Wir waren hier

Gedichte
88 Seiten, Hardcover
€ 25,70
-
+
Erscheint am 29.10.2026

Bitte haben Sie einen Moment Geduld, wir legen Ihr Produkt in den Warenkorb.

Mehr Informationen
Reihe Ukrainische Poesie
Themen Biographie, Literatur und Literaturwissenschaft Lyrik, Poesie
ISBN 9783948259433
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 29.10.2026
Größe 20 x 12 cm
Verlag Mauke
Übersetzung Jakob Walosczyk
LieferzeitErscheint am 29.10.2026
HerstellerangabenAnzeigen
Verlag Friedrich Mauke
Bauhausstr. 7 | DE-99423 Weimar
post@mauke-verlag.de
Unsere Prinzipien
  • ✔ kostenlose Lieferung innerhalb Österreichs ab € 35,–
  • ✔ über 1,5 Mio. Bücher, DVDs & CDs im Angebot
  • ✔ alle FALTER-Produkte und Abos, nur hier!
  • ✔ keine Weitergabe personenbezogener Daten an Dritte
  • ✔ als 100% österreichisches Unternehmen liefern wir innerhalb Österreichs mit der Österreichischen Post
Kurzbeschreibung des Verlags

Warum Poesie in Kriegszeiten? Physisch kann Poesie niemanden schützen und erst Recht nicht mehr zum Leben erwecken. Auch Artur Dron konnte diese Frage nach der Poesie zunächst nicht beantworten: » Nachdem die groß angelegte Invasion begonnen hatte, hörte ich auf zu schreiben. Seit meinem siebzehnten Lebensjahr hatte ich geglaubt, dass die Literatur meine Lebensaufgabe sei; ich dachte, Schriftsteller zu sein, sei etwas von Gewicht und Bedeutung ...« So meldete er sich als Freiwilliger zu den Streitkräften der Ukraine – und fand im Schützengraben zurück zur Poesie. Und was dort geschaffen wurde, ist für die Kritik eine sprachliche Ausstellung, eine Darstellung dessen, wie Krieg in den Alltag, die Existenz und die Sprache eingreift. Auch Artur Drons Gedichte werden zu einer Form der Verarbeitung des Selbsterlebten, des Mitteilens, Begreifens. Wir, die wir vom russischen Angriffskrieg nicht unmittelbar betroffen sind, haben es nicht immer leicht, die Stimmungen, die Lebensumstände zu begreifen, denen die Menschen in der Ukraine ausgesetzt sind. Die Gedichte in ihrer Eindringlichkeit erreichen auch uns sehr direkt und emotional.

Mehr Informationen
Reihe Ukrainische Poesie
Themen Biographie, Literatur und Literaturwissenschaft Lyrik, Poesie
ISBN 9783948259433
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 29.10.2026
Größe 20 x 12 cm
Verlag Mauke
Übersetzung Jakob Walosczyk
LieferzeitErscheint am 29.10.2026
HerstellerangabenAnzeigen
Verlag Friedrich Mauke
Bauhausstr. 7 | DE-99423 Weimar
post@mauke-verlag.de
Unsere Prinzipien
  • ✔ kostenlose Lieferung innerhalb Österreichs ab € 35,–
  • ✔ über 1,5 Mio. Bücher, DVDs & CDs im Angebot
  • ✔ alle FALTER-Produkte und Abos, nur hier!
  • ✔ keine Weitergabe personenbezogener Daten an Dritte
  • ✔ als 100% österreichisches Unternehmen liefern wir innerhalb Österreichs mit der Österreichischen Post
FALTER-Rezension

Ohne Finger schreiben

Thomas Wolkinger in FALTER 37/2026 vom 09.09.2026 (S. 23)

Im Verteidigungskrieg gegen Russland greifen auch Schriftstellerinnen zu den Waffen. Sie trösten mit ihren Gedichten Versehrte, betrachten Pazifismus als Luxus und schaffen eine neue Art der Literatur.

Der Bus holpert über das Kopfsteinpflaster von Lwiw/Lemberg nach Osten, nach Wynnyky. Eine Gruppe deutscher und ukrainischer Schriftsteller besucht in der westukrainischen Stadt das Rehabilitationszentrum Superhumans.

