Das Gegenteil von Gut... ist gut gemeint

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Kurzbeschreibung des Verlags:

In der Savanne Ghanas geschieht Seltsames. In ihren abgelegenen Dörfern stehen seit einiger Zeit Einrichtungen, die dort nicht stehen sollten; bewohnt von Kindern, die dort nicht wohnen müssten; betrieben als Geschäft, das nicht betrieben werden dürfte. Denn neun von zehn Waisenkindern in Ghana haben eigentlich Familie, leben ohne Notwendigkeit getrennt von ihren Eltern und Geschwistern. Und das ist nicht zuletzt auf die Nachfrage eines bizarren Marktes am anderen Ende der Welt zurückzuführen. In einer packenden Reportage zeigt Daniel Rössler, was passieren kann, wenn alle Gutes wollen. Wenn der Wunsch zu helfen und „sich irgendwo in Afrika sinnvoll zu betätigen“ vor Ort zu ernsten Problemen führt, wenn Nachfrage Angebot schafft – und kommerzieller Freiwilligentourismus damit Waisen produziert. Der Autor begibt sich auf eine spannende Recherchereise quer durch die Savanne Ghanas und entwirrt ein verworrenes Komplott rund um gutherzige europäische Freiwillige, scheinbar hilfsbedürftige Kinder und skrupellose Geschäftemacher. Doch am Ende verschwimmen die Grenzen: zwischen Richtig und Falsch, zwischen Profit und Nächstenliebe, zwischen Opfern und Tätern. Nur die Verlierer bleiben immer dieselben – für sie geschieht das Gegenteil von Gut.

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FALTER-Rezension

Wie man sich afrikanische Waisenkinder macht

In Ghana werden Waisenhäuser als potemkinsche Dörfer gebaut. Nicht für Waisen. Sondern für Weiße, die Waisen helfen wollen

Helfen tut gut. Nicht nur denen, denen geholfen wird, sondern auch denen, die helfen. In der aktuellen Flüchtlingskrise kann man diesen Mechanismus, wenn man will, am eigenen Leib durchleben: Erst kommt, angesichts eines Problems, das Adrenalin. Dann die Endorphine, die einen durchspülen, wenn einen jemand dankbar anschaut. Und am Ende der Stolz, wenn man Bilder der eigenen Leistungen – saubere, satte, glückliche Flüchtlingskinder – auf Facebook posten kann. Das Bedürfnis, anderen Menschen zu helfen, ist großartig. Aber der Kapitalismus wäre nicht der Kapitalismus, hätte er es nicht geschafft, daraus ein vermarktbares, profitables Produkt zu machen.

