay sind viele Leser zu wünschen.

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