In Superhumans sollen Soldaten und Zivilisten von schweren Traumata genesen. Das Rehazentrum hat sich auf Prothetik spezialisiert und betreut rund 300 Patienten, die vor der „übermenschlichen“ Aufgabe stehen, ihr Leben auf neue Beine zu stellen. Der Bedarf im Land ist riesig, mehr als 100.000 Menschen wurden Gliedmaßen amputiert. Die Autorin Jaryna Tschornohus, 31, ist ein wenig aufgeregt, während der Bus sich durch den Verkehr kämpft. Sie sagt, sie sei nervös, weil sie fürchtet, den Veteranen nichts Neues erzählen zu können. „Sie haben alles schon erlebt.“

Tschornohus ist seit sieben Jahren im Krieg, gegen die Großinvasion 2022 kämpfte sie in der Marineinfanterie. Im Juni flog sie Drohneneinsätze bei Cherson, nun ist sie in der Kommunikationsabteilung der Marine gelandet. Über ihr Leben als Soldatin führt sie ein „poetisches Tagebuch“, dessen zweiter Band gerade auf Deutsch erschien.

In der Klinik trägt Tschornohus Gedichte vor. Mit ihren Versen will die Autorin vor allem jenen den Krieg nahebringen, die sich ihm noch nicht stellen mussten oder wollten. Es steckt kein Heldenpathos in ihren Gedichten, die vom bitteren Alltag unter Dauerfeuer handeln, von verlorenen Schlachten und getöteten Kameraden.

Tschornohus kleidet diese Erfahrungen in Elegien, Anklagen oder Fürbitten, die bei aller Verzweiflung und Wut vor allem von der Entschlossenheit getragen sind, bis zum Äußersten zu gehen. „Selbst unter der Aschendecke / geben wir niemals auf“, heißt es in „Monolog“. Ästhetische Finessen rücken angesichts der Dringlichkeit des Anliegens in den Hintergrund.

Die verwundeten Soldaten hören aufmerksam zu. Einer von ihnen, Denys – er hat beide Beine verloren und erscheint im pinken T-Shirt mit dem Aufdruck „Pohui“ (scheißegal) –, meint anerkennend: „Auch wenn Sie lachen, kann ich erkennen, dass Sie den Tod gesehen haben.“ Er selbst schreibt gerade an seiner Autobiografie. Arbeitstitel: „Ich und die Armeeidioten.“

In der zeitgenössischen Literatur der Ukraine ist der Krieg schon lange angekommen. Serhij Schadan, Andrij Kurkow oder Oksana Sabuschko haben in Form von persönlichen Erinnerungen, Essays, Romanen und Lyrik Stellung bezogen. Mit Jaryna Tschornohus, Artem Tschech und Artur Dron rückt nun eine jüngere Generation von Autoren nach, alle mit Fronterfahrung.

Sie stellen herkömmliche Vorstellungen von Kriegsliteratur, wie sie Ernest Hemingway („In einem anderen Land“) oder Erich Maria Remarque geprägt haben, auf den Kopf. Mit deren Pazifismus können sie wenig anfangen. Anders als Hemingway, der in den Ersten Weltkrieg wie in ein großes Abenteuer zog, haben sie sich diesen Krieg nicht ausgesucht. Ihre Texte, die auf Pathos und große literarische Gesten verzichten, erzielen beachtliche Auflagen.

Das Thema Soldatenliteratur fiel der deutschen Autorin und Übersetzerin Verena Nolte 2025 auf dem Lemberger Buchforum auf. Unter dem Eindruck der russischen Besetzung rief sie 2015 das Autorentreffen Eine Brücke aus Papier ins Leben. Nolte lud dieses Jahr auch Autoren ein, die erst durch den Krieg zur Literatur fanden.

Sie wollen mit ihren Texten dokumentieren, mobilisieren oder sich die eigenen Traumata von der Seele schreiben. Brücke aus Papier fand 2026 im Schewtschenko-Hain, einem idyllisch gelegenen Freilichtmuseum, das über ein modernes Besucherzentrum verfügt, statt. Vier Tage lang wurde gelesen, übersetzt und diskutiert.

