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Verlag: Spector Books OHG
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Dramatik
Umfang: 96 Seiten
Erscheinungsdatum: 17.10.2013

Rezension aus FALTER 49/2014

Dem jungen Autor Wolfram Lotz ist mit "Die lächerliche Finsternis" im Akademietheater ein Stück des Jahres gelungen. Wer lieber Bücher liest als ins Theater zu gehen, kann Lotz in dem Bändchen "Monologe" kennenlernen, den der Leipziger Kunstverlag Spector Books als Auftakt einer liebevoll gemachten Paperbackreihe produziert hat. Neben Lotz' programmatischer "Rede zum unmöglichen Theater" (Zitat: "Die Würstchen der Wahrheit, die für uns gebraten werden, wollen wir nicht mehr essen") sind darin vier Monologe enthalten, die eine gute Einführung in die unkonventionelle Denkweise, die klare Sprache und den eigensinnigen Witz des Autors darstellen. Es sprechen Thilo Sarrazin, ein somalischer Pirat, Rudolf Moshammer und – besonders witzig – die Mutter des Dramatikers. Der Bub habe sich halt spät entwickelt, sagt Mama Lotz über ihren Sohn, "aber innerlich ist er ein ganz Lieber". Und nach der Lektüre: Ab ins Theater!

Wolfgang Kralicek in FALTER 49/2014 vom 05.12.2014 (S. 30)


Rezension aus FALTER 37/2014

Gebt dem Arschloch eine Chance!

Gesellschaftskritik zum Schieflachen: Neues vom Dramatiker Wolfram Lotz

Jeder hat ein Arschloch." Ein Theaterabend, an dem dieser Satz fällt, kann schon einmal nicht ganz schlecht sein. Der Satz stammt aus dem "kontrasexuellen Manifest", in dem folgende These aufgestellt wird: Wenn die Menschheit sich auf den Anus als "eigentliches Geschlechtsteil" einigen könnte, wäre die ganze Gendersache kein Thema mehr. Also: "Gebt dem Arschloch eine Chance!"
"Die lächerliche Finsternis" heißt der Theaterabend im Akademietheater, und obwohl die Saison gerade erst begonnen hat, kann man schon jetzt ohne Übertreibung sagen, dass in diesem Theaterjahr kaum viel Besseres zu sehen sein wird. Zu entdecken gibt es einen außergewöhnlichen Autor, einen für Wien neuen Regisseur und eine tolle junge Schauspielerin.
Der Autor heißt Wolfram Lotz. Seine ersten beiden Stücke, "Der große Marsch" und "Einige Nachrichten an das All", waren spielerische Angriffe auf die Institution Theater, voll herrlich absurder Ideen und unmöglicher Regieanweisungen. Begleitet wurden sie von einem fröhlich-utopischen Manifest ("Rede zum unmöglichen Theater"), in dem der Autor der Schwerkraft, dem Tod und anderen Zumutungen den Kampf ansagte.
Das neue Stück, "Die lächerliche Finsternis", ist auf den ersten Blick eine Paraphrase von Joseph Conrads Erzählung "Das Herz der Finsternis" bzw. dem darauf basierenden Vietnamfilm "Apocalypse Now". Zwei Bundeswehrsoldaten, Hauptfeldwebel Pellner und Unteroffizier Dorsch, befinden sich auf einem Spezialeinsatz in den Regenwäldern von Afghanistan. Sie sollen einen Offizier aufspüren, der zwei Kameraden erschossen hat, und fahren in einem Boot den Hindukusch hinauf.

Seit wann ist der Hindukusch ein Fluss? Und gibt es dort überhaupt Regenwälder? Mit schnöder Geografie kommt man bei Lotz nicht weit. Sein Afghanistan ist ein dunkler Kontinent, der sich aus all den Krisengebieten von Afrika bis Ex-Jugoslawien zusammensetzt, die uns Mitteleuropäer das Schrecken lehren. Es geht nicht um Afghanistan, es geht um uns.
Trotzdem gibt es viel zu lachen. Auf ihrer Mission begegnen die beiden Soldaten etwa einem italienischen Uno-Kommandanten, der sich furchtbar darüber echauffiert, dass die "Eingeborenen" nach dem Stuhlgang nicht die Klobürste benutzen. Oder einem lustigen Missionar, der am Islam vor allem kritisiert, dass all die schönen Frauen nicht mehr nackt herumlaufen dürfen. "Was ist denn das für eine Religion, die den Menschen vorschreibt, wie sie zu leben haben?" Eine typische Lotz-Pointe.

