Bewegliche Feiertage

von Burkhard Spinnen

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Verlag: Schöffling
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Umfang: 390 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Lassen Sie sich vom Zielgruppen-Hinweis nicht abschrecken: Burghard Spinnens Roman "Belgische Riesen" ist eine wunderschöne Studie des jungfamiliären Juste Milieu.
Es gibt nur ganz wenige Bücher, die man mit zwölf Jahren genauso gern liest wie später als Erwachsener. Mark Twains "Tom Sawyer" und "Huckleberry Finn" zum Beispiel oder die Jugendromane Erich Kästners sind in einem bestimmten Alter einfach spannendes Lesefutter, aber sie sind auch noch spannend nach zwanzig Jahren, unabhängig vom - ohnehin aussichtslosen - Versuch, noch einmal das Lebensgefühl der frühen Jugendjahre heraufzubeschwören.
Burkhard Spinnen hat nun einen solchen Roman geschrieben, den man der zwölfjährigen Nichte aus der Reihenhaussiedlung ohne zu zögern auf den Weihnachtstisch wird legen können, bei dessen Lektüre aber auch der Onkel vollständig auf seine Kosten gekommen ist. Mutter und Vater Bantelmann haben gerade mit ihren Söhnen Konrad und Peter das neue Eigenheim in der eben fertig gestellten Dransfeld-Siedlung bezogen, Konrad macht sich auf die Suche nach Spielkameraden. Mädchen sind doof, so viel immerhin weiß man mit zehn oder elf Jahren von der Welt. Und so will er auch gleich den Rückzug antreten, als er im Haus 27b auf ein eben solches trifft. Aber in diesem Haus ist alles anders - einschließlich Friederike, die sich Fridz nennt. In der Garage steht kein Auto, sondern ein Kaninchenstall, bewohnt von einem Prachtexemplar der Rasse "Belgische Riesen". Fridz spielt nicht mit Puppen, sondern mit der Version 3.0 des Computerspiels "Irre Käfer", im Garten herrscht Chaos, die Umzugskartons sind nach sechs Wochen immer noch nicht ausgepackt. Konrad imponiert Fridzens Mundwerk und auch ihre Selbstständigkeit, das passt so gar nicht zu seinem Bild vom doofen Mädchen. Aber genauso wenig passt in sein behütetes Weltbild, dass Fridzens Mutter unter Depressionen leidet: Denn ihr Mann hat sie vor kurzem wegen einer anderen verlassen. Fridz ist auf ihren Vater wütend, auch das erklärt ihren eher herben Charme. Und als Konrad eigentlich aus Versehen vorschlägt, der neuen Freundin ihres Vaters das Kaninchen aus der Garage zu schicken, ist Fridz sofort Feuer und Flamme - denn die verhasste Rivalin der Mutter leidet unter einer Haustierallergie. Und so beginnt eine Abenteuergeschichte, die diesen Namen wahrlich verdient.
Der Onkel vermutet nun einfach, dass seine Nichte diese Geschichte spannend finden wird, er hat nämlich auch ein bisschen gezittert. Aber er hat sich dann auch wieder über Dinge gefreut, die der Nichte vielleicht gar nicht so auffallen: über den VW Passat Kombi mit Kindersitzen als running gag in (fast) allen Garagen der Siedlung, über die getöpferten Namensschilder an den Hauseingängen (und zwar mit den Namen aller Kinder), über Konrads Vater, ein peinlich ambitioniertes Exemplar seiner Gattung, das sich nicht zu blöd ist, seinen Söhnen einen Vortrag über Streitkultur zu halten und auch sonst verdächtig viel Verständnis für seine Söhne zeigt.
Das alles ist einfach wunderschön gemacht, eine Studie des jungfamiliären juste milieu der Vororte vom Feinsten. Wer jemals, und sei es nur als Besucher, an einem Sonntagnachmittag die Miefigkeit dieser Welt, diesen Zwang zu Harmonie, Mülltrennung und Kunsthandwerk geatmet hat, wird sich von diesem Roman verstanden fühlen. Es geht ja gar nicht darum, einen Lebensstil zu denunzieren. Es geht darum zu begreifen, wie wenig diese eben nur gut gemeinte Welt aushält, wenn es hart auf hart kommt. Für Fridz und ihre Mutter gibt es kein Happy End, Konrad aber nimmt sich am Ende der Geschichte ganz fest vor, ein Kilo zuzunehmen, damit er endlich im Auto keinen Kindersitz mehr braucht. So ist das Leben, so und nicht anders.Gleichzeitig mit dem Familienroman "Belgische Riesen" erscheinen übrigens Spinnens gesammelte Essyas über den Beruf des Schriftstellers und die Literatur. Auch dieser Band liefert glänzende Beispiele dafür, wie das Alltäglichste - der Handwerker und das WWW, der deutsche Fußball und die Literaturkritik - literarisch zwingend geraten kann, wenn es nur vom richtigen Autor entdeckt wird.

Tobias Heyl in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 6)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Belgische Riesen (Burkhard Spinnen)

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