bernsteyn und rose

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Kurzbeschreibung des Verlags:

in klarer sprache und lebendigen bildern erzählt samuel mago geschichten
aus der welt der roma. er nimmt uns mit in das budapester ghetto, wo roma und
juden tür an tür leben, in die šutka von skopje, wo selbstbewusste
romamädchen karate trainieren, zu einem goldhändler in der wollzeile, der
einen coup plant, den ein rom für ihn ausführen soll, in die spielcasinos im
wiener prater und in eine welt, in der für kurze zeit das wünschen noch
geholfen hat.

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FALTER-Rezension

„Integration? Ich hasse dieses Wort“

Es geschah im Turnunterricht. Samuel Mago war 15, als ein Bub einen anderen beschimpfte. Mit dem „Z-Wort“, das Mago zwar selbst ausspricht, aber bittet, es nicht zu schreiben. „Sag das nicht“, mischte sich Mago damals ein. „Ich bin auch einer.“

Dass er aus einer Roma-Familie stammt, wusste bis dahin keiner in dem Wiener Gymnasium. Seine Eltern sind gebürtige Ungarn, der Vater ist studierter Violinist, die Mutter Sozialarbeiterin. Auch Mago kam 1996 in Budapest zur Welt. Als er vier Jahre alt war, zog die Familie nach Wien. Hier wusste niemand, dass Mago ein typischer Roma-Nachname ist, und seine Eltern, sagt Mago, haben es vielleicht nicht verheimlicht, aber „verdeckt“.

Mago gehört zur jungen Generation von Roma, die sich nicht mehr verbergen will. Mit seinem „Outing“ vor zehn Jahren im Turnsaal begann der Aktivismus.

Sein bisher jüngstes Projekt: Seit 8. April dieses Jahres gibt es die „Hochschüler*innenschaft Österreichischer Roma und Romnja“ (HÖR), den ersten Jugendverein der Roma in Österreich. Samuel Mago ist Mitbegründer und stellvertretender Präsident. Die HÖR soll nicht nur für Studierende da sein, geplant sind neben Podiumsdiskussionen (am Donnerstag etwa eine zu den ÖH-Wahlen Mitte Mai) auch jede Menge Partys, sobald man wieder darf.

Bis dahin wird Mago nicht fad werden. Gerade hat er sein drittes Buch veröffentlicht, einen Gedichtband. Nebenbei studiert er transkulturelle Kommunikation („bald“ fertig), gibt Workshops als Antiziganismus-Trainer, in denen er über rassistische Vorurteile gegen Sinti und Roma aufklärt, und unterrichtet Romanes, die Sprache der Roma. Das Wort „Roma“ heißt auf Romanes „Menschen“ oder „Männer“ und dient auch als Überbegriff für die verschiedenen Gruppen.

Romanes wird in seiner Familie seit 100 Jahren nicht mehr gesprochen, doch mit 15, bald nach der Episode in der Schule, wollte Mago die Sprache lernen. Im Romano Centro, dem wichtigsten Roma-Verein in Österreich, tat er das – und lernte andere junge Roma kennen, die politisch aktiv waren. In seinem Maturajahr, 2014, organisierte er mit dem Romano Centro eine internationale Jugendkonferenz gegen Antiziganismus in Wien.

Seit 600 Jahren leben Roma und Sinti in Österreich, ebenso lange ist ihre Geschichte der Diskriminierung. Von den 11.000 Roma, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Österreich wohnten, überlebte nur jeder Zehnte den Holocaust. Wie viele Roma heute in Österreich leben, erfassen Volkszählungen nicht.

Zwischen 20.000 und 100.000 könnten es sein, vermutlich kamen viele während der Gastarbeiterbewegung und nach dem Ende des Kommunismus aus Südosteuropa. Erst 1993 wurden sie als Volksgruppe anerkannt, ihr Kampf aber ist noch lange nicht vorbei: Eine repräsentative Umfrage im Rahmen der Antisemitismusstudie des Parlaments aus dem Jahr 2019 zeigt, dass 37 Prozent der Österreicher keine Roma und Sinti als Nachbarn haben wollen; unbeliebter waren nur Afghanen.

„Ich bin ja eine weiße Palatschinke“, sagt Samuel Mago, während er sich eine Zigarette wuzelt. Mit seiner hellen Haut und den rötlichen Haaren käme niemand auf die Idee, dass er nicht Ungar oder Österreicher sei. Dabei ist es mit seiner Identität noch etwas komplizierter, denn Magos Großvater mütterlicherseits ist Jude, und Magos Vater hat eine jüdische Großmutter. Als „Rom mit jüdischen Wurzeln“ bezeichnet sich Mago selbst, auch, weil über die jüdische Familiengeschichte kaum gesprochen wurde. Es habe zu viele Traumata gegeben, glaubt Mago. Erst vor kurzem begann er zu recherchieren, in welchem Konzentrationslager seine Ururgroßeltern ermordet wurden.

Redet Mago heute über den Holocaust und die Lage von Roma und Juden im kommunistischen Ungarn, klingen Sätze wie „als ich das letzte Mal in Auschwitz war“ völlig normal. Man möge ihn stoppen, wenn er zu ausführlich werde. Er ist ein begnadeter Redner, gewann 2014 den mehrsprachigen Redewettbewerb „Sag’s multi“. Das habe er als Teenager gelernt, als seine Eltern eine Zeitlang ein Restaurant führten – und er dort viel Zeit verbrachte, beim Kellnern aushalf, wenn viel los war.

In jenem Teil von Budapest, in dem Magos Eltern aufwuchsen, lebten und leben Roma und Juden in enger Nachbarschaft. Um dieses vergessene Miteinander geht es in seinen Büchern. 2015 gewann Mago den Jugendpreis des Exil-Literaturwettbewerbs, zwei Bände mit Kurzgeschichten hat er bereits herausgebracht, den ersten gemeinsam mit seinem um 15 Jahre älteren Halbbruder Karoly, einem ungarischen Journalisten.

In sanfter, klarer Sprache geben sie „literarisch ausgeschmückte“ Familiengeschichten wieder, es geht um die großen Themen: enttäuschte Liebe, krumme Geschäfte, Suizid und Trauma, Flucht und Freundschaft. Besuchte er seine Großmutter in Budapest, bat er sie, zu erzählen, und nahm sie am Smartphone auf. „Plötzlich hab ich die Geschichten, die mir nach tausendmal Hören schon am Arsch gegangen sind, als wertvoll wahrgenommen.“ Die Großmutter ist es auch, die auf dem Cover seines kürzlich erschienen Bands „bernsteyn und rose“ abgebildet ist.

Mago gehört zu jener jungen Generation,
die ganz selbstverständlich das Binnen-I mitspricht und englische Wörter wie „weird“ benutzt; die betont, wie privilegiert sie selbst ist – und die leidenschaftlich darüber redet, was ihrer Meinung nach falsch läuft.

Dass in Österreich Bildung weiterhin vererbt wird, beispielsweise, was Roma besonders trifft. Die HÖR will sich für Hochschulstipendien einsetzen. Oder, dass das offizielle Österreich Roma immer noch „integrieren“ will. „Boah, ich hasse dieses Wort“, sagt Mago. „Wir waren schon da, als Mozart ,Eine kleine Nachtmusik‘ geschrieben hat, und man spricht von uns noch immer als Fremde.“ Samuel Magos Lebenswerk soll es sein, das zu ändern.

Anna Goldenberg in Falter 18/2021 vom 07.05.2021 (S. 44)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783901899867
Erscheinungsdatum 26.01.2021
Umfang 210 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Taschenbuch
Verlag edition exil
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