Der 33-jährige Lotz ist im Schwarzwald aufgewachsen und lebt heute in Leipzig. Er ist groß und schlank, wirkt jungenhaft und etwas schüchtern. Dass er als Theater­autor den Durchbruch schaffte, war eher Zufall, kommt ihm aber entgegen. "Als Autor will man ja immer, dass das, was man schreibt, nicht Fiktion bleibt, sondern mit der Realität zu tun bekommt. Und im Theater geschieht ja genau das: Was geschrieben ist, soll auf irgendeine Art stattfinden. Das ist doch eigentlich wirklich extrem interessant!"
Wie genau es stattfindet, überlässt Lotz ganz dem Theater, er ist da sozusagen ein Anti-Kehlmann. "Die Vorstellung, dass die wie Handwerker ausführen, was ich imaginiert habe, erscheint mir fast pervers."
Lotz bedient das Theater nicht, er fordert es heraus. Nicht weil er dem Medium misstrauen würde, das Gegenteil ist der Fall: Er traut dem Theater viel mehr zu als andere, die es mit Well-made Plays beliefern. "Theater kommuniziert sehr stark mit Gesellschaft. Deshalb bedeutet es auch sehr viel, das Theater zu verändern." Lotz legt Wert auf die Feststellung, dass es ihm niemals nur ums Spielen gehe. "Ich bin Realist, auch wenn man es den Texten nicht ansieht."
Vor zwei Jahren wurde im Akademietheater sein Stück "Einige Nachrichten an das All" aufgeführt. Der Erfolg dieser schönen Produktion (Regie: Antú Romero Nunes) habe ihm geholfen, meint Lotz. "Danach musste ich nicht mehr diskutieren, ob man meine Stücke überhaupt spielen kann."
"Die lächerliche Finsternis" ist eigentlich ein Hörspiel, weil Lotz vermeiden wollte, dass die fremden Welten visualisiert werden. Dass die Uraufführung nun doch auf der Bühne stattfand, ist ein Glück. Der erstmals in Wien engagierte Tscheche Dusan David Parizek hütet sich in seiner Inszenierung, irgendetwas zu bebildern. Der vom Regisseur selbst gestaltete Raum hat Probe­bühnencharakter, eine schlichte Bretter­wand markiert die Spielfläche, für die Spezialeffekte müssen zwei Overheadprojektoren reichen.

Obwohl im Stück nur Männer vorkommen, stehen vier Frauen auf der Bühne. Catrin Striebeck spielt den zackigen Hauptfeldwebel, Frida-Lovis Hamann den sensiblen Unteroffizier, Dorothee Hartinger und Stefanie Reinsperger übernehmen alle anderen Rollen. Gut sind sie alle, die 26-jährige Burg-Debütantin Reinsperger aber ist die Sensation des Abends.
Gleich ihr erster Auftritt ist eine Wucht: Den langen, hochkomischen und (auf seine Art) tief poetischen Monolog eines Piraten, der sich vor Gericht verantwortet, spricht Reinsperger im breiten Dialekt ("I bin a schwoaza Nega aus Somalia!") und so ungekünstelt, dass man zuerst glaubt, da stehe eine Laiendarstellerin auf der Bühne. Bald aber erkennt man, was für eine hochbegabte, ungewöhnliche, kraftvolle und komische Schauspielerin das ist.
Das rein weibliche Ensemble war eine Regieidee, Wolfram Lotz ist damit aber, logisch, sehr einverstanden. "Meine Utopie ist eh, dass Rollen nicht nach dem vergeben werden, was man zwischen den Beinen hat. Das spielt doch nur dann eine Rolle, wenn das Geschlechtsteil auf der Bühne gezeigt werden soll." Ein Grund mehr, sich endlich auf den Anus zu einigen.

Wolfgang Kralicek in FALTER 37/2014 vom 12.09.2014 (S. 30)


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