Der Graf Luna

Roman
288 Seiten, Hardcover, ab 16 Jahre
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Themen Belletristik Allgemein, nicht nach Genre Allgemein und literarisch
ISBN 9783903244481
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 03.07.2026
Größe 18.5 x 11.5 cm
Verlag Das vergessene Buch
Empf. Lesealter ab 16 Jahre
Sammlung Krimis der Saison
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HerstellerangabenAnzeigen
CPI books GmbH
Birkstraße 10 | DE-25917 Leck
info@cpi-print.de
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Kurzbeschreibung des Verlags

WIEN IN DEN FRÜHEN 1950er JAHREN… Alexander Jessiersky, österreichischer Aristokrat russisch- polnischer Abstammung, bewohnt mit seiner Familie ein prächtiges Stadtpalais im Wiener Ersten Bezirk. Er verhält sich nach dem Anschluss unauffällig und angepasst – und geht als Profiteur aus dem Zweiten Weltkrieg hervor. Doch die Vergangenheit lässt sich nicht so einfach begraben. Jessiersky trägt Mitschuld an der Deportation eines Mannes ins Konzentrationslager Mauthausen: des Grafen Luna. Ist es dieser totgeglaubte Graf, den er unvermutet im Mondschein in der Nähe seines Palais erspäht und der nun Rache an ihm und seiner Familie nehmen will? Getrieben von Schuldgefühlen und zunehmend ins Paranoide übergreifender Angst gerät Jessiersky immer stärker in den Bann der rätselhaften Gestalt und deren wechselvoller Familiengeschichte, mit der er sich manisch zu beschäftigen beginnt. Doch so sehr er sich auch vom Albdruck des Geschehenen befreien will: Der geheimnisvolle Graf Luna verfolgt ihn gleich einem Dämon durch das irrlichternde Wien der Nachkriegszeit, sodass Jessiersky bald zum Äußersten bereit ist, um seinen Seelenfrieden wiederherzustellen. Ein abgründiges Katz-und-Mausspiel bahnt sich an, das Jessiersky in atemlosem Tempo über die Bergkämme des Salzkammerguts bis in die Katakomben Roms treibt, wo sich sein Schicksal zuletzt besiegelt. Alexander Lernet-Holenias 1955 bei Zsolnay in Wien erschienener phantastischer Kriminalroman ist ein Werk von dichter Atmosphäre, psychologischer Spannung und stilistischer Eleganz. Im literarischen Spiel mit Motiven wie Schein und Wahrheit, Schuld und Verantwortung, arbeitet der k.u.k-Meistererzähler die Erfahrung des Nationalsozialismus in Österreich und die Verstrickungen Einzelner darin auf. „Ein Erzähler höchsten Ranges.“ – Hilde Spiel „…Wenn in ihm das Feurige erwacht, ist er nach meinem Empfinden großartiger als alle andern.“ – Stefan Zweig „…ein Autor mit federleichtem, ungezwungenem Stil" – Claudio Magris

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ISBN 9783903244481
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FALTER-Rezension

Was ich dir angetan habe, verzeih ich dir nie

Klaus Nüchtern in FALTER 33/2026 vom 12.08.2026 (S. 25)

Die österreichische Literatur besteht derzeit aus zwei Autoren, aus dem Lernet und dem Holenia." So brachte es Hans Weigel, Literaturbetriebsstrippenzieher und Kalter Krieger, 1948 auf den Punkt. 18 Jahre später war der einst Belobhudelte tot und das auf ihn gemünzte Bonmot obsolet. Thomas Bernhard und Peter Handke hatten einen gänzlich anderen Sound etabliert, und Lernet-Holenia stand als Has-been da, der ein wenig nach Mottenkugeln müffelte.

Der gegenwärtige Status des literarischen Grandseigneurs von einst lässt sich unschwer durch einen Blick auf den Buchmarkt überprüfen: Bis vor kurzem waren von den über zwanzig Romanen Lernets zwar einige in englischer, französischer oder spanischer Übersetzung lieferbar, kein einziger aber im deutschen Original. Das hat sich nun geändert. Der Verlag Das vergessene Buch, dem unter anderem die Wiederentdeckung des Werkes von Maria Lazar und Marta Karlweis zu verdanken ist, hat Lernets Roman "Der Graf Luna" herausgebracht, der ursprünglich bei Zsolnay erschienen war, und zwar im April 1955.

Das Veröffentlichungsdatum ist interessant zum einen, weil wenige Wochen später bekanntlich der österreichische Staatsvertrag unterzeichnet wurde, zum anderen, weil im gleichen Jahr auch Doris Brehms "Eine Frau zwischen gestern und morgen" herauskam. Der im Vorjahr neu aufgelegte Roman der aus Dresden gebürtigen Wiener Bibliothekarin verhandelt einen ähnlichen Themenkomplex wie "Der Graf Luna": In beiden Büchern geht es um Mitläufertum und Mitschuld am Nationalsozialismus; von echter Opposition ist freilich nur bei Brehm zu lesen, die sich als Kommunistin selbst am Widerstand beteiligt hatte.