Mykhailo Filonenko, 29, erscheint im Rollstuhl, begleitet von seiner Mutter. Filonenko war im April 2024 als Drohnentechniker ins Achilles-Bataillon eingerückt, fünf Monate später wurde er bei Kupjansk so schwer verwundet, dass nur noch sein Rücken und seine inneren Organe intakt waren. Eine russische Drohne zerfetzte seine rechte Gesichtshälfte und beide Hände, einen Finger konnten die Ärzte in insgesamt 25 Operationen rekonstruieren.

Sein Schreiben, das er während seiner Rehabilitation im Rahmen des Projekts „Stories of Warriors“ entwickelte, habe mit Traumata nichts zu tun: „Ich teile einfach das mit, was ich erlebt habe.“ Geholfen hat ihm das Schreiben aber offenbar schon. Die ersten Texte musste er noch seiner Mutter diktieren, heute genügt ihm der gerettete Finger. „Jedes Wort, das ich tippte, fühlte sich wie ein Wunder an“, schreibt er in einem eindringlichen Text. Bald wird er sein erstes Buch „Requiem für den Eros“ veröffentlichen, außerdem hat er schon mehr als 20 Hörbücher auf Youtube publiziert. „Ich bin Pensionist“, sagt er mit einem Grinsen, „da habe ich viel Zeit.“

Es ist der Abend vor dem 24. August, dem Unabhängigkeitstag, den die Ukraine zum 35. Mal begeht. In der Altstadt herrscht die übliche Wochenend-Partystimmung, nur die gelb-blauen Flaggen weisen auf den Feiertag hin. Deutlich getragener ist die Stimmung am Rand des Lemberger Altstadtrings beim Denkmal der Himmlischen Hundertschaft, das den 2014 bei den Protesten auf dem Euromaidan getöteten Demonstranten gewidmet ist.

Rund 200 Gäste haben sich eingefunden, gegen die Hitze wird Wasser verteilt. Die TV-Kameras machen sich bereit, gleich soll der Schriftsteller Artur Dron die Rede zum Feiertag halten. Dron, der tagsüber zu Gast bei dem Festival im Schewtschenko-Hain war, trägt jetzt eine schwarz bestickte Wyschywanka, die traditionelle ukrainische Trachtenbluse. Er ist 25 und der Shootingstar der Literaturszene. Schon mit 21 hatte er sich freiwillig zur Armee gemeldet, bei Donezk und Saporischschja gekämpft, wo er schwer verletzt wurde.

Narben leuchten unter Tätowierungen am linken Unterarm hervor. Seine Gedichtsammlung „Wir waren hier“ schrieb Dron in den Schützengräben bei Kramatorsk, seine autofiktionale Prosasammlung „Hemingway hat keine Ahnung“ dann während seines Aufenthalts bei Unbroken, einem weiteren Reha-Zentrum.

Mit seinen vielstimmigen Texten zum Krieg, aus denen Empathie, Liebe zu seiner Familie und den Kameraden sowie ein unerschütterlicher Gottesglaube sprechen, trifft Dron in der Ukraine einen Nerv. Er ordnet die aktuelle Gewalt in eine lange Geschichte ukrainischen Freiheitsstrebens und russischer Unterdrückung ein, schreibt von den Opfern, die jeder erbringen muss, und schafft es zugleich, einen Funken Hoffnung zu spenden. Mehr als 50.000 Bücher wurden bereits verkauft, eine achte Auflage ist in Vorbereitung. Nur Romantasy verkauft sich derzeit noch besser.

