Das Buch zum Vorspann

'The title is a shot'
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Der Filmvorspann bündelt verschiedene, teilweise heterogene Funktionen: Er dokumentiert die Filmproduktion, adressiert den Zuschauer, führt in die Diegese ein, thematisiert die Vorführsituation, ist Anfangsmarkierung, Einstimmung, Nachweis von Arbeit, Ort der Signatur, Werbung, Film im Film. Aufgrund seiner reflexiven Verfasstheit im Spannungsverhältnis von Produktion und Fiktion liefert der Vorspann mittels unterschiedlicher Kondensationstechniken eine zugespitzte Lektüre des folgenden Films, die dessen Rezeption steuert. Diese alternative Konzeption des Filmischen macht ihn besonders interessant. Folgt man André Gardies, gehört zur enunziativen Struktur des Vorspanns ein metadiskursives Moment, das den Vorspann als Äußerungsakt in ein Spannungsverhältnis zu dem Film setzt, der auf ihn folgt. Im gleichen Maße wie der Vorspann über das Gemachte eines Films spricht, muss er mit einem Film kollidieren, der den Bezug auf sich selbst (seine Produktionsbedingungen oder seine Medialität) auszublenden bestrebt ist.
Vorspann/Abspann, titles, main title, closing titles, title sequence, credits, générique: den verschiedenen Bezeichnungen entsprechen unterschiedliche Hinsichten auf den Gegenstand. Die deutsche Version Vor- bzw. Abspann betont die Positionierung dieser Form im Film, ihre Rahmenfunktion, ihre Paratextualität. Ein Vorspann ist ein eigener Film – und auch wieder nicht. Générique hingegen verweist auf den Film unter dem Gesichtspunkt seiner Entstehung, seiner Produktion, auf die er sich ›dokumentierend‹ bezieht. Auch das englische credits bezieht sich mit der Unterscheidung von Person und Rolle bzw. Funktion auf ein Außen des Films. Bezeichnet titles allgemein Schrift im Film – wie subtitles oder intertitles im besonderen –, so fokussiert dies ein häufig ausgegrenztes Ausdrucksmittel des Films. Eine Entgegenstellung von Schrift und filmischem Bild macht jedoch wenig Sinn. Die Schrifttafeln des Vorspanns sind genuin filmische Bilder: 'the title is a shot' (Godard). In der Kombination von photographischem Bild, Graphik, Animation, Ton, Musik, gesprochener Sprache, dem Einsatz von Opticals bzw. digitaler Bildbearbeitung und Schrift erweist er sich als komplexe, oft experimentelle filmische Form. Nicht zuletzt bezeichnet title zudem einen Rechtsanspruch, ›Rechtstitel‹ – und auch diesen ökonomischen Aspekt beleuchten einzelne Beiträge des hier vorgelegten Bands.
Dieses Buch versammelt einerseits in Übersetzung zentrale, bis dato aber zu wenig bekannte Texte der internationalen filmwissenschaftlichen Diskussion. Es steuert andererseits eine Reihe originaler Beiträge bei, Vorspannlektüren, von denen zu hoffen ist, dass sie das künftige Studium dieser so komplexen und reichen Form auf eine Weise anregen werden, die den vielfältigen Möglichkeiten ihres Gegenstandes gerecht wird.

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FALTER-Rezension

Kunst des Vorspanns

Fiel Ihnen eigentlich schon einmal auf, wie viele aktuelle Kinospielfilme mit dem Erwachen ihrer Hauptfigur beginnen? Falls nicht, wäre das nicht weiter verwunderlich, handelt es sich beim Vorspann um jenen prekären Eingangsbereich, in dem der Film um die Aufmerksamkeit des Publikums noch buhlt. Und dabei, wie es der französische Filmwissenschaftler Roger Odin formuliert, alles daransetzt, "mich von dem loszulösen, was mich noch an den Kinosaal bindet: von meinem Sitz, in dem ich nicht wirklich bequem sitze, den Geräuschen um mich herum, die mich immer noch ablenken, den Leuten neben mir, mit denen ich die Unterhaltung abbrechen muss". Dem Vorspann - und nur ihm - ist die Aufsatzkompilation gewidmet, deren zwölf Aufsätze sich ausschließlich auf Filmbeginne des klassischen Erzählkinos konzentrieren.

Was es mit dem Erwachen bei Filmbeginn auf sich hat, beantwortet Dirk Schaefer im dichtesten und schönsten Aufsatz von "Das Buch zum Vorspann": Wenn Filme "schon mal anfangen", während die Titel noch laufen, drehen sie sich oft "um genau solche Momente, die aus der Filmerzählung sonst meist entfernt werden, um Zeit zu sparen. Im ,integrierten' Titelvorspann aber geht es darum, Zeit zu verlieren, die Filmhandlung sozusagen auf der Stelle treten zu lassen." Vielleicht ist es mitunter gerade das, was am Vorspann fasziniert: der kurze Luxus, Zeit zu verlieren, bevor sich der Film der Erzählökonomie beugt.

Maya McKechneay in Falter 40/2006 vom 06.10.2006 (S. 60)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783930916726
Erscheinungsdatum 21.06.2006
Umfang 184 Seiten
Genre Kunst/Fotografie, Film, Video, TV
Format Buch
Verlag Vorwerk 8
Herausgegeben von Alexander Böhnke, Rembert Hüser, Georg Stanitzek
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