Lernet-Holenia war, weltanschaulich betrachtet, gewiss die schillerndere Figur. Er hatte das Kunststück zuwege gebracht, sich den Ruf sowohl eines reaktionären Monarchisten als auch eines Sowjet-Sympathisanten einzuhandeln. Mit der ihm eigenen Konfrontationsfreudigkeit hatte er Gottfried Benn dessen Nazi-Unterstützung unter die Nase gerieben, war aber auch aus Protest als Präsident des Österreichischen PEN-Clubs zurückgetreten, als der dezidiert linke Heinrich Böll 1972 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Unbeliebt bei den Nazis, blieb Lernet als Autor nichtsdestotrotz weitgehend unbehelligt, lediglich die Auslieferung der Buchausgabe seines zuvor schon in Fortsetzungen in der Zeitschrift Die Dame erschienenen Werkes "Mars im Widder" war 1941 untersagt worden. Dem Propagandaministerium und der Heeresleitung war die Schilderung von Hitlers Überfall auf Polen, an dem der Autor selbst teilgenommen hatte, wohl zu unverblümt und realistisch ausgefallen.

Der Fantastischen Literatur zugerechnet werden darf indes "Der Graf Luna". Lernet war befreundet mit dem um zehn Jahre älteren Leo Perutz, der im nämlichen Genre reüssierte, und wie beim deutschen Vertreter der Schwarzen Romantik E.T.A. Hoffmann wimmelt es auch bei ihm von Doppelgängern und Figuren mit obskuren, fluiden Identitäten.

Das gilt auch für "Der Graf Luna". Der Germanist Wynfrid Kriegleder, der in seinem einlässlichen, vierzig Seiten starken Nachwort Leben und Werk Lernet-Holenias historisch und ästhetisch präzise verortet, hat die Zeit, in der die Rahmenhandlung des Romans spielt, auf die ersten Maitage des Jahres 1951 datiert. In ihnen irrt der Protagonist, Alexander Jessiersky, durch die Katakomben von San Sebastiano in Rom, in denen zuvor zwei Priester verschollen sind. Der Bericht eines Ministerialbeamten, der über die letzten Tage Jessierskys, der sich offenbar per Schiff nach Argentinien absetzen wollte, Auskunft erteilt, ist so fragwürdig wie der Narrator der Binnenerzählung unverlässlich. Fest steht jedenfalls eines: Ohne dies gewollt oder betrieben zu haben, ist Jessiersky mitverantwortlich dafür, dass ein gewisser Graf Luna im KZ Mauthausen beziehungsweise Ebensee landet. Die Direktoren seines Unternehmens waren um das Jahr 1940 herum durch Denunzierung besagten Grafen an dessen Grundstücke gelangt, die dieser nicht hatte verkaufen wollen.

Geplagt von schlechtem Gewissen sucht Jessiersky zunächst Luna, von dessen Überleben er überzeugt scheint, über dessen haltlos opportunistische Verwandte Unterstützung zuteil werden zu lassen. In einem Prozess der Schuldumkehr imaginiert er sich das Opfer freilich zum Täter zurecht, der ihm und seinen Angehörigen Schaden zufügen, ja gar nach dem Leben trachten will. Erfasst von Paranoia gerät Jessiersky in eine Abwärtspirale der Gewalt, die ihn gleich mehrfach zum Mörder werden lässt.

Als durchgängig geglückt kann "Der Graf Luna" deswegen nicht gelten, weil der Autor seinen Hang zur Fantastik etwas gar haltlos die Zügel schießen lässt und hinter die im Roman formulierte Einsicht "Dichten heißt: das Unwesentliche weglassen" immer wieder zurückfällt. Die seitenlangen Ausführungen zur Genealogie der Protagonisten oder zur Archäologie des antiken Rom drücken aufs Tempo und mindern das Lesevergnügen.

Läuft er zur Hochform auf, dann erweist sich Lernet-Holenia freilich als Autor von Weltrang, dessen psychologischer und zeitdiagnostischer Scharfblick sich in glasklaren Beobachtungen von bösartigem Witz und schneidendem Sarkasmus manifestiert.

Vom Protagonisten heißt es einmal, er sei "wahrlich weder ein Faschist noch überhaupt irgendwas dergleichen, geschweige denn das Gegenteil davon gewesen"; und der Enthusiasmus, mit dem Jessiersky seinen Geschäften und ehelichen Pflichten nachgeht, wird wie folgt beschrieben: "Er lebte durchaus in seiner eigenen Welt, von der niemand, und wahrscheinlich auch er selbst nicht, genau wusste, was für eine Welt es eigentlich war. Tagsüber kümmerte er sich nur nebenbei um das Transportunternehmen, und nachts stellte er seiner Frau ein Kind ums andere her, weniger aus Überzeugung als vielmehr aus Zerstreutheit, und weil diese Elisabeth Pilas allen Wert darauf legte. Zudem blieb sie eine ganze Zeit lang hübsch und machte es ihm nicht schwer."

Nicht grundlos hat der Literaturkritiker Michael Maar das elegante Schandmaul Lernet-Holenia in seinem Buch über "das Geheimnis großer Literatur" als überragenden Stilisten gewürdigt und gemeint: "Wenn es einen Club der unterschätzten Dichter gäbe, Lernet-Holenia wäre ihr Ehrenvorsitzender."

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