Zeitzeugnisse einer Journalistin
Juliane Fischer in FALTER 1-3/2026 vom 14.01.2026 (S. 22)
"Das ist alles schon ewig her, jedenfalls nach den Standards unserer in fieberhaftem Wandel begriffenen Epoche der Weltgeschichte", liest man in dieser Neuerscheinung. Dabei stammen diese Worte aus dem Jahr 1932. Geschrieben hat sie Dorothy Thompson in der Saturday Evening Post, einer Wochenzeitung aus Philadelphia. Jetzt wurden elf Artikel ins Deutsche übersetzt und im Verlag Das vergessene Buch herausgegeben. Ein zweiter Teil soll unter dem Titel "Der Anfang der Diktatur" folgen.
Europa sei in einem "Zustand völligen Durcheinanders und die Bevölkerung in eine Art Massenwahn versetzt", schreibt die Korrespondentin. Besondere Aufmerksamkeit widmet sie der Zwickmühle "Versailler Vertrag" mit seinen zerbröselten Illusionen. Anfangs zerlegt sie Joseph Goebbels Sportpalastrede, vergleicht Adolf Hitlers Programm mit jenem Benito Mussolinis und zeigt, wie Wahlversprechen und Realität auseinanderklaffen.
Sie interviewt Deutschlands Kanzler Heinrich Brüning, der den Antipopulisten gibt: "Ich weigere mich, Versprechungen zu machen, die ich nicht erfüllen kann. Das Ziel von Politik sollte es sein, Pläne nicht für den Augenblick zu machen, sondern für ein Jahrzehnt." Und sie schleust sich undercover als Rot-Kreuz-Schwester ein, um über den Putschversuch von Kaiser Karl in Ungarn zu berichten. Die Witwe Zita besucht Thompson im belgischen Exil, und sie zoomt nach Ostpreußen, wo der Frieden auf besonders wackeligen Beinen steht.
Die reportagigen Elemente, die zum Beispiel zeigen, wie die Nationalsozialisten sich inszenieren, lesen sich am spannendsten. Journalisten, die aufdeckten, welche Schlupflöcher man in Deutschland fand, um aufzurüsten, wurden mit dem Vorwurf des Ehrenverrats verhaftet. Dorothy Thompson selbst wurde als eine der Ersten 1934 ausgewiesen.
Fünf Jahre später kürte sie das Time-Magazin zur einflussreichsten Frau in den USA.


