Der rote Jaguar

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Auf einer traumhaften Küstenstraße kreuzen sich zwei Lebenswege auf verhängnisvolle Weise: Zoran ist ein Serbe, der keiner sein will, seiner Heimatstadt Sarajevo den Rücken gekehrt hat und inzwischen in Wien lebt. Seit er nach einem Punkkonzert der Staatssicherheit berichten musste, verfolgt ihn die Scham über seine Schwäche. Erstmals nach langer Zeit ist er mit seiner Frau in einem roten Jaguar wieder in der alten Heimat unterwegs. Der Kroate Ante Gavran dagegen, der aus einfachen Verhältnissen zum General aufgestiegen ist, hält große Stücke auf sein Land. Voller Stolz verhilft er dem faschistischen Erbe der Ustascha mit Gewalt zur Geltung. Mitten in einem aufgeheizten Fußballspiel zwischen den beiden Nationen, das alle im Fernsehen verfolgen, läuft der Sohn des Generals auf die Straße. Direkt vor den Jaguar.
Mit unbändiger Erzähllust und gewohnt kritischem Geist braust Miljenko Jergović in seinem neuen Roman in eine nahe Zukunft, in der die Geister des Nationalismus, die der Balkan rief, mithilfe von Fake News außer Rand und Band geraten sind.

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FALTER-Rezension

Wie man zum Kroaten geohrfeigt wird

In seinem Roman "Der rote Jaguar" lässt Miljenko Jergović Autos und Identitäten kollidieren

Miljenko Jergović ist ein in Zagreb lebender bosnischherzegowinischer und kroatischer Schriftsteller, Dichter und Essayist, der vornehmlich in kroatischer Sprache schreibt." So steht's bei Wikipedia. Klingt kompliziert, ist es auch und darüber hinaus das Thema von Jergović' jüngstem Roman, in dem der Autor unter anderem der Frage nachgeht, wie man zum Serben, zum Kroaten oder Bosniaken gemacht wird.

Dieser Herkunftsidentität, die in den giftigen Narrativen diverser Nationalismen als jahrhundertealte Kontinuität von Blut und Boden imaginiert wird, eignet bei Jergović stets ein Moment von Willkür und Gewalt: "Ganz ehrlich: Ich bin nicht von Vater und Mutter her Kroate, sondern wegen dieser Ohrfeige", bekennt Ante Gavran.

Die Ohrfeige fängt sich der Sohn einer Hausfrau und eines früh verstorbenen Bergmanns ein, weil er den frischgegossenen Beton der Türschwelle von Stojan Malarić mit dem Graffiti "ŽAP" verunziert hat. Das Anagramm, das für "Živio Ante Pavelić" steht und den Gründer der faschistischen Ustascha-Bewegung hochleben lässt, ist im bosnischen Kakanj, wo der Bub aufwächst, eine ausgemachte Provokation.

Neben einer saftigen Dachtel trägt sie ihm auch noch zwei Jahre in einem Heim für Schwererziehbare ein; eine Maßnahme, die Gavran in retrospektivem Zynismus gern allen Landsleuten angedeihen lassen würde, "denn dann hätten wir uns nicht entzweit, es gäbe keine Verräter unter uns, keine Kommunisten und Partisanen, alle würden an Gott glauben und niemand [ ] behaupten, unsere Seite hätte im letzten Krieg Kriegsverbrechen begangen". Gavran selbst arbeitet sich nach dem Heimaufenthalt, der seinen weiteren Lebensweg determinieren und ihm das Dasein als "promovierte Null" ersparen soll, vom Pfleger und Heizwerker zum General hoch.

Als früher Witwer setzt Gavran mit seiner zweiten Frau, einer Serbin, die sich katholisch taufen lässt, jenen "Herkul" in die Welt, der dem vor zwei Jahren im Original erschienenen Roman den Titel gab. Wenig helden-und halbgotthaft, sondern vielmehr ein 30-Jähriger vom mentalen Niveau eines Kindergartenkindes, wird Herkul schlussendlich vor jenes Auto laufen, das der deutschen Ausgabe als Titel dient.

Gelenkt wird dieser rote Jaguar mit Wiener Kennzeichen fatalerweise von Zoran. Er ist der zweite Ich-Erzähler des Romans und die Kontrastfigur zu Gavran: ein Serbe, der seine Heimatstadt Sarajevo verlassen hat; allerdings nicht wie sein Autor während, sondern erst nach der Belagerung. Mit seiner Frau Borka, Tochter eines Generals der Jugoslawischen Volksarmee, übersiedelt er auf Anraten eines ehemaligen Fähnrichs seines Schwiegervaters nach Wien, wo die beiden als Grafikdesigner respektive Architektin arbeiten und Zwillinge bekommen. Nora und Adrian -bloß keine Jugo-Namen! - erweisen sich als hyperaktiv und neurotisch, scheinen alle Ängste ihrer Vorfahren geerbt zu haben, ehe sich mit der Einschulung schlagartig alles ändert: "Unser Fleisch und Blut verschwand im Irgendwo, ihm entstiegen zwei kleine, sehr verantwortungsvolle und recht unterkühlte Österreicher."

Die Eltern hingegen erweisen sich als Angehörige einer Lost Generation; stolz auf ihre Ösi-Kinder, aber selbst der alten Heimat entfremdet, scheuen sie den Kontakt zu dieser und ihren Angehörigen: "Jahrelang reisten wir wegen der Angst vor Jugoslawien durch die Welt und mieden mit Bedacht alles, was südöstlich von Villach und Klagenfurt lag."

Die Verschränkung von Familien-und Weltgeschichte hatte Jergović bereits in dem 600-Seiten-Roman "Das Walnusshaus" (2003/2008) und seinem annähernd doppelt so dicken Opus magnum "Die unerhörte Geschichte meiner Familie"(2013/2017) in epischer Breite betrieben. Auch "Der rote Jaguar" erzählt von den blauen Flecken, die den von der Geschichte Geprügelten und sich durch diese Prügelnden blühen -wenn diesen nicht noch Schlimmeres widerfährt -, aber er tut das auf sprunghafte, fragmentarische und dann wieder recht detailfreudige Weise.

Auf diese Weise mutet Jergović' ästhetisch ziemlich disparater Roman seinen Lesern auch einiges zu. Zwischen einer ausgedehnten Rückblende in die Subkultur der 1980er-Jahre und den ins Jahr 20XY fortgeschriebenen ethnischen, religiösen und politischen Konflikten, die im orgiastisch-apokalyptischen Finale erneut eskalieren, können sich Leser, die mit (post)jugoslawischer Geschichte allenfalls so weit vertraut sind, um Peter Handke zu bashen, schon ein bisschen verloren fühlen. Dass es der Verlag nicht der Mühe wert gefunden hat, ihnen durch ein Vor-oder Nachwort, durch Fußnoten oder ein Glossar zur Hand zu gehen und auf die Sprünge zu helfen, muss daher als nach-, ja geradezu fahrlässig gelten.

Klaus Nüchtern in Falter 38/2021 vom 24.09.2021 (S. 33)

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Produktdetails
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ISBN 9783895613890
Erscheinungsdatum 24.08.2021
Umfang 192 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Schöffling
Übersetzung Brigitte Döbert
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