Voluntourismus
Dieses Produkt heißt „Waisenhaus“ und die Geschichte beginnt mit einer Werbeannonce: „Irgendwo auf der Welt braucht ein Kind deine Hilfe. Ein Kind, dessen Leben sich dadurch für immer verändern wird ... Du wirst deine persönlichen Stärken dazu einsetzen, Kinder zu betreuen, auszubilden, zu füttern, zu formen – und zu schützen.“
Mit solchen Worten werben Vermittlungsagenturen um Menschen, die reisen und etwas erleben wollen – allerdings ohne „normale Touristen“ zu sein. Solche gibt es viele in den reichen Ländern. Die meisten sind zwischen 18 und 25, erfahrungshungrig und ahnen, dass sich soziales Engagement auch im Lebenslauf gut macht. Andere sind gutverdienende Mittvierziger, die auf dem Zenit ihrer Karriere von der Sinnkrise gepackt werden. Eine rapide wachsende Zielgruppe sind schließlich weltoffene, rüstige Pensionisten mit der Sehnsucht, gebraucht zu werden.
Sie alle sind bereit, dafür zu zahlen, dass sie helfen dürfen, zwischen 1000 und 3000 Euro pro Monat. „Voluntourismus“ wird dieser boomende Wirtschaftszweig genannt. Von der „Betreuung brasilianischer Straßenkinder über Englischunterricht in chinesischen Schulen, von der Pflege kambodschanischer Minenopfer über Bewegungstherapien für gehbehinderte Sudanesen“ ist alles buchbar, allein im Jahr 2011 waren an die zehn Millionen Menschen so unterwegs.
Die Helfer kommen meistens glücklich nach Hause zurück, mit vielen Fotos auf der Festplatte. Aber was macht es mit jenen, denen geholfen wird? Das kann man nun, am Fallbeispiel Ghana, detailliert nachlesen.
Daniel Rössler, Autor des Buches „Das Gegenteil von Gut … ist gut gemeint“, war im Jahr 2011 selbst im Norden des Landes für ein Entwicklungshilfeprojekt verantwortlich. Es ist eine karge Gegend: „Das nächste Krankenhaus ist einen halben Tagesmarsch weg, in der Schule unterrichten viel zu wenige Lehrer in viel zu kleinen Klassenzimmern vor viel zu vielen Schülern, auf den Feldern lässt sich wegen fehlender Maschinen und sengender Hitze nicht einmal ein Bruchteil der benötigten Nahrung ernten.“ Ein armes Dorf. Mit vielen armen Kindern. Doch Waisenkinder gibt es nicht – die familiären Bindungen sind stark, und jedes Kind, das seine leiblichen Eltern verliert, kommt ganz selbstverständlich in der erweiterten Familie unter.
Dennoch gibt es, wie in hunderten Dörfern Ghanas auch, ein Waisenhaus. Ein leeres Haus, mit einem Innenhof, mehreren Schlafräumen, Betten und einem Direktor. Sobald ein „Suliminga“ (so werden hier Weiße genannt) sich über die staubige Dorfstraße nähert, trommelt man schnell Kinder aus der Umgebung zum Fototermin zusammen.
Der Direktor präsentiert die Wunschliste für Spender: „Spielsachen, Zahnbürsten, Hosen, Matratzen, unbedingt Matratzen!“ Rössler beschreibt die absurde Szene so: „Es wurde Theater gespielt: Die Kinder gaben die Waisen, der Direktor war der Regisseur, und aufgeführt wurde für das zahlende Publikum.“ Ist der Suliminga weg, gehen alle wieder heim.
Wenn hingegen Freiwillige kommen und länger bleiben wollen, um Waisenkindern zu helfen – dann bleiben auch die Kinder im Waisenhaus. Über Wochen, Monate, Jahre. Bekommen täglich drei Mahlzeiten, spielen mit den Freiwilligen, bekommen von ihnen Geschenke, feste Schuhe, Buntstifte. Aber sie entfremden sich gleichzeitig von ihren Eltern, lernen nicht wie die anderen Kinder das Arbeiten auf dem Feld und werden Außenseiter im Dorf.
Ist das Betrug? An wem? Wird hier jemandem Unrecht getan? Oder bekommt hier jeder etwas, das er gesucht hat – wenn auch unter falschem Vorwand?

Arme Schwarze und edle Weiße
Daniel Rössler fährt auf holprigen Straßen durch die staubige Savanne, um sich an diesen paradoxen Fragen abzuarbeiten und nimmt seine Leserinnen und Leser bei seinen Recherchen mit. Wir treffen den Dorfvorsteher, der die ökonomischen Chancen für sein Dorf im Auge hat. Die Regierungsbeauftragte, die in der fernen Hauptstadt vergeblich versucht, das Geschäftsmodell zu unterbinden. Den Agenten, der auf dem Flughafen die idealistische Kundschaft umwirbt. Den Fahrer, den Barbesitzer und die Marktfrau, die profitieren, wenn Weiße kommen. Den Waisenhausdirektor, der von Tür zu Tür geht und die Kinder mit Essen, Kleidung und Schulgeld lockt. Wir treffen arme Eltern, die sein Angebot annehmen, im festen Glauben, ihren Kindern damit etwas Gutes zu tun. Und wir treffen Mareike, Lars und die anderen Jugendlichen, die genau dasselbe glauben.
Lauter gute Absichten – die am Ende nur Schaden anrichten. Und nichts anderes erzeugen als das alte kolonialistische Zerrbild von den „armen Schwarzen“, denen von „edlen Weißen“ geholfen werden muss.
Daniel Rössler schafft es bis zum Ende seiner Recherchereise nicht, den jungen Leuten diese Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Hoffentlich lesen sie wenigstens hinterher sein Buch.

Sibylle Hamann in Falter 39/2015 vom 25.09.2015 (S. 22)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783902924421
Erscheinungsdatum 01.04.2015
Umfang 260 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Format Hardcover
Verlag Seifert Verlag

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