Dron spricht ruhig und frei, greift in seiner Rede aber kontroversielle Themen auf. Der entsetzliche Krieg, der bereits mehrere Jahre dauert, die Korruption bei den Machteliten und die Gleichgültigkeit in Teilen der Bevölkerung, die keinen Beitrag leisten wollen und in einer „Schweinwelt“ lebten: „Nüchtern betrachtet geht es uns dreckig.“

Seine Rede wollte er mehr wie ein Gespräch anlegen, erzählt er am Tag darauf in einem Café am Hauptplatz von Lwiw . Genau das brauche die Ukraine jetzt: einen ehrlichen Dialog darüber, wie das Unmögliche, der Sieg über den Aggressor, zu erlangen sei. Jede und jeder Einzelne müsse wieder mehr Verantwortung für das Land übernehmen, lautet seine Empfehlung.

Anders als die Literaten der „verlorenen Generation“, wie die US-Schriftstellerin Gertrude Stein die vom Ersten Weltkrieg desillusionierten Autoren nannte, können sich die ukrainischen Dichter ein pazifistisches „Nie wieder!“ noch nicht leisten. Erst muss der Angriff zurückgeschlagen und der Krieg gewonnen werden. „Wir brauchen eine neue Art von Literatur – eine, die gegen den Krieg, aber nicht gegen das Militär ist“, schreibt Dron. Dabei war Dron zunächst mit einem Gewehr eingerückt, das er nach seinem damaligen Lieblingsschriftsteller „Ernest“ nannte. Heute machen ihn die Texte Hemingways und Remarques wütend, über das Leid der Ukrainer hätten sie nichts zu sagen.

Artem Tschechs Zorn sitzt noch tiefer. Im Schewtschenko-Hain lauscht er einem Vortrag von Oksana Sabuschko, der Grande Dame der nationalen Literatur, über systematische Massenvergewaltigungen durch die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg. Vor zwei Wochen habe er erlebt, dass in Lwiw trotz nächtlicher Ausgangssperre durchgefeiert wurde, erzählt er empört. „Zur selben Zeit opfern im Osten Soldaten ihr Leben für das Land.“

Tschech, Jahrgang 1985, wurde zu Beginn der Großinvasion das zweite Mal einberufen. Über seine Erfahrungen von 2015 hat er mit „Nullpunkt“ den ersten Versuch einer kritischen Kriegsliteratur geschrieben. In seinem neuen, autofiktionalen Buch „Musik für einen Soldaten“ beschreibt er schonungslos, was er in Slowjansk und Bachmut erlebt, wie die Gewalt an der Front ihn persönlich traumatisiert und das ganze Land vergiftet hat.

Er zweifelt an der Sinnhaftigkeit des Schreibens, verzweifelt an der Militarisierung des Alltags und sorgt sich wie Artur Dron um den Zusammenhalt des Landes. „Wir alle haben schon lange kein Gespür mehr füreinander“, schreibt er. Tschechs Literatur erinnert am ehesten an die Desillusionierung der „verlorenen Generation“. Doch ringt er zugleich in jedem Satz mit der schrecklichen Notwendigkeit, sich notfalls für Frieden und Freiheit zu opfern. Vielleicht, schließt Tschech sein Buch und seine Lesung, sei es das Wichtigste für die ukrainische Literatur, dass keine weiteren Schriftsteller sterben.

289 Namen verzeichnete das Projekt „Nedopysani“ („Ungeschrieben“), das an die bisher getöteten Literaten erinnert. An den Lyriker Maksym Krywzow, an den Kinderbuchautor Wolodymyr Wakulenko oder an Wiktorija Amelina, die vor drei Jahren bei einem Raketenangriff auf eine Pizzeria in Kramatorsk getötet wurde. Ihr Grab liegt am Rand des Lytschakiwski-Friedhofs in Lwiw, unweit des Marsfelds für die im Krieg gefallenen Soldaten.

Dort findet am Tag der Unabhängigkeit ein großer Gedenkgottesdienst statt. An Amelinas Grab, das die deutsch-ukrainische Autorengruppe am letzten Tag besucht, ist es still. Verena Nolte hat einen Blumenstrauß mitgebracht. 2019 hatte sie die Autorin zu ihrer Veranstaltung eingeladen. Ein silberner Bogen spannt sich über das Mal, darauf eine Inschrift, die berührt und mahnt: „Solange Schriftsteller gelesen werden, leben sie.“

In dieser Rezension ebenfalls besprochen:

weiterlesen