Fliegengewicht

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Ein Roman außerhalb der Welt: eine junge Frau kommt ins Krankenhaus zu drei älteren Damen ins Zimmer. Man weiß nur: Alle haben's am Herz, der Tod ist nah - und alle reden dagegen an.
Der Arzt der Station ist Dr. Winter. Er zieht die Damen samt Stationsschwester in seinen Bann. Eine Wette schickt die junge Frau ins Rennen um seine Gunst. Mitfiebern als Lebenselixier?
Voller Rhythmus und Tragikomik überbieten sich die Stimmen, halb Schwanengesang, halb Operettenträllern, seziert von feinen Spitzen der Erzählerin.
Ein Kammerstück mit doppeltem Boden, bei dem die Figuren mit ihren Liebes- und Leidensgeschichten dem Leser ans Herz wachsen.

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FALTER-Rezension

Wenn Sie sich jetzt bitte freimachen würden

Mit ihrem Debüt "Fliegengewicht" gelingt der Österreicherin Anna-Elisabeth Mayer der etwas andere Arztroman

Dass sich Damen im fortgeschrittenen Alter sehr undamenhaft benehmen können, weiß man aus Werner Schwabs hochkomischem und saubrutalem Debüt "Präsidentinnen". In Anna-Elisabeth Mayers Debüt "Fliegengewicht", einem Prosakammerspiel im Krankenzimmer, geht es wesentlich leiser und naturgemäß gedämpfter zu – immerhin haben's alle Insassinnen am Herzen. An Eifersüchteleien und Boshaftigkeiten herrscht aber auch unter Frau Ott, Frau Blaser und Frau Ferdinand kein Mangel.
Erweitert wird das Damendreieck um die Ich-Erzählerin, die mit freundlicher Herablassung als "Küken" bezeichnet und sehr schnell zur Projektions- und Stellvertreterfigur des ungleichen Triumfeminats wird – insbesondere in Hinblick auf Dr. Winter, den Gott in Weiß, dessen Tun penibel registriert und kommentiert wird.

Zum Horror der nicht ganz so guten Deutschlehrer werden diese Winter-Wahrnehmungen unter dem exzessiven Einsatz der Inquit-Formel referiert. Die nicht ganz so guten Deutschlehrer sind bekanntlich vom Glauben ans "gute Deutsch" durchglüht, das sich durch die Vermeidung von Wortwiederholungen auszeichnet – was verlässlich zu affigen Analogiebildungen und Missgriffen im Register führt.
Anne-Elisabeth Mayer (Jg. 1977) ist vor ambitionierter Wortwahl zwar nicht völlig gefeit ("Frau Otts Stimme schrillte"), bleibt aber die meiste Zeit über tapfer beim schlichten "sagte", das die anführungszeichenlos in den Textfluss gebettete direkte Rede begleitet: "Wenn Dr. Winter mich abhörte, sah Frau Ott genau zu. Sie sagte: Dr. Winter soll auch mich so lange abhören. Aber Frau Ott, sagte ich, er hört uns doch alle gleich ab. Nein, sagte Frau Ott, das tut er nicht. Frau Blaser bestätigte das sofort."
Das Abhören wird allerdings das Höchstmaß an körperlicher Intimität bleiben, die sich zwischen der jungen Patientin mit dem Perikarderguss und dem auch von Schwester Beatrice sowie der eigenen Gattin (Urologie) mit Argusaugen beobachteten Dr. Winter ereignen wird. Die Passagen, die dem Genre des Arztromans so gar nicht augenzwinkernd Tribut zollen, gehören zwar nicht zu den besten, aber man wird dem Verzicht der Autorin, wohlfeile Ironieangebote abzumelken, seine Sympathie nicht versagen können.

Dabei hätte dieses beachtliche Debüt, das sich seiner Mittel über weite Strecken mit großer Souveränität bedient, der Erweiterungen, die es erst auf Romanformat bringen, gar nicht bedurft. Das Pathos des Lebens-, Sterbens- und Liebesernstes hätte in einer längeren Erzählung, die sich auf einen Schauplatz beschränkt, ausreichend Platz gefunden. Und "Fliegengewicht" ist auch dort am überzeugendsten, wo die großen Emotionen und Dramen des Lebens entweder verbos bequasselt oder – etwa in den schüchtern-lakonischen Anmerkungen der Erzählerin – nur angetippt werden.
Die institutionelle Distanz zwischen Arzt und Patient, die in Tschechows berühmtem "Krankenzimmer Nr. 6" kollabiert, bleibt in Mayers Damenzimmer Nr. 5 (fast) aufrecht. Der hellsichtige Humanismus des Russen, der die Tragik ungelebten Lebens mit feinem Spott und zugleich ungeheurer Empathie zu erzählen vermochte, ist der Autorin aber keineswegs fremd.
Wunderbar etwa, wie Frau Ott ihre (imaginären) amourösen Energien in alle Himmelsrichtungen versprüht und damit auch den immer öfter ohne Tante Gertrud in Erscheinung tretenden Onkel Gustl in einen "Rausch des Punktenwollens" versetzt, ehe das Sperrfeuer anlassiger Avancen auch ihn zum Rückzug zwingt. Hochkomisch, zu welchen Leistungen der wechselweisen Desavouierung die aufgedrehte Frau Ott, die defensiv selbstmitleidige Blaser und die todessehnsüchtig wortkarge Ferdinand immer wieder auflaufen.

Erschütternd und anrührend, wie der verhuschte Vogelstimmenspezialist ­Reini zwischen die Fronten seiner resoluten Schwester Ursl und seiner ihn zugleich bemitleidenden und verachtenden Mutter gerät – eine Konstellation, die ein bisschen an die Mutter-Tochter-Duelle von Elfriede Jelinek erinnert, aber hier in einer ganz anderen Tonart gehalten ist.
Überhaupt kehrt Mayer stets nur an den besten Adressen ein, wenn sie sich ein bisschen Inspiration bei Landsleuten holen will: Das kolloquiale Parlando erinnert mitunter an Wolf Haas ("Und ja, das hat schon gestimmt, der Reini hat irgendwie ein Talent zum Verlieren gehabt"); und wenn die Ich-Erzählerin sich schon einmal zu einer übers Halbsatzformat hinaus gehenden Beobachtung aufschwingt, die im vorliegenden Fall Frau Ferdinands Bananen frühstückenden Sohn Georg betreffen, klingt das in seinem analytischen Sarkasmus wie Vintage Hochgatterer: "Ja, meinte Georg, das ist in diesem Beruf das A und O. Man muss auf die Menschen zugehen können und ihre Eigenheiten lieben, um ihre eingefleischten Gewohnheiten verändern zu können. Einfleischen zerfleischen – er hat es mit dem Fleisch, dachte ich, der Bananenmann."
Auf diese Weise macht dieses Debüt seinem Titel alle Unehre: "Fliegengewicht" ist keine bloße Talentprobe, es ist ein Versprechen.

Klaus Nüchtern in Falter 32/2010 vom 13.08.2010 (S. 29)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783895611353
Erscheinungsdatum 01.08.2010
Umfang 220 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Schöffling
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