Das Gesicht des Krieges
Reportagen 1937–1987

von Martha Gellhorn

€ 25,70
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Übersetzung: Hans-Ulrich Möhring
Verlag: Dörlemann
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 576 Seiten
Erscheinungsdatum: 15.08.2012


Rezension aus FALTER 11/2013

Gelächter im Schützengraben

Die große Kriegsreporterin Martha Gellhorn war stets auf der Flucht vor der Langeweile. Das führte sie an die Fronten des 20. Jahrhunderts

Was soll man denn tun, wenn man
es einfach nicht aushält? Am Sofa sitzen, Zeitung lesen, Bilder anschauen, staunend "aha" und "oh" sagen und sich von hier aus eine gepflegte, wohlformulierte Meinung über das Weltgeschehen bilden?
Es gibt Menschen, die werden, sobald ihr Leben behaglich zu werden droht, plötzlich unrund und unleidlich zu ihren Mitmenschen. Martha Gellhorn war so eine.
Es sei, schrieb sie einmal, einfach "zu viel Platz auf der Welt", das ertrug sie nicht. Sie musste weg aus ihrer wohlhabenden, gebildeten, netten Ärztefamilie, weg aus St. Louis, weg von ihren diversen Ehemännern (Ernest Hemingway war vier Jahre lang einer von ihnen), zu Fuß, im Auto, mit dem Zug oder auch per Eselskarren.
Wenn sie mit dem Flugzeug an die Front flog, beschrieb sie das so: "Der Pilot öffnete sein Fenster einen Spalt und schätzte die Windgeschwindigkeit. Schöne Landung (blind)". Und auch bei Schiffen hatte sie spezielle Vorlieben: "Wenn ich die Wahl hätte zwischen einem Vergnügungsdampfer und einem Dynamitschiff, ich hätte keine Mühe, richtig zu wählen."
Dynamitschiffe gab es genügend in der Zeit, in der Martha Gellhorn lebte. Ihre Biografie (1908–1998) umspannte das gesamte 20. Jahrhundert samt seinen Massenmorden, Kriegen und Kriegsverbrechen, und speziell von den Kriegen ließ Gellhorn kaum einen aus.
Sie lebte monatelang bei den Spanienkämpfern, die die Republik gegen die Faschisten verteidigten. Als einzige Europäerin weit und breit verirrte sie sich zwischen den Linien im Japanisch-Chinesischen Krieg. Den Zweiten Weltkrieg erlebte sie vom Anfang bis zum Ende.

Die Deutschen sind gut zu Tieren
Das US-Oberkommando ließ weibliche Reporter nicht offiziell bei den Truppen mitreisen – also fuhr sie auf eigene Faust. Umso näher war sie dran an den wirklich wichtigen Fragen. Etwa jener nach den Verwundeten: Wer trägt sie aus der Kampfzone, wer flickt sie zusammen, welche Scherze macht man während der Narkose, welchen Whiskey trinkt man nachher? Und wie benimmt man sich gegenüber dem verstümmelten feindlichen Soldaten im Bett nebenan?
"Ein Gefecht ist ein Verwirrspiel von kämpfenden Männern, bestürzten, verängstigten Zivilisten, Lärm, Gerüchen, Witzen, Schmerz, Furcht, abgerissenen Gesprächen und Sprengbomben."
Krieg ist grausam, aber er kann auch unendlich banal sein. Heroisch, und manchmal unendlich langweilig. Gellhorn bemerkt Details, die andere übersehen würden, inklusive der toten Ochsen am Straßenrand. Und wenn die Bomberpiloten im Morgengrauen von ihrem Einsatz zurückkommen, lässt sie sie erzählen, wie sie sich die erste Gartenparty nach dem Krieg vorstellen und welche Musik sie sich dazu wünschen. O ja, auch im Schützengraben wird gelacht. Vielleicht gerade dann, wenn die Gefahr am größten ist.
Endlich, nach Monaten an den verschiedensten Fronten, in Finnland, bei der Invasion in der Normandie, in den Ardennen, rückt Gellhorn dem Epizentrum des Bösen näher, überquert mit den alliierten Truppen den Rhein, betritt das kapitulierende Nazideutschland.
"Niemand ist ein Nazi. Niemand ist je einer gewesen", hört sie dort. Und staunt, nach all den Entbehrungen auf der anderen Seite der Front, fassungslos über das satte Leben: Es gibt Nahrung und Kleidung, Kohle, Bettzeug, Haushaltssachen und Vieh, da sind "Menschen, die noch über ihre kaputten Möbel weinen können".
Gellhorn ist in Dachau, als das Konzentrationslager befreit wird. Spricht mit einem Überlebenden, der sich unter Leichen verstecken konnte. Und schreibt dann Sätze wie: "Die Deutschen sind sehr gut zu Tieren."

Schmerz vor lauter Langeweile
In dieser eindringlichen Knappheit setzt sich hier eine ganze Epoche zusammen, und man muss dem kleinen Schweizer Dörlemann Verlag dankbar sein, dass er Gellhorns Briefe und Reportagen seit ein paar Jahren wiederentdeckt, neu übersetzt und in wunderschönen Bänden herausbringt.
Zumal es bei Gelhorn nicht immer nur um Krieg geht; sondern auch um "das Leben, ein Thema, bei dem ich von Jahr zu Jahr unsicherer werde". Sie ist schließlich nicht aus rein altruistischen Gründen unterwegs, sondern aus persönlichen. Weil sie immer wieder "gefoltert war von Langeweile, so heftig wie Schmerzen". Und weil sie im Journalismus einen Fluchtweg erkannte, der dem, was sie ohnehin tun musste, einfach einen Namen gab (und ihr zu einem Einkommen verhalf).
Selbstironisch schaut sie sich also auch bei all ihren anderen rastlosen Unternehmungen zu, die sie "Höllenfahrten" nennt – so als wolle sie uns ein für allemal von der Sorge heilen, in der Fremde etwas Tolles zu versäumen. "Wenn man einmal drei Reisfelder gesehen hat, braucht man nicht mehr hinzuschauen", sagt sie über China.
Die Karibik erlebt sie bloß aus einem Ruderboot aus, das tagelang in der Flaute schaukelt. Und Afrika durchquert sie an der Seite von Joshua, einem ängstlichen, verklemmten einheimischen Fahrer/Führer/Beschützer, den sie schließlich dafür bezahlen muss, dass er sich von ihr durch den Kontinent fahren, führen und beschützen lässt.
In dieser wunderschön absurden Szene sprengt Gellhorn lässig sämtliche Konventionen ihrer Zeit in die Luft: das koloniale Herr-Diener-Verhältnis ebenso wie die althergebrachte Hierarchie der Geschlechter.
"Ich war eine müde, einsame Ameise
auf einem übergroßen Erdteil", seufzt sie theatralisch. Dennoch hat all das sie nicht umgebracht. Martha Gellhorn war 90,
als sie sich das Leben nahm. Alles muss man selber machen, würde sie dazu wohl sagen.

Sibylle Hamann in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 21)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Reisen mit mir und einem Anderen - Fünf Höllenfahrten (Martha Gellhorn)

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