
Der Märchenprinz sitzt im Bungalow
Sebastian Fasthuber in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 32)
er Ökonom Ernst F. Schumacher flog 1955 nach Burma, um die Wirtschaft dort auf westliche Standards umzumodeln. Doch der Besuch änderte seinen Blick auf die Welt. Später schrieb er das Buch „Small Is Beautiful“, ein Plädoyer für eine Rückkehr zum menschlichen Maß im Wirtschaften. Manchmal hört man den Titel noch als Slogan.
Was hat das mit der österreichischen Popmusik zu tun? Gar nicht wenig. Pop wendet sich an alle, taugt dadurch zum Massenprodukt. Für die Musikindustrie, ob die US-amerikanische, englische wie auch die deutsche, war das kleine Österreich immer der dritte Zwerg von links: ein im Grunde unbedeutender Markt.
Wer als Musiker etwas schaffen will, hat hierzulande zwei Möglichkeiten. Entweder lehnt man sich an internationale Trends an oder versucht zu einer eigenen Ausdrucksweise zu finden. Das Blöde ist: Kommerziell führen beide Wege selten zum Erfolg. Im ersten Fall entstehen brave Kopien, die weder in der Heimat noch in der erträumten großen Welt für Aufhorchen sorgen.
Im zweiten Fall wiederum bleiben die Künstler auf einen kleinen Markt beschränkt. Mit Songs in österreichischem Idiom – womöglich gar im Dialekt – ist schon in Norddeutschland schwer zu reüssieren. Aber schön kann die Musik sein. Small is beautiful.
Womit wir bei Walter Gröbchen und Thomas Mießgang und ihrem Buch „Die guten Kräfte“ wären. Sie unternehmen darin einen Rundgang durch die heimische Popmusik der letzten 70 Jahre – vom Nachkriegsschlager bis zu Hits der letzten Jahre. Wer eine große These oder eine Gesamtdarstellung sucht, muss anderswo suchen.
Es handelt sich um ein Lesebuch, das in Form von Häppchen schlaglichtartig die heimische Popgeschichte Revue passieren lässt. Alphabetisch nach Interpreten geordnet, umfasst es kurze, kulinarische Texte über 100 Songs, die – ja, was eigentlich darstellen? Handelt es sich um die besten Popsongs heimischer Provenienz? Oder bloß um die erfolgreichsten?
Gröbchen und Mießgang, beide seit Jahrzehnten tief in der Materie drin, geben zwei Mal einen Daumen nach unten. Zum einen will ihr Buch keine kommentierte Charts-Show sein, wie man sie aus dem deutschen Privatfernsehen kennt. Würde es rein nach Verkaufszahlen gehen, käme das Buch nicht an Andreas Gabalier und DJ Ötzi vorbei – die jedoch ausgespart werden.
Im Vorwort führen die Autoren aus, dass es ihnen zum anderen auch nicht nur um die ihrer Ansicht nach gelungensten Songs geht. Neben Lieblingsliedern finden sich sogar ein paar verhasste Musikstücke. Entscheidend war: Die Songs sagen etwas aus – über die Zeit und Gegend, in der sie entstanden sind, bisweilen auch über die gesellschaftlichen Umstände.
„Viele Exempel blieben – mehr oder minder geschickte – Nachstellungen internationaler Vorlagen“, heißt es an einer Stelle, „aber es gab auch äußerst originelle und originäre Ton- und Text-Schöpfungen, die mittels Dialekt, dem Aufgreifen von Mitteln der Volksmusik, der Subkultur, der Ironie und Parodie oder tollkühner Adoption und Adaption eigene Positionen entwickelten. Das unterscheidet Die guten Kräfte vom Gros des Mainstream-Mittelmaßes.“
Und so blättert man sich durch die Songs und Jahrzehnte, liest von psychedelischen Hippie-Schlagern („Gummizwerg“, Heinrich Walcher) und Hits, in denen bescheidene Aufstiegsträume besungen werden („Bungalow“, Bilderbuch).
Nicht mit jeder Auswahl ist man einverstanden. Manchmal wollen Gröbchen/Mießgang zwanghaft originell sein. „Vienna Calling“ als Falcos definitiver Song? Hüstel. Dann wieder fällt ihnen zu einigen Acts wenig ein. „Märchenprinz“ als Sternstunde der EAV? Naja.
Doch das sind kleine Einwände gegen ein gelungenes Buch, das außerdem einen edlen Zweck verfolgt: den erlahmenden öffentlichen Diskurs über Musik wieder in Gang zu